Demokratiegeschichten

Theodor Körner: Vereinnahmter Freiheitskämpfer

Eines möchte ich gleich zu Beginn klarstellen: Theodor Körner war kein Demokrat. Deshalb erscheint dieser Artikel auch nicht in der Kategorie „Demokrat*in des Monats“.

Warum ist Körner dennoch ein Thema für die Demokratiegeschichten?

Weil sich an seiner Rezeptionsgeschichte zeigt, wie eine Person zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Seiten vereinnahmt wird. Das begann bereits kurz nach Körners Tod 1813 und reicht über 200 Jahre bis in die Gegenwart.

Ein falsches Zitat

Mir war Körner zunächst kein Begriff. Aufmerksam wurde ich auf ihn durch einen Teilnehmenden des Vernetzungstreffens “ Rechtspopulistische Vereinnahmungen der Erinnerungskultur“. Er zeigte uns ein Foto mit einem angeblichen Zitat Körners:

Ein Screenshot eines Facebook-Beitrags mit dem angeblichen Zitat Körners
Quelle: Facebook; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck.

Schon eine kurze Recherche im Internet ergibt, dass Körner diese Reime nicht geschrieben hat. Verantwortlich hierfür ist sehr wahrscheinlich eine rechtsextreme Holocaustleugnerin. Doch in den letzten Jahren taucht das vermeintliche Körner-Gedicht immer wieder im Internet auf. Und auch auf Pegida-Demonstrationen wurde es schon gesehen.

Zeit, sich schlau zu machen. Wer war Körner?

Carl Theodor Körner: Ein kurzes Leben

Gerade einmal 21 Jahre alt wurde Carl Theodor Körner. Der 23. September 1791 war sein Geburtstag in Dresden, er starb am 26. August 1813 im Forst von Rosenow. Doch dazu später mehr.

Trotz der Kürze seines Lebens ließe sich einiges über Körner sagen. Über die zahlreichen Verbindungen zu den Vertreter*innen der Kultur seiner Zeit – Goethe, Schiller, Kleist, Humboldt, Schlegel, … – die seine Familie hatte. Darüber, dass er früh musikalisches Talent zeigte. Oder darüber, dass er von mehreren Universitäten verwiesen wurde, weil er sich an Prügeleien zwischen Landsmannschaften beteiligt hatte.

Einsteigen will ich jedoch mit seiner vorletzten Station: Wien 1811.

Antonie Adamberger mit Theodor Körner. Postkarte nach einem Gemälde von Hugo Schubert. Bild: GoetheZeitPortal.

Dort setzte Körner sein Geschichtsstudium nach, nachdem er zunächst Freiburg und dann Berlin verlassen musste. Sein Studium trat allerdings bald in den Hintergrund. Stattdessen konzentrierte sich Körner auf sein schriftstellerisches Schaffen; innerhalb weniger Monate verfasste er mehrere Schauspiele, insbesondere Lustspiele, für das Burgtheater.

Am Theater lernte er zudem die Schauspielerin Antonie Adamberger kennen, 1812 verlobten sich die beiden. Körner widmete seiner Verlobten zwei Dramen – in Toni spielte sie die titelgebende Hauptrolle – und mehrere Gedichte. In Zriny thematisierte er den ungarischen Kampf gegen die türkischen Eroberer. Eine Parallele zur damaligen Situation: Große Teile Europas standen unter der französischen Herrschaft Napoleons.

Glück in der Liebe, Glück im Beruf. Theodor Körner schien ein glanzvolles Leben bevorzustehen. Gleich zwei Fürsten boten ihm Verträge als Theaterdichter an. Körner entschied sich für die Stelle am Wiener Burgtheater, damit erhielt er auch den Titel eines k. k. (kaiserlich und königlichen) Hoftheaterdichters.

