Demokratiegeschichten

Der Weg zur Demokratie in Frankreich

Dr. Peter Lautzas ist Historiker, war von 2002-2012 Bundesvorsitzender des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) und ist seit 2015 Vorsitzender des Stadthistorischen Museums Mainz.

Der Weg zur realexistierenden Demokratie in der Neuzeit Europas war sehr mühsam. Er verlief keineswegs gradlinig und war keineswegs ein Selbstläufer. Man kann an diesem Weg mit seinen Hindernissen und Rückschlägen erkennen, welch hohes Gut schließlich in aufopferungsvollen Auseinandersetzungen von zahlreichen Generationen hatte erworben werden können. Ein Gut, das wir heute so selbstverständlich, vielleicht sogar zu selbstverständlich leben und genießen können.

Der Weg zur Demokratie offenbart darüber hinaus eine Art naturgegebene Mechanik im Prozess des historischen Wandels, der immer wieder von Unterdrückung zur Freiheit führen will, nicht immer, jedoch manchmal auch tatsächlich führt. Diesen Mechanismus zu erkennen, ermöglicht realistische und zugleich visionäre Politik. Er wird wie in einem historischen Labor deutlich an der Durchsetzung der Demokratie in Frankreich, das in vielerlei Art und Weise auch die deutsche Geschichte beeinflusst hat.

Absolutismus

Ausgangspunkt ist dort die Konzentration der gesamten Macht im Staat in einer Person im Absolutismus (Ludwig XIV.: „L‘Etat c’est moi“), religiös überhöht als gottgegeben betrachtet, sowie die beanspruchte Sonderstellung des Adels und des (hohen) Klerus. Damit verbunden ist die Rechtlosigkeit von ca. 90 % der Bevölkerung.

Dem gegenüber entsteht bereits in der frühen Neuzeit in der Renaissance sowie im Protestantismus eine neue Wertschätzung des Individuums. Dadurch werden in letzter Konsequenz die Allmacht des Monarchen, die Sonderstellung des Adels und damit das traditionelle statische Herrschafts- und Gesellschaftsbild fundamental in Frage gestellt.

Mehr Freiheit durch Aufklärung

Die in England und Frankreich entstehende Aufklärung nimmt den Gedanken auf und entwickelt ihn in einem dynamischen Fortschrittsmodell theoretisch weiter, indem sie sich auf das Naturrecht eines mit Vernunft ausgestatteten Individuums beruft und als Kernforderungen Leben, Freiheit und Eigentum formuliert. Das bedeutet: Mehr persönliche Handlungsfreiheit (Emanzipation), Menschen- und Bürgerrechte einschließlich gleicher Rechte für Frauen.

Im aufgeklärten Absolutismus konkretisieren sich diese theoretischen Gedanken in politischen und sozialen Reformvorstellungen. Getragen sind sie von einem wirtschaftlich und gesellschaftlich einflussreicher werdenden Bürgertum: Rousseau geht von der Idee der Volkssouveränität aus, bei der die Menschen in einem Gesellschaftsvertrag die Grundlage der staatlichen Gewalt bilden, wohingegen Montesquieu mit seiner Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative für die Kontrolle der politischen Macht im Staat sorgt.

Revolution von 1789

Erste Reformen in den europäischen Staaten können nicht verhehlen, dass sich letztlich die Machtfrage stellt. Da bei den privilegierten Ständen ein Verzicht auf ihre Vorrechte freiwillig und aus Einsicht nicht erfolgte, schufen sich die neuen Vorstellungen explosionsartig in der Französischen Revolution von 1789 Raum und beseitigten radikal das alte System, ohne der Kompromisslösung einer konstitutionellen Monarchie eine Chance zu geben.

La Prise de la Bastille von Jean-Pierre Houël (1789)
Sturm auf die Bastille von Jean-Pierre Houël, 1789.

Nach einer unaufhaltsamen Eigendynamik radikalisiert sich die Revolution ins Extrem, bis sie von dem neu entstandenen Besitzbürgertum 1795 gebremst wird.

Monarchien im 19. Jahrhundert

In der Folge verbindet Napoleon I. im Rückgriff gesellschaftliche Formen des Absolutismus mit den Errungenschaften der Revolution. Dadurch schafft er eine Monarchie, die im Code civil die Rechte des einzelnen Bürgers stärkt.

Als nächste Stufe erfolgt 1814 ein historischer Rückschlag in Ludwig XVIII., der restaurativ den überwundenen Absolutismus wiederbeleben will.

Dieser Versuch scheitert und man sucht im „Bürgerkönig“ Louis Philippe aus dem Hause Orléans 1830 dem liberalen Erbe der Revolution weitgehend entgegen zu kommen, ohne die Monarchie aufzugeben.

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Bronze-Relief der Revolution von 1830, angebracht am Monument la République, Place de la République, Paris, 1883; Künstler: Léopold Morice.

Auch dieser historische Kompromiss scheitert 1848, die Republik setzt sich als Staatsform durch. Der Neffe Napoleons I. beginnt in der so entstandenen 2. Republik als Staatspräsident, proklamiert sich 1852 in einem Staatsstreich als Napoleon III. zum Kaiser. In Folge errichtet er eine plebiszitäre Monarchie, die sich nicht auf ein Parlament, sondern auf den jeweiligen Willen des Volkes stützt.

Errichtung der Republik

Nach der militärischen Niederlage Frankreichs und Napoleons Abdankung siegt 1870 mit der Errichtung der 3. Republik endgültig die parlamentarische Demokratie als Regierungsform. Sie sollte sich bis 1940 und danach in veränderter Form bis heute halten. Der Versuch, eine konstitutionelle Monarchie einzurichten, hat 1870 keinen Erfolg.

Abstimmung im französischen Parlament 2014.

Dieser Phasen- und Stufenablauf zeigt nahezu idealtypisch die langwierige und mühselige Durchsetzung einer auf dem Volk gegründeten Herrschaftsform sowie die Beharrungskräfte eines absolutistischen Systems. Daher gibt er Anlass, die Errungenschaft unserer Demokratie zu schätzen und zu pflegen.

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