Demokratiegeschichten

Napoleon und die Demokratie in Deutschland

Die Vergangenheit steckt voller verblüffender Geschichten. Sie erzählen etwa von Menschen, die Ereignisse ausgelöst haben, die sie selbst nicht vorhersehen konnten – geschweige denn beabsichtigt hätten. Eine solche Geschichte ist die von Napoleon Bonaparte (1769-1821) und der Demokratie in Deutschland. Auf Korsika geboren, erklimmt er während der Französischen Revolution die militärische Karriereleiter. Bald ist er auch außerhalb der Armee beliebt. Doch der junge General hat noch weitaus größere Ambitionen.

Napoleons Kaiserkrönung in Notre Dame 1804 (Gemälde von Jacques-Louis David, 1807), Bild: gemeinfrei

Durch einen Staatsstreich kommt Napoleon am 9. November 1799 an die Macht. Kurzerhand erklärt er die Revolution, die seit einem Jahrzehnt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Frankreich prägt, für beendet. Als Erster Konsul regiert Napoleon die Französischen Republik, die in Wirklichkeit schon keine mehr ist. Im Dezember 1804 krönt er sich schließlich selbst zum Kaiser der Franzosen. Bereits davor erlaubte es ihm die neue Verfassung, faktisch als Alleinherrscher zu regieren. Doch jetzt ist seine Macht absolut.

Die Neuordnung Europas

Franz I. von Österreich (Gemälde von Friedrich von Amerling, 1832), Bild: gemeinfrei

Auf zahlreichen Feldzüge bringt der Diktator große Teile Europas unter seine Kontrolle. Anschließend gestaltet er den Kontinent nach seinem Willen um. So auch Deutschland, das zu diesem Zeitpunkt noch kein einheitlicher Staat ist. Das sogenannte Heilige Römische Reich deutscher Nation setzt sich Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen aus Hunderten von einzelnen Fürstentümern. An der Spitze dieses Herrschaftsgebildes steht der römisch-deutsche Kaiser, Franz II. (1768-1835).

Napoleon annektiert kurzerhand alle westrheinischen Gebiete. Ebenso beendet er die Zersplitterung der übrigen deutschen Fürstentümer, indem er sie zu wenigen Mittelmächten zusammenlegt. Durch die Gründung des Rheinbundes im Juli 1806 bringt er sie unter seine Kontrolle. Bis 1808 gehören diesem Militärbündnis bis auf Preußen und Österreich alle deutschen Staaten an. Sie verpflichten sich Frankreich gegenüber zu militärischer Hilfe und zum Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich. Franz II. legt daraufhin die römisch-deutsche Kaiserkrone nieder. Er begnügt sich damit, „nur“ noch Franz I., Kaiser von Österreich zu sein. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist damit nach fast 900 Jahren seiner Existenz aufgelöst.

Der Code civil

Napoleon führt in zahlreichen von Frankreich besetzten Staaten grundlegende Reformen durch, festgehalten in Form des Code civil. Dieser Gesetzestext regelt zivilrechtliche Fragen und hält zahlreiche Prinzipien der Revolution schwarz auf weiß fest. Diese gelten nun nicht mehr nur in Frankreich selbst, sondern beispielsweise auch in den Königreichen Holland und Italien, beides Kreationen Napoleons. Auch in zahlreichen Rheinbundstaaten wird der Code civil ohne große Veränderungen eingeführt, etwa im Königreich Westphalen und im Großherzogtum Frankfurt. Im Großherzogtum Baden beispielsweise tritt er nur leicht abgewandelt in Kraft.

Der Code civil im Historischen Museum der Pfalz in Speyer, Foto: Wikimedia Commons

Damit bekommen auch die deutschen Lande, zumindest teilweise, erstmals ein modernes Zivilrecht. Es beinhaltet allgemeine Grund- und Bürgerrechte wie die Gleichheit vor dem Gesetz, Religionsfreiheit und Eigentumsrechte. Ebenso kommt es zu Reformen der Bildungs-, Steuer- und Wirtschaftssysteme. Sie fördern maßgeblich die Eigenverantwortung der Bürger*innen.

Obwohl sich dadurch beispielsweise ein Berufsbeamtentum herausbildet und es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in den entsprechenden Staaten kommt, bleibt der Rheinbund letztlich ein Militärbündnis. Eigene Verfassungsorgane, die den Prinzipien der Französischen Revolution folgen und aus dem Staatenbündnis einen tatsächlichen Bundesstaat machen würden, entstehen nicht. Dies liegt hauptsächlich daran, dass für Napoleon die Stabilisierung der französischen Herrschaft – und damit seine eigene – immer an erster Stelle steht. Die Verbreitung liberaler Ideen und Reformen sind für ihn Mittel zum Zweck.

