Demokratiegeschichten

Wilhelm Marx – Kanzler des Ausgleichs

Wie viele Reichskanzler der Weimarer Republik könnten Sie aus dem Stand nennen? Wenn Ihnen nun mehr als einer oder zwei einfallen, ist das sicher schon kein schlechtes Ergebnis. Die Weimarer Republik gehörte zu den Schwerpunkten meines Studiums, also sollte es eigentlich für mich viel leichter sein. Aber auch ich musste längere Zeit nachdenken, bis mir alle Namen einfielen. Vom Krisenkanzler Gustav Stresemann hat man vielleicht schon gehört. Franz von Papen und Kurt von Schleicher kennt man vielleicht noch, da sie zugleich Vertreter des letzten Aufbäumens der Republik und des gezielten Abgesangs der Demokratie in Deutschland waren, bevor die Nationalsozialisten die Herrschaft übernahmen. 

Da liegt aber schon das Problem. Wir neigen heute dazu, die Weimarer Ära immer nur von ihrem Scheitern her zu betrachten. Dabei verliert man aber gerade den Blick für die positiven Aspekte, für die Lichtpunkte Weimars. Die meisten der Reichskanzler hätten eine genauere Betrachtung verdient. Anfangen möchte ich heute mit dem Reichskanzler, der die meisten Regierungen führte und zugleich zwischen 1919 und 1933 auf die längste Regierungszeit kam: Wilhelm Marx.

Jugend und frühes politisches Engagement 

Wilhelm Marx kam wie so viele andere bedeutende Zentrumspolitiker aus dem katholischen Köln. Hier kam er 1863 als Sohn eines Lehrers zur Welt. Nach seinem Abitur studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Bonn. 1885 trat er eine Beamtenlaufbahn in der Justiz an. Er wurde in den folgenden Jahren in verschiedenen Verwendungen in der Rheinprovinz eingesetzt. Seine guten Leistungen lassen sich auch daran erkennen, dass er auch als Katholik im protestantisch geprägten preußischen Staatsdienst Karriere machen konnte. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete er als Richter an den Oberlandesgerichten Köln und Düsseldorf. Bis in die 20er Jahre hatte er führende Rollen am Limburger Landgericht und später am Berliner Kammergericht inne. 

Politisches Engagement 

Zu dieser Zeit war Marx aber schon tief in die katholische und politische Verbandsarbeit und die Tagespolitik eingetaucht. 1899 wurde er für die Zentrumspartei Mitglied des preußischen Abgeordnetenhaus. In der Partei selbst stieg er auf und wurde im Jahr 1908 Vorsitzender der Zentrumspartei in Düsseldorf. Zwei Jahre später gelang es ihm bei der Reichstagswahl 1910 auch ein Mandat für den Reichstag zu erringen.

Sein Engagement wurde bald belohnt: 1910 wurde er mit dem prestigeträchtigen Amt des Präsidenten des Katholikentags in Augsburg gewürdigt. Diese Funktion konnten normalerweise nur die bedeutendsten katholischen Politiker für sich erwarten. Im Jahr 1911 wurde Marx Gründungsvorsitzender des katholischen Schulvereins, der sich insbesondere mit der Frage der Förderung von Bekenntnisschulen auseinandersetzte. Spätestens hier begann ein neuer roter Faden in der Arbeit von Marx, der sich durch seine gesamte weitere politische Laufbahn ziehen sollte. Die gesetzliche Garantie der katholischen Bekenntnisschule wurde zu einem seiner wichtigsten Ziele.

Nach Weimar und nach Berlin 

Wilhelm Marx im Jahr 1920; Foto: Library of Congress, gemeinfrei.

Nach der Revolution von 1919 wurde Marx in die Weimarer Nationalversammlung gewählt und und wurde somit zu einem der Väter der Reichsverfassung. Auch bei den nachfolgenden Reichstagswahlen wurde Marx in den Reichstag gewählt und blieb dort bis 1932 Mitglied der Zentrumsfraktion. Auf die Gesetzgebung in der Schulpolitik und der religiösen Erziehung von Kindern hatte er großen Einfluss. Im Herbst 1921 wurde Marx Vorsitzender der Reichstagsfraktion der Zentrumspartei. Als Anfang 1922 Constantin Fehrenbach als Reichskanzler und Parteivorsitzender abtrat, konnte Marx als Kompromisskandidat auch den Parteivorsitz übernehmen. Für ihn sprach, dass er eine Figur des Ausgleichs war und weder den linken noch den rechten Flügel der Partei vor den Kopf stieß.  