Für das Vaterland

Nur zwei Monate nachdem er die Stelle angetreten hatte, kündigte Körner diese wieder. Denn im März 1813 rief Preußen seine Bürger zu den Waffen auf, abermals sollte es in den Kampf gegen Napoleon gehen. Körner folgte diesem Ruf mit Enthusiasmus, wie in einem Brief an seinen Vater deutlich wird.

Ja, liebster Vater, ich will Soldat werden, will das hier gewonnene glückliche und sorgenfreie Leben mit Freunden hinwerfen, um, sei’s auch mit meinem Blute, mir ein Vaterland zu erkämpfen.

Theodor Körner in einem Brief an seinen Vater, 10. März 1813.

Dieser Enthusiasmus, Patriotismus, Überschwang – wie auch immer man es nennen will – zeichnete auch künftig die Lyrik Körners.

Lützows wilde Jagd

Noch im März schloss sich Körner dem Lützowschen Freikorps unter Major Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow an.

Das Lützowsche Freikorps war eines unter vielen, aber zu seiner Zeit wohl das bekannteste Freikorps. In ihm fanden sich neben Körner einige prominente Kämpfer: Die Turner Friedrich Friesen und „Turnvater“ Jahn, Joseph von Eichendorff sowie der spätere Begründer der Kindergärten Friedrich Fröbel. Außerdem mit Eleonore Prochaska, alias Jäger August Renz, und Anna Lühring zwei namentlich bekannte Frauen, die sich als Männer verkleidet am Kampf beteiligten.

Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte. Uniform Lützowsches Freikorps: Die Farben des Lützowschen Freikorps waren eine schwarze Uniform, goldene Knöpfe und rote Abzeichen. Später wurden diese Farben von Überlebenden des Freikorps in die Jenaer Urburschenschaft mitgenommen. So wurden sie zu Farben einer Freiheits- und Einheitsbewegung und später zu den deutschen Nationalfarben.

Obwohl militärisch kaum relevant, hatte das Freikorps also eine hohe propagandistische Wirkung. Die Freiwilligen stammten aus fast allen deutschen Gebieten, warben ihrerseits weitere Freiwillige und zeigten so einen bisher ungekannten Einheitsgedanken auf. Und die berühmten Mitgliedern, die selbst wieder propagandistisch arbeiteten, trugen rasch zur Entstehung eines Mythos bei.

Auch Körner hatte seinen Beitrag daran: In rascher Folge schreibt er Gedichte, die von seinen Kameraden zu bekannten Melodien gesungen werden. Dazu zählt etwa Lützows wilde Jagd. Noch 1814 komponiert Carl Maria von Weber eine Melodie darauf, die noch heute fester Bestandteil mancher Männerchöre ist.

Theodor Körner liest den Lützower Jägern seine Kriegslieder vor, Postkate: Datum unbekannt; Maler: Richard Knötel. Um das Lützower Freikorps bildete sich schnell ein Mythos, zu dem seine Mitglieder beitrugen.

Auf deutsches Volk, zum Krieg!

Mit seinen mitreißenden, aus heutiger Sicht martialisch wirkenden Liedern, traf Körner den Geist der Zeit.

Ins Feld, ins Feld! Die Rachegeister mahnen.
Auf deutsches Volk, zum Krieg!
Ins Feld, Ins Feld! Hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.

Aus dem „Lied der schwarzen Jäger

Gerade in Zeiten aufkommenden Nationalismus fanden seine Lieder Anklang. Sowohl in den Lehrplänen des Deutschen Bundes von 1815 als auch in denen des Deutschen Reiches von 1871 finden sich seine Werke wieder. Gerade unter deutschen Soldaten, die 1870/71 in den Krieg gegen Frankreich ziehen, war sein Buch Leyer und Schwerdt populär. Dass Körner selbst in den Kampf zog, verlieh seinen Werken Glaubwürdigkeit.

Auch die Nationalsozialisten entdeckten Theodor Körner für sich. Schon 1927 fanden an Körners Grab Aufmärsche statt, 1938 wurde das Gelände zu einem „Ehrenhain“ für Kundgebungen und Aufmärsche umgebaut. Unter anderem in Berlin, Rostock und Tübingen wurden Kamoderadschaften des NS-Studentenbundes nach ihm benannt.

Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.

Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.
Wer legt noch die Hände feig in den Schoß?
Pfui über dich Buben hinter dem Ofen,
Unter den Schranzen und unter den Zofen!
 

Aus „Männer und Buben

Klingt die erste Zeile „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ aus Körners Gedicht Männer und Buben (1813) bekannt? 1943 benutzte sie Propagandaminister Joseph Goebbels in abgewandelter Form – „Nun Volk, steh’ auf, und Sturm, brich los!“ – in seiner Sportpalastrede 1943. Es folgte die Aufforderung zum „totalen Krieg“. Dabei überging Goebbels, dass Körner nie an einer Eroberung teilgenommen hatte. Sondern nach seinem Verständnis „nur“ seine Heimat verteidigte:

Nicht zum Erobern zogen wir
vom väterlichen Herd,
die schändlichste Tyrannenmacht
bekämpfen wir in freud‘ger Schlacht.
Das ist des Blutes wert.

Aus „Männer und Buben

Doch auch Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus beriefen sich auf Theodor Körner. Im 6. Flugblatt der Weißen Rose zitierte Kurt Huber 1943 die erste Zeile aus Körners Aufruf (1813):

Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. (…) „Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!“ Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre!“

Abschied vom Leben

Nach dem zweiten Weltkrieg geriet Körner in der Bundesrepublik weitgehend in Vergessenheit. In der DDR allerdings wurde er als „Held der deutschen Nation und Sänger für ein einheitliches und freies Deutschland“ verehrt. Aus den über zwei Jahrhunderten, die seit seinem Tod vergangen sind, finden sich zahlreiche Denkmäler in Stein und Natur, die an den Dichter erinnern. Unendlich länger ließe sich dieser Beitrag somit gestalten.

„Körner-Eiche“ auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin in Wöbbelin; Foto: Asio otus; CC BY-SA 3.0.

Zum Ende jedoch ein Eindruck von seiner letzten Ruhestätte: In Wöbbelin liegen Körner und seine Familie begraben. Hier wurde Theodor Körner am 27. August 1813 beigesetzt, nachdem er bei einem Überfall auf einen feindlichen Transport getötet worden war. Unter der „Körner-Eiche“ wurden später auch seine Schwester und sein Vater beerdigt. Noch heute wandern Körner-Bewunderer (und leider auch viele Rechtsextreme) zu diesem Ort.

Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen KZ Wöbbelin
Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen KZ Wöbbelin; Foto: Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin, CC BY-SA 4.0.

Gleich neben der Eiche und dem für Körner aufgestellten Denkmal – Schwert und Leier: Der Ehrenfriedhof für die Opfer des KZ Wöbbelin. In den knapp 10 Wochen, die das Lager 1945 bestand, waren hier circa 5.000 Häftlinge aus 25 Nationen eingesperrt. 1.000 von ihnen starben infolge der extremen Haftbedingungen. Nach der Befreiung durch amerikanische Soldaten wurden die letzten Verstorbenen im selben Hain wie Theodor Körner beigesetzt. An wenigen Orten zeigt sich deutsche Geschichte und Erinnerungskultur wie hier.

Fazit

Theodor Körner war kein Demokrat. Und ein Anti-Monarchist, der „die da oben“ am liebsten vom Thron gestoßen hätte, war er auch nicht. Er war ein junger Mann, vielseitig talentiert, und von Nationalismus (und Hass auf Frankreich) angetrieben. Sein Kampf, seine Gedichte und sein früher Tod ließen ihn zu einer schillernden Figur werden, die unterschiedliche Seiten für sich einzunehmen versuchten. Diese Vereinnahmung lässt sich schwer verhindern. Aber sie lässt sich zumindest hinterfragen.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

1 Kommentar

  1. Hermes Ralf

    28. September 2022 - 19:53
    Antworten

    Interessant. Danke auch so einen Menschen mal hier zu benennen.

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