Hoffnungen auf Liberalismus und Einheit

Infolge der Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 muss bald auch das stolze Preußen vor Frankreich kapitulieren. Zwar wird es nicht Teil des Rheinbundes, verliert aber die Hälfte seines Herrschaftsgebiets. Außerdem muss es enorme Entschädigungen zahlen und Beschränkungen seiner Armee hinnehmen. Napoleon kontrolliert nun nahezu den ganzen Kontinent. Als er nach seinem Sieg über Preußen in Berlin einzieht, wird er von einer begeisterten Menschenmenge begrüßt. Napoleon, der vermeintliche Vollender der Französischen Revolution, weckt starke liberale Hoffnungen beim zunehmend selbstbewussten Bürgertum.

Napoleons Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 (Historiengemälde von Charles Meynier, 1810), Bild: gemeinfrei

Nicht nur die Preußen bejubeln den Kaiser der Franzosen als Freiheitsbringer. Die Deutschen generell erhoffen sich viel von den aus Frankreich übernommenen Reformen. Dies ändert sich, vor allem in den Rheinbundstaaten, nachdem die Bürger*innen die Neuerungen zunehmend als von außen aufgezwungen empfinden. Vor allem, weil sie häufig mit staatlichen Repressionen einhergehen. Zudem sind es vor allem sie, die Napoleons Kriege finanzieren müssen. Hohe Steuern und die stetige Aushebung neuer Soldaten dämpfen die anfängliche Begeisterung zunehmend. Das Bild Napoleons wandelt sich zu dem eines despotischen Tyrannen.

Niederlage in Russland

Trotzdem beginnt der Kaiser der Franzosen einen neuen Feldzug. Um Großbritannien wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, hatte Napoleon bereits 1806 eine Kontinentalsperre verhängt. Das Ziel war, den britischen Handel mit den europäischen Staaten vollständig zu unterbinden. Russland will sich aber nicht weiter an diese von Frankreich angeordnete Maßnahme halten. Dafür soll es nun, im Juni 1812, bestraft werden. Die militärische Unternehmung im Osten wird ein katastrophales Desaster. Nicht nur schwächt der berüchtigte russische Winter Napoleons Grande Armée, die zu ungefähr einem Drittel aus Deutschen besteht. Sie wird auch militärisch besiegt und nahezu vollständig aufgerieben. Nur jeder fünfte Soldat kehrt aus Russland zurück.

Napoleon auf dem Rückzug (Gemälde von Adolph Northen), Bild: gemeinfrei

Diese Niederlage löst in den besetzten deutschen Staaten eine Welle des nationalen Widerstands aus. Unter Führung des zunächst zögernden Preußen rebellieren zahlreiche deutsche Fürstentümer schließlich gegen Napoleons Herrschaft. Die nun ausbrechenden Befreiungskriege werden nicht selten als Geburtsstunde der deutschen Nation verklärt. Tatsächlich beteiligen sich viele Freiwillige an dem Volkskrieg gegen die französische Vorherrschaft.

Erfüllte Hoffnungen?

Es kommt zunächst sogar zu Verhandlungen. Aber nachdem Napoleon die Forderungen seiner Gegner ablehnt, eröffnet eine Koalition unter Führung Russlands, Österreichs und Preußens erneut den Krieg. Tragischer Höhepunkt ist die Völkerschlacht bei Leipzig am 16. Oktober 1813. Mit etwa einer halben Million beteiligter Soldaten ist sie die bis dahin größte Schlacht der Weltgeschichte – und Napoleons entscheidende Niederlage. Die Alliierten verbannen den besiegten Kaiser auf die Insel Elba. Von dort kehrt er 1815 nochmals zurück, wird aber in der Schlacht bei Waterloo endgültig besiegt. Es folgen die Verbannung nach St. Helena im Atlantik und, heute vor 200 Jahren, Napoleons Tod am 5. Mai 1821.

Die Völkerschlacht bei Leizpig (Gemälde von Wladimir Moschkow, 1815), Bild: gemeinfrei

Auf dem Wiener Kongress 1814/15 geben sich die siegreichen Fürsten alle Mühe, die Zeit zurückzudrehen. Sie wollen die Französische Revolution mit all ihren Errungenschaften und Misserfolgen ungeschehen machen. Obwohl sie alles daran setzen, die alte Ordnung wiederherzustellen, können die monarchistischen Herrscher den Geist des Liberalismus nicht mehr aus den Köpfen der Menschen verbannen. Der Rheinbund wird zwar aufgelöst und ein tatsächlicher deutscher Einheitsstaat zugunsten des Deutschen Bundes verhindert. Doch die Staaten des ehemaligen Rheinbundes werden zu Hochburgen des Frühliberalismus. Auch juristisch bleibt das Erbe der Französischen Revolution, vor allem in den linksrheinischen Gebieten, bestehen. Hier gilt weiterhin der Code Civil.

Napoleon Bonaparte hat sich selbst zum Kaiser der Franzosen gekrönt und damit die Ideale und Prinzipien der Französischen Revolution mit Füßen getreten. Doch ohne es zu wollen, hat er den Liberalismus nach Deutschland gebracht. Damit hat er nicht nur die Idee eines vereinten Deutschland, sondern vor allem die Idee eines vereinten, demokratischen Deutschland grundlegend vorangetrieben. Eine bizarre Ironie der Geschichte.

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Über uns 
Ulli E. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinator im Bereich Demokratiegeschichte.

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