Demokratiegeschichten

Bestehende Verhältnisse klar benennen und infrage stellen – May Ayim und die deutsche Mehrheitsgesellschaft (I)

„Farbe bekennen“

Die Veröffentlichung des Buches „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ steht am Ende einer richtungweisenden Phase im Leben der Herausgeberinnen. Seit Sommer 1984 arbeiten die Frauen an dem Buch, in dem sie sich mit Gegenwart und Vergangenheit afrodeutschen Lebens in Deutschland auseinandersetzen. Aus einem Projekt vor allem jüngerer Frauen, die gemeinsam ihre Texte und Gedichte veröffentlichen wollen, erwächst in dieser Zeit die Idee, so viele Generationen wie möglich in der Veröffentlichung zu Wort kommen zu lassen. Das Buch erscheint, herausgegeben von Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz und May Ayim, erstmalig 1986 im Orlanda Frauenverlag in Berlin.

Die 26-jährige May Ayim, die damals noch unter dem Namen May Opitz veröffentlicht, liefert mit ihrer Diplomarbeit den wissenschaftlichen Rahmen für Farbe bekennen und ordnet dessen Inhalte in den historischen Kontext ein. Die Abschlussarbeit Afro-Deutsche: Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen ist die erste akademische Untersuchung zu afrodeutscher Geschichte überhaupt. Der erste angefragte Betreuer an der Universität Regensburg lehnt sie noch mit dem Argument ab, das Thema sei nicht relevant, weil es in Deutschland keinen Rassismus mehr gebe.

Auseinandersetzung mit der eigenen Identität

Eine Dozentin in Berlin sieht das anders und nimmt das fortschrittliche Forschungsvorhaben an.
In vielerlei Hinsicht ist Farbe bekennen ein Buch, das ohne May Ayim so niemals zustande gekommen wäre. Die Afrodeutsche schreibt nicht nur selbst, sondern führt auch zahlreiche Interviews. Ayim möchte damit zum einen die weiße 89 Mehrheitsgesellschaft auffordern, sich mit afrodeutscher Geschichte zu beschäftigen.

Zum anderen nützt das Vorhaben auch ihrer persönlichen Entwicklung. Wie sie selbst sagt, erfährt auch sie erst durch die Arbeit an Farbe bekennen, dass Schwarze Menschen schon sehr lange in Deutschland leben, nicht erst seit den 1950er Jahren.

Cover von Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren iher Geschichte; Herausgeber: May Ayim, Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz.

Mit Farbe bekennen setzen sich Ayim und die anderen Autorinnen sowohl mit sich selbst und ihrer eigenen Identität auseinander, aber auch mit der deutschen Gesellschaft, deren Teil sie sind. Eine Tatsache, die nicht nur Ende der 1980er Jahre viele weiße Deutsche nicht akzeptieren wollen. Die Frauen legen mit ihren Beiträgen Verbindungslinien zwischen individuellen Erfahrungen und deren Relevanz in gesamtgesellschaftlichen Kontexten offen.

Wer ist Teil deutscher Geschichte?

So auch mit Blick auf die Frage, wessen Geschichte gemeint ist, wenn von deutscher Geschichte gesprochen wird. Farbe bekennen setzt sich erstmals auf vielen Ebenen intensiv mit der afrodeutschen Geschichte auseinander. Im Vorwort schreiben die Herausgeberinnen: „Vor unseren Augen stand unsere Vergangenheit, die eng verknüpft ist mit der kolonialen und nationalsozialistischen deutschen Geschichte.“ Damit ist das Buch auch Ausdruck des Wunsches, von der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr übersehen zu werden.

Farbe bekennen hat außer für afrodeutschen Frauen auch Bedeutung für andere Migrantinnen und Women of Color. Indem es auf wissenschaftlicher und auf unterschiedlichen persönlichen Ebenen eindrücklich aufzeigt, wie häufig Rassismus und Sexismus lückenlos ineinandergreifen und zusammenwirken, beschreiben Ayim und ihre Mitautorinnen ein Phänomen, das Jahrzehnte später als Intersektionalität weithin bekannt sein wird. Auch deshalb bildet Farbe bekennen das Fundament für die Bewegung afrodeutscher Menschen sowie für zahlreiche Forschungsarbeiten in Deutschland und international.

Aufräumen mit dem Mythos einer rein weißen Gesellschaft

May Ayims Engagement geht weit über die Herausgeberschaft von Farbe bekennen hinaus. Ihr Ziel, afrodeutsche Identitäten in Gegenwart und Vergangenheit sichtbar zu machen und damit den Mythos einer rein weißen deutschen Gesellschaft infrage zu stellen, verfolgt sie nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Logopädin, Dozentin, Dichterin und Aktivistin. So ist sie Mitgründerin der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland (ISD); sie knüpft Kontakte in die internationale Schwarze Frauenbewegung, beispielsweise zur US-amerikanischen Bürgerrechtsaktivistin Audre Lorde; sie hält Vorträge und verfasst lyrische Texte gegen rassistische Diskriminierung; sie kritisiert Bezeichnungen wie das N-Wort, „Mischling“ oder „Besatzungskind“; sie beschreibt die Bundesrepublik als einen Staat, der sich nicht als Einwanderungsland versteht. An fast jeder Front stoßen Ayim und ihre Mitstreiter:innen auf Widerstand der weißen Mehrheitsgesellschaft.

So beginnt beispielsweise „afrikanische Geschichte“ im deutschen Geschichtsverständnis meist mit der Entdeckung und Erschließung des Kontinents durch die europäischen Großmächte. Afrikanische Menschen leben aus diesem Blickwinkel heraus davor auf einem geschichts- und kulturlosen Erdteil. Weil das Deutsche Reich im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Vergleich zu anderen Großmächten nur für eine verhältnismäßig kurze Zeit Kolonien besitzt, nimmt die deutsche Öffentlichkeit den Kolonialismus und dessen Folgen kaum wahr und noch weniger ernst.

Schwarze Menschen und Schwarze Geschichte gehören dazu

Die historische Realität, über die nicht gesprochen wird, sieht hingegen anders aus. Spätestens seit dem Kaiserreich sind Schwarze Menschen, teilweise freiwillig, teilweise unfreiwillig, Teil der deutschen Gesellschaft. Entsprechend leben ihre Nachkommen in Einzelfällen mittlerweile in der fünften Generation hier. In der aktuellen deutschen Gesellschaft bilden Afrodeutsche eine große Gruppe. Trotzdem hält sich in den Köpfen vieler Deutscher hartnäckig das Verständnis, dass nur weiße Menschen deutsch sind und sein können.

Der schulische Geschichtsunterricht ist für viele Menschen der erste Ort, an dem sie ein solches Geschichtsbewusstsein formen. In Deutschland kommen dort Kolonialismus, Rassismus und deren Auswirkungen nur am Rande vor, meist in beschönigender Weise. May Ayim fällt in einem ihrer Beiträge das vernichtende Urteil, dass bezüglich dieser Themen vor allem Fehlinformationen verbreitet und Verdummung betrieben werden. Was das für konkrete Folgen für deutsche Schüler:innen hat, weiß sie aus eigener Erfahrung nur allzu gut. Diese Art von Geschichtsunterricht vermittelt People of Color (PoC) wie ihr aktiv das Gefühl, minderwertig zu sein und nicht dazuzugehören.

Teil II folgt am 26. September.

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Über uns 
Ulli E. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinator im Bereich Demokratiegeschichte.

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