Demokratiegeschichten

Offene Denkmäler, offene Gesellschaft?

Warum Angriffe auf NS-Gedenkorte uns alle angehen und was wir dagegen tun können

Am 13. September 2026 haben in ganz Deutschland tausende Denkmale ihre Türen geöffnet. Mehr als 7.000 Denkmale beteiligten sich in diesem Jahr mit rund 11.000 Veranstaltungen. Tausende Menschen engagieren sich dafür ehrenamtlich und machen Geschichte vor Ort erlebbar. Das Motto 2026 lautete „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“. Es ging damit auch um die Menschen, die historische Orte erhalten, vermitteln und miteinander verbinden.

Doch was, wenn Erinnerungsorte selbst zum Angriffsziel werden?

Denn während am 13. September viele Menschen historische Orte gemeinsam erkunden, stehen insbesondere NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte unter enormen Druck.

2025 wurden bundesweit 425 Straftaten mit dem Angriffsziel „Gedenkstätte“ registriert. 2024 waren es 385. Den größten Anteil machten Sachbeschädigungen aus.


Grafik aus der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Gruppe Die Linke (BT-Drs. 20/12236 vom 08.07.2024, S. 4)

Dabei erfasst die bundesweite Statistik nicht ausschließlich Gedenkstätten zur Geschichte des Nationalsozialismus. Seit 2019 gibt es „Gedenkstätte“ als eigenes Angriffsziel in der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität. Darunter fallen aber auch andere Denkmäler und Erinnerungsorte. Die Zahlen lassen deshalb nicht genau erkennen, wie viele Angriffe sich gegen NS-Gedenkorte richten.

Die Einrichtungen beobachten seit Jahren die Zunahme rechtsextremer, antisemitischer und geschichtsrevisionistische Vorfälle. Nicht alle davon werden in der staatlichen Statistik erfasst. Denn nicht jede Anfeindung ist strafbar. Und nicht jede strafbare Handlung wird als politisch motiviert eingeordnet.

Die Angriffe haben viele Formen

Sie reichen von Schmierereien bis zu Drohungen und gezielten Störungen von Veranstaltungen.

Ein Beispiel ist die Gedenkstätte Ahlem in Hannover: Im April 2026 wurden an einem Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Stelen und Gedenkplatten beschmiert. Zusätzlich wurden Informationstafeln besprüht und Kränze zerstört. Die Polizei geht von einer politischen Motivation aus. Es war nicht der erste Angriff auf die Gedenkstätte: Bereits in den vergangenen Jahren war sie mehrfach beschädigt worden, und 2025 wurde ein 26-jähriger Rechtsextremist verurteilt, weil er zum Holocaust-Gedenktag niedergelegte Kränze zerstört hatte.

Auch andere Gedenkorte verzeichnen solche Entwicklungen. In Sachsenhausen stieg die Zahl antisemitischer und rechtsextremer Vorfälle von rund zwölf im Jahr 2022 über 31 im Jahr 2023 auf 52 im Jahr 2024; 2025 wurden in der Gedenkstätte und ihrem Umfeld 48 Vorfälle registriert.

Die Angriffe beschränken sich zudem nicht auf den historischen Ort selbst. Mitarbeitende berichten von Hassmails, Beschimpfungen und Anfeindungen im Internet. Manche Besucher:innen treten bewusst provokativ auf, leugnen oder verharmlosen NS-Verbrechen oder versuchen, die Bildungsarbeit der Gedenkstätten als „nicht neutral“ darzustellen.

Die Bedeutung von Gedenkstätten

In Deutschland gibt es heute über 300 Gedenkstätten und Lernorte, die unterschiedliche Aspekte der nationalsozialistischen Vergangenheit vermitteln. Sie erinnern an Menschen, die verfolgt, ausgegrenzt, deportiert und ermordet wurden, darunter Jüd:innen, Sinti:zze und Rom:nja, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner:innen, queere Menschen und Kriegsgefangene.

Gedenkstätten sind mehr als Orte des Erinnerns: Sie bewahren und erschließen historische Quellen, betreiben Forschung, führen Gespräche mit Überlebenden und ihren Angehörigen und entwickeln Bildungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen. Wer sich mit NS-Verbrechen beschäftigt, setzt sich zugleich mit Menschenrechten, Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus und eigener Verantwortung auseinander.

Die Kampagne #demokratierelevant macht diesen Zusammenhang sichtbar: Gedenkstätten, Museen und Archive bewahren nicht nur Vergangenheit, sondern stärken auch kritisches Denken in der Gegenwart.

Angriffe treffen nicht nur Steine

Wird eine Gedenktafel beschädigt oder ein Mahnmal beschmiert, ist nicht nur ein Gegenstand betroffen. Solche Taten greifen die Bedeutung dieser Orte an und können Menschen verunsichern, die dort arbeiten oder an Veranstaltungen teilnehmen. Besonders jene, die selbst von Antisemitismus, Rassismus oder rechter Gewalt betroffen sind. Angriffe auf Gedenkorte sind deshalb mehr als Sachbeschädigungen: Sie zielen darauf, Erinnerung zu verdrängen oder umzudeuten.

Das ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Viele Gedenkstätten verzeichnen stabile oder sogar steigende Besucherzahlen: Sachsenhausen zählte 2025 rund 500.000 Besucher:innen, Dachau mehr als eine Million und Neuengamme rund 187.000. Oliver von Wrochem, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, beobachtet zudem, dass manche Menschen gerade wegen der zunehmenden Angriffe bewusst Gedenkorte aufsuchen.

Erinnerung braucht Öffentlichkeit

Zivilgesellschaftliches Engagement kann dabei ganz konkret aussehen: Veranstaltungen unterstützen, Vorfälle melden oder sich in Fördervereinen, Schulen und lokalen Initiativen einbringen. Dazu gehört auch, der Leugnung oder Relativierung von NS-Verbrechen sowie antisemitischen und rassistischen Hetze aktiv zu widersprechen.

Das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals, „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“, bringt es auf den Punkt: Gedenkorte leben von den Menschen und Initiativen, die sich für sie einsetzen. Erinnerung ist deshalb keine Aufgabe, die allein bei den Gedenkstätten liegt.

Literatur:


Tag des offenen Denkmals® | Entdecke Geschichte hautnah

https://www.gedenkstaettenforum.de/aktivitaeten/kampagnen/bundesweite-kampagne-demokratierelevant

https://www.gedenkstaettenforum.de/gedenkstaetten/historische-verbrechenskomplexe

https://www.lsvd.de/de/ct/15766-Angriffe-auf-Gedenkstaetten-und-Erinnerungsorte-fuer-die-Opfer-des-Nationalsozialismus

https://dserver.bundestag.de/btd/20/122/2012236.pdf

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/ehemaliges-konzentrationslager-ahlem-gedenkort-verwuestet,ahlem-106.html

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/rechtsextremist-nach-angriff-auf-gedenkstaette-ahlem-verurteilt,ahlem-100.html

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Lilian B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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