Demokratiegeschichten

Erschossen im Schwarzwald

Der 26. August 1921 war ein Sonntag. Der ehemalige Reichsfinanzminister Matthias Erzberger machte einen Kurzurlaub zusammen mit seiner Frau und seiner siebenjährigen Tochter im idyllischen Schwarzwaldkurort Bad Griesbach. An jenem Sonntagmorgen vor 98 Jahren wandert Erzberger hinauf zum Berg Kniebis, gemeinsam mit seinem Parteifreund, dem Zentrumspolitiker Carl Diez. Auf dem Weg werden sie von zwei Männern überholt, ohne Gruß. Um kurz vor elf Uhr entschließen sich Erzberger und Diez, ihre Wanderung abzubrechen. Aber nicht wegen der Männer, sondern weil es regnet und der Boden immer matschiger wird. Doch plötzlich tauchen die Männer wieder auf. Sie ziehen Pistolen und zielen auf Erzberger und seinen Freund. Carl Diez versucht noch, die Schüsse mit seinem Regenschirm abzuwehren. Aber er wird getroffen und geht zu Boden. Erzberger, ebenfalls verletzt, versucht seitlich zu entkommen und stürzt einen Hang hinab. Eine Tanne stoppt seinen Fall. Schwer verletzt bleibt er liegen. Die Attentäter gehen auf Nummer sicher: Einer klettert ihm nach und schießt ihm aus nächster Nähe in den Kopf. Matthias Erzberger stirbt im Schwarzwald, Carl Diez überlebt.

Zielscheibe des Hasses

Dieser politische Mord war nicht das erste Attentat auf Erzberger. Immer wieder verhinderten Polizisten, dass ein wütender Mob auf ihn losging. Auch während des Kapp-Putsches im März 1920 wurde es für Erzberger lebensgefährlich, er versteckte sich in einem Tempelhofer Kloster. Und im Januar 1920 wurde schon einmal auf ihn geschossen, eine Kugel verletzte ihn an der Schulter, eine weitere prallte an seiner Uhrenkette ab und blieb in Papieren, die er in seiner Brusttasche trug, stecken. Und zwischen den Mordversuchen und Gewalttätigkeiten immer wieder Drohungen, Verleumdungen, Hate Speech. Woher kam dieser Hass, dem Erzberger schließlich im Schwarzwald zum Opfer fiel?

Beliebt und angesehen bis 1918

Denn in seinen ersten Lebensjahrzehnten trachtete ihm niemand nach dem Leben. Im Gegenteil: der aus Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb stammende Erzberger machte sich einen Namen und wurde von vielen geschätzt. Zunächst arbeitete er als Volksschullehrer, fühlte sich aber zu Höherem berufen. Er trat mit 20 Jahren in die Zentrumspartei ein, wurde Redakteur bei der katholischen Tageszeitung „Das Deutsche Volksblatt“ in Stuttgart und studierte nebenberuflich Staatsrecht und Nationalökonomie in der Schweiz. Er war umtriebig, gründete eine christliche Gewerkschaft und arbeitete in mehreren katholischen Arbeitervereinen mit. Im Jahr 1903 kandidierte Erzberger und wurde für das Zentrum mit nur 28 Jahren als damals jüngster Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Im Reichstag entwickelt er sich zum Finanzexperten. Er befürwortete die Aufrüstung des Deutschen Reiches und auch zu Beginn des Ersten Weltkrieges war er kriegsbegeistert wie die meisten seiner Zeitgenossen. Er ging fest von einem deutschen Sieg im Krieg aus und erhoffte sich große Gebietsgewinne für das Deutsche Reich.

Gesinnungswandel durch Expertenwissen

Während des Ersten Weltkrieges baute Erzberger ein Nachrichtenbüro zur Propaganda im Ausland auf, das bald dem Auswärtigen Amt unterstellt wurde. Erzberger bekam so eine Fülle von Informationen aus verschiedenen Ländern, heute würde man ihn als begnadeten Netzwerker bezeichnen. Sein gesammeltes Expertenwissen ließ ihn spätestens 1917 erkennen, dass der Krieg für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen war und man mit den Kriegsgegnern in Verhandlungen treten musste. Er arbeitete nun auch mit der SPD, die er zuvor bekämpft hatte, zusammen. Auf Erzbergers Betreiben hin erarbeitete ein interfraktioneller Ausschuss des Reichstages eine Friedensresolution, die einen Verständigungsfrieden zur Beendigung des Krieges forderte und im Reichstag am 19. Juli 1917 angenommen wurde.

Zu später Frieden

Die Friedensresolution von 1917 hatte aber keine praktische Auswirkung. Erst im September 1918 sah auch die militärische Führung des Deutschen Reiches ein, dass Waffenstillstandsverhandlungen aufgenommen werden mussten. Die Generäle Ludendorff und Hindenburg ließen hier gerne den Zivilisten den Vorttritt. Erzberger, der kurz vorher zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannt wurde, übernahm am 6. November 1918 die Leitung der Waffenstillstandskommission.

