Demokratiegeschichten

Jede Gesellschaft braucht Störenfriede – Katrin Hattenhauer

Am Montag, 4. September 1989, entrollen zwei junge Frauen vor der Leipziger Nikolaikirche ein Plakat „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Ein von ihnen ist die 20-jährige Katrin Hattenhauer. Sie ist klein und drahtig. Ihre langen braunen Haare sind in einem einem losen Zopf geflochten. Zu einer dunklen Stoffhose trägt sie ein langes dunkles Hemd und ein schmales Tuch um den Hals. Die Brille unterschreicht die Entschlossenheit in ihrem Gesichtsausdruck.

Die Aktion ist sorgfältig geplant. Westdeutsche Journalisten, die zur Messe in der Stadt sind, werden informiert und filmen. Noch am selben Tag läuft in der Westdeutschen Tagesschau ein Beitrag über die Aktion und zeigt, wie Mitarbeiter der Staatssicherheit Katrin Hattenhauer gewaltsam wegzerren.

An diesem Abend hat sie Glück. Sie wird nicht festgenommen. Als sie und ihre Freunde die Montagsdemonstration eine Woche später wiederholen, sind keine Kameras dabei. Diesmal kommt Katrin ins Gefängnis. Es nicht das übliche Gewahrsam von 24 Stunden. Bis zum 13. Oktober 1989 wird sie in der Untersuchungshaft der Staatssicherheit festgehalten; mit Verhören und teilweise in Isolation.

Es ist nicht das erste Mal, dass Katrin Hattenhauer im Gefängnis ist

Am 15. Januar 1989, dem 70. Todestag von Rosa-Luxemburg, der staatlich zelebriert wird, verteilt Katrin Hattenhauer auf einer Gegen-Demonstration verbotenerweise Flugblätter. 53 Aktivisten werden festgenommen. Auch Katrin. Deshalb fordert die Staatssicherheit von der kirchlichen Hochschule, an der Katrin ein Theologiestudium begonnen hat, ihre Exmatrikulation. Zu diesem Zeitpunkt wird sie bereits regelmäßig zu Verhören abgeholt. Unter anderem wird sie immer wieder wegen verschiedener Aktionen „zugeführt“, wie es die Staatssicherheit der DDR nennt. Zum Beispiel organisiert Katrin im Juni 1989 zusammen mit anderen ein nicht genehmigtes Straßenmusikfestival in der Leipziger Innenstadt. Das Motto „Freiheit mit Musik“. Beim späteren Verhör durch die Staatssicherheit antwortet die 20-jährige auf die Fragen zum Festival „Wären Sie doch gekommen und hätten sich das angesehen“.

Das Schlüsselereignis: die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

Katrin Hattenhauer kommt im November 1968 im thüringischen Nordhausen in der DDR zur Welt. Ihre Mutter ist Krankenschwester, ihr Vater stirbt bereits vor ihrer Geburt. Katrin wird nicht zum Abitur zugelassen. Stattdessen engagiert sie sich am Theater in Nordhausen und macht eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Schreibtechnik. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 ist ein Schlüsselereignis für ihr umfangreiches politisches Engagement. Da ist Katrin 17 Jahre.

Am Rand des Erlaubten

Seit ihrer Entlassung aus der Hochschule im Februar 1989 verhindert der Staat, dass Katrin eine reguläre Arbeit aufnehmen kann. Sie schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch – putzt in einer Psychiatrie und schreibt Noten ab. Seit 1988 ist sie im oppositionellen Arbeitskreis Gerechtigkeit in Leipzig aktiv Außerdem beteiligt sie sich maßgeblich an den Friedensgebeten. Dabei geht sie mit ihrem politischen Engagement immer wieder über den Rand des Erlaubten hinaus. Das macht der jungen Frau zu schaffen. Schließlich will sie nicht als Radikale gelten. Doch in den Westen auszureisen, kommt für sie und ihre Freunde nicht in Frage. Sie wollen bleiben und vor Ort etwas verändern.

Was treibt sie an?

Katrin Hattenhauer und ihre Freunde wünschen sich, für die Menschen in der DDR das Blatt zum Guten wenden. Damit meinen sie vor allem Freiheit und gelebte Demokratie. Sie wollen mutig sein und fürchten sich zugleich vor dem, was aus ihren Aktionen folgen könnte. Viele Jahre später erinnert sie sich, dass ihre Angst immer groß war, aber ihr Wunsch, all die Lügen und den Druck nach Anpassung nicht mehr hinzunehmen und sich zu wehren, wog schwerer.

Jede Gesellschaft braucht Störenfriede

Ein Störenfried darf nicht mit Anerkennung rechnen, eher mit Misstrauen. Für Katrin Hattenhauer ist das eine Erkenntnis. Trotzdem weiß sie genau „ich habe es für etwas getan, für dieses freie Land, für diese Demokratie, in der wir jetzt leben können, wo jeder sich beteiligen kann.“ (Deutschlandfunk, 1.9.2014)  

Ist man ein Störenfried, wenn man sich wie Katrin Hattenhauer 1989 „Ein offenes Land mit freien Menschen“ wünscht? Im System der DDR wurde ihr deutlich gezeigt, dass sie stört. Doch inzwischen wurde ihr Engagement auch gewürdigt – 2015 bekam sie das Bundesverdienstkreuz. 26 Jahre danach. Mitunter dauert es lange, bis die eigentliche Bedeutung der Tat von sogenannten Störenfrieden erkannt wird. Katrin Hattenhauer aber ermutigt die nachgeborene Generation:

„Ich finde, dass diese Revolution zeigt für jeden, der heute so alt ist wie wir damals waren, wie ich damals war, zu sagen, wenn du etwas träumst, wenn du etwas machen willst, wenn du dich beteiligen willst mit bürgerschaftlichem Engagement, dann tu es, denn diese Geschichte zeigt, dass es machbar ist, dass du es machen kannst.“

K. Hattenhauer 2009 zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution am Brandenburger Tor
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