Demokratiegeschichten

Kann Kunst Menschen demokratischer machen?

Otto Dix, Theo van Doesburg, Walter Gropius, George Grosz, Hannah Höch, Paul Klee, Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe, Piet Mondrian, Otto Möller, Max Pechstein, Emy Roeder, Kurt Schwitters, Max Taut … Sie und viele andere waren zwischen 1918 und 1935 Mitglieder der Künstlervereinigung NOVEMBERGRUPPE .

Durch Kunst Menschen demokratischer machen

Im Zuge der Revolution wurde die Gruppe im November 1918 von den Malern Max Pechstein und Georg Tappert gegründet. Die Novembergruppe wollte sich am Aufbau der neuen Republik aktiv beteiligen. Dabei strebte sie die Vermischung von Volk und Kunst an. Die Künstler der Gruppe glaubten fest daran, dass durch die Kunst der Mensch „besser“ werden könne und demokratischer. Denn ohne die Freiheit der Kunst gab es ihrer Meinung nach auch keine freien Menschen. Mit einem Aufruf, der am 13. Dezember 1918 in der Zeitschrift „Die schöne Rarität“ erschien, wandte sich die Gruppe erstmals an die Öffentlichkeit:

„Die Zukunft der Kunst und der Ernst der jetzigen Stunde zwingt uns Revolutionäre des Geistes (Expressionisten, Kubisten, Futuristen) zur Einigung und engem Zusammenschluss. Wir richten daher an alle bildenden Künstler, welche die alten Formen in der Kunst zerbrachen, die dringende Aufforderung ihren Beitritt zur ‚Novembergruppe‘ zu erklären.“


Die demokratische Erneuerung der Kunst in der Weimarer Republik 

In der Weimarer Republik spielte die Novembergruppe eine wichtige Rolle bei der demokratischen Erneuerung der Kunst. Im Sommer 1919 erhielt die radikale Künstlervereinigung ihre eigenen zugewiesenen Säle auf der Kunstausstellung Berlin. Ausgestellt wurden 170 Werke von 80 Künstlern der Novembergruppe. Diese staatlich organisierte Schau war die Nachfolgerin der traditionsreichen Großen Berliner Kunstausstellung. Doch die Urteile über die Arbeiten der Novembergruppe kannten kein Erbarmen. Die meisten Besucher hatten solche Art von Kunst und abstrahierender Formensprache noch nicht gesehen. Dennoch war für die noch junge Gruppe dieser Auftrag ein großer Erfolg. Denn ganz offiziell war sie zum Botschafter der demokratischen Erneuerung geworden. Der Gruppe gelang es, ein neues und freies Sehen zu schulen.

Die liberale Kunsthaltung der Gruppe entsprach den demokratischen Grundsätzen der Weimarer Republik

Im Unterschied zu früheren Künstlervereinigungen gab es in der Novembergruppe keine Verpflichtung auf einen gemeinsamen Stil, der die Gruppe einte. Ihre Maxime war Offenheit und Pluralität. Ihre verbindende Idee war die Aufgeschlossenheit gegenüber allem Fortschrittlichen in der Kunst. Die Gruppe lehnte alle Dogmen ab. Vielmehr wollten sie sämtliche bildnerischen und filmischen Stile versammeln – von Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Dadaismus bis zu Realismus, Abstraktion, Neue Sachlichkeit und auch die Ideen vom „Neuen Bauen“. Großzügige Förderungen gab es von der jungen Republik.

Die Offenheit wird schwammig

Von manchen Künstlern wurde die Offenheit der Gruppe zunehmend als schwammig empfunden und die Nähe zu Republik als Vereinnahmung. Das zehnjährige Bestehen der Novembergruppe wurde noch einmal mit einer großen Ausstellung in Berlin gefeiert. Dann verlor die Gruppe an Attraktivität. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten gingen die Aktivitäten gen Null. In ihrer politischen Indifferenz hatte die Novembergruppe den neuen Machthabern nur wenig entgegenzusetzen. 1935 wurde die Künstlervereinigung offiziell aus dem Vereinsregister gestrichen. Damit geriet die Gruppe nahezu in Vergessenheit.

Wiederentdeckung der Novembergruppe

Ausstellungsplakat Hannah Höch, Der Zaun, 1928, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Gestaltung: Bureau Mario Lombardo

Die Berlinische Galerie entdeckt die Novembergruppe neu. Sie widmet sich in der Ausstellung „Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918-1935“ der vor hundert Jahren in Berlin gegründeten Künstlervereinigung. Noch bis 11. März 2019 zeigt die Galerie in einer Sonderausstellung 120 Werke von 70 Künstlern der Gruppe. Dabei werden die Arbeiten auch in den Kontext ihrer Zeit gestellt. Denn es sind nicht nur Kunstwerke, sondern auch beredte Zeugnisse einer jungen Demokratie.

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