Unterhändler ohne Spielraum

Ihm blieb kaum Verhandlungsspielraum, denn die Lage der Deutschen war aussichtslos, nachdem die USA gegen Deutschland in den Krieg eingetreten, die letzte deutsche Offensive gescheitert und die deutsche Kriegswirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch war. Die Bedingungen der Alliierten waren hart und klar: vollständiger Rückzug aus Belgien, Frankreich und Elsass-Lothringen, Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch alliierte Truppen, Auslieferung der deutschen Kriegsflotte und aller schwerer Waffen, Bereitschaft zu umfangreichen Reparationen. Am 11. November war es dann so weit: In einem Eisenbahnwagen, dem mobilen Hauptquartier der französischen Armee, unterzeichnete Erzberger im Auftrag Hindenburgs und der „Revolutionsregierung“ unter Friedrich Ebert im Wald von Compiègne in Nordfrankreich das Waffenstillstandsabkommen, das einer deutschen Kapitulation gleichkam.

Sündenböcke gefunden

Jetzt erst wurden den meisten deutschen das Ausmaß der Niederlage klar. Als viel zu hart und sehr demütigend empfanden sie die unterschriebenen Bedingungen. Und viele machten nicht die militärische Führung, die jahrelang rücksichtslos Krieg geführt hatte, für die Niederlage verantwortlich, sondern den Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommen: Matthias Erzberger. Aber nicht nur ihn. Geschickt duckten sich die Militärführer Ludendorff und Hindenburg weg und erfanden die „Dolchstoßlegende“, in Wirklichkeit keine Legende, sondern eine dreiste Lüge, lange bevor es Fake News als Wortschöpfung gab: Die „Novemberverbrecher“ hätten durch die Revolution der „im Felde unbesiegt“ gebliebenen deutschen Armee den Dolch in den Rücken gerammt.

Verantwortung übernommen

Trotz der Hetze gegen seine Person schreckte Erzberger weiter nicht davor zurück, Verantwortung zu übernehmen und schwerwiegende Entscheidungen zu treffen. Denn im Juni 1919 steht die Unterzeichnung des Versailler Vertrages an, der ohne die Beteiligung des Deutschen Reiches nur von den Siegermächten ausgehandelt worden war. Der Vertrag besiegelte die weitreichenden Gebietsverluste des Deutschen Reiches und legte auch weitgehende Reparationen fest. Als Realpolitiker stimmte Erzberger, der im Kabinett von Philipp Scheidemann für alle Waffenstillstandsfragen zuständig war, für die Unterzeichnung des Vertrages, weil sonst die Besetzung des Deutschen Reiches drohte. Und Erzberger bekam noch mehr Verantwortung, er wurde Finanzminister und Vizekanzler.

Shitstorm von rechtsaußen

Gleichzeitig wurde er als „Erfüllungspolitiker“, „Novemberverbrecher“ und „Volksverräter“ immer heftiger beschimpft. Einer der Wortführer der rechtsradikalen Hassrede war der ehemalige Vizekanzler Karl Helfferich, Statt zu twittern verfasste er die Broschüre „Fort mit Erzberger“ und weitere polemische Artikel in der rechtsnationalen „Kreuzzeitung“ gegen den „Reichsverderber“, wie er Erzberger gern nannte. Helfferich warf ihm nicht nur politische Fehler vor, sondern auch Amtsmissbrauch und Lüge.

Sich gerichtlich wehren

Erzberger wehrte sich mit den Mitteln des Rechtsstaates und zeigte Helfferich wegen Beleidigung an. Im Prozess wurde schnell klar, dass dem Gericht vor allem daran gelegen war, die Korruptionsvorwürfe gegen Erzberger zu erhärten. Die nationalistische Presse schlachtete den Prozess aus und erhob immer neue Vorwürfe gegen Erzberger. Schließlich wurde Helfferich zwar zu 300 Reichsmark wegen Beleidigung verurteilt, aber den eigentlichen Schaden hatte Erzberger. Denn einige der Vorwürfe gegen ihn konnten nicht entkräftet werden, er wurde als korrupter und verlogener Politiker abgestempelt. Frustriert legte er im März 1920 seine Ämter nieder.

Comeback gestartet

Aber er gab nicht auf, wehrte sich weiter juristisch und versuchte, auch politisch wieder Fuß zu fassen, was ihm durch ein Reichstagsmandat auch gelang. Im Schwarzwald wollte er neue Kraft für seine politische Karriere schöpfen, als ihm die Attentäter der rechtsextremen Terrororganisation Consul am 26. August 1921 auflauerten.

Parallelen 2019

Leider gab es 2019, 98 Jahre nach den Schüssen im Schwarzwald, wieder einen politischen Mord. Drei Monate ist es jetzt her, dass der CDU-Politiker Walter Lübcke in Wolfshagen bei Kassel erschossen wurde. Auch an einem Sonntag. Nicht beim Wandern, sondern auf seiner Terrasse. Auch dem Mord an Lübcke war ein Shitstorm vorausgegangen, weil er sich für Geflüchtete engagierte und Pegida-Anhängern öffentlich widersprach. Vielleicht gibt es noch mehr Parallelen, aber natürlich auch vieles, was heute ganz anders ist. Aber es ist in jedem Fall bedrohlich, wenn der Hass auf Politiker 2019 wieder zum Mordmotiv wird. Wie am 26. August 1921.


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Dennis R. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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