Zum ersten Mal Reichskanzler 

Nachdem die Regierung von Reichskanzler Gustav Stresemann am 30.11.1923 wegen einer möglichen Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge von der SPD gestürzt wurde, eröffnete sich für Wilhelm Marx eine neue Gelegenheit. Am 30.11.1923 wurde er zum Reichskanzler einer Koalition aus dem Zentrum, der linksliberalen DDP und der nationalliberalen DVP berufen. Die Politik seiner ersten beiden Kabinette waren auf die Schaffung von Normalität und Stabilität ausgerichtet. Viele der Notstandsregelungen des Herbsts 1923 waren immer noch in Kraft. Aber trotz weiterer Krisenherde in Bayern und Sachsen verbesserte sich die Situation und mit der Verabschiedung des Dawes-Plans wurde die Reparationsfrage gelöst und Kredite für die deutsche Wirtschaft ermöglicht. Die Weimarer Republik stabilisierte sich zusehends. Außenpolitisch konnte Marx mit dem Beitritt des Deutschen Reichs zum Völkerbund einen weiteren Erfolg für sich verbuchen.

Sitzung des Völkerbundrates (März 1926), Foto: Bundesarchiv, Bild 102-02454 / CC-BY-SA 3.0

Seine Regierung kam schließlich mit den Reichstagswahlen im Dezember 1924 zum Ende, als er sich gegen eine Koalition mit rechten Parteien entschied und seinen Regierungsauftrag an Reichspräsident Ebert zurückgab. Der parteilose Hans Luther wurde zu seinem Nachfolger ernannt. 

Das Zentrum unter Marx 

Um die Rolle der Zentrumspartei in dieser Zeit zu verstehen, ist es wichtig, sich das Binnenleben der Partei zu vergegenwärtigen. Das Zentrum war der faktische politische Arm der katholischen Minderheit in Deutschland. Das bedeutet auch, dass sie ein sehr großes politisches Spektrum abdecken konnte, das sowohl politisch linke wie rechte Strömungen in sich vereinte. Sie war also sowohl nach links wie auch nach rechts anschlussfähig. Für Marx stellte es aber eine große Herausforderung dar, die verschiedenen Flügel zusammenzuhalten.

Besonders deutlich wurde das am Beispiel seines Umgangs mit dem früheren Reichskanzler der Zentrumspartei, Joseph Wirth. Dieser verfolgte das Ziel, dass das Zentrum ein Bündnis mit den Sozialdemokraten eingehen sollte, um eine Art deutsche “Labour-Partei” zu bilden. Marx sah hingegen eine Zusammenarbeit mit den konservativeren Parteien als sinnvoller an und formte Koalitionen mit der nationalliberalen DVP und der Bayerischen Volkspartei. In seinen letzten beiden Regierungen gelang es ihm sogar, die zuvor republikfeindliche DNVP in eine halbwegs stabile Koalition zu holen. Mit der SPD hatte Weimar nun auch eine starke Oppositionspartei, die sich zur Republik bekannte. 

Der Präsidentschaftskandidat 

Mit dem Tod Friedrich Eberts Ende Februar 1925 eröffnete sich eine weitere Karrierechance für Marx. Die Zentrumspartei unterstützte ihn als Kandidaten in den nun folgenden Reichspräsidentenwahlen. Bei dieser trat er gegen bekannte Politiker beider Lager an, wie zum Beispiel gegen den preußischen Ministerpräsidenten und Sozialdemokraten Otto Braun oder den konservativen Duisburger Oberbürgermeister Karl Jarres. Marx landete abgeschlagen auf dem dritten Platz. 

Wahlaufruf der Bayerischen Volkspartei bei der Präsidentschaftswahl 1925, Abbildung: gemeinfrei

Da aber keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang erreichen, einigten sich die Parteien der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum und DDP) auf einen Kompromisskandidaten. Somit erhielt Marx schließlich die Unterstützung des Zentrums, der liberalen DDP und der SPD. Sein neuer Hauptgegner war der bekannte ehemalige kaiserliche Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Dennoch hätte die Wahl leicht zugunsten von Marx enden können, wenn es nicht zu einer Überraschung gekommen wäre. Die bayerische Schwesterpartei des Zentrums, die bayerische Volkspartei, entschloss sich dazu, Hindenburg zu unterstützen, da Marx ihrer Ansicht nach zu nah an der SPD stand. Auch Mitglieder des rechten Zentrumsflügels unterstützten Hindenburgs Wahl. Mit weniger als einer Million Stimmen Vorsprung setzte sich schließlich Hindenburg durch. 

Marx erkannte das Ergebnis an und übernahm wenig später das vakante Amt des Reichsjustizministers unter Reichskanzler Hans Luther. 

Wieder Reichskanzler 

Die Regierung Luther überlebte aber nicht lange. Im Mai 1926 eskalierte der Streit um die Frage, welche Flagge das Deutsche Reich repräsentieren sollte. Dahinter steckte die alte Kontroverse, ob die neuen republikanischen Farben schwarz-rot-gold oder die alten kaiserlichen Farben schwarz-weiß-rot für die Republik stehen sollten. Unter dem Druck konservativer Kräfte entschied sich die Regierung Luther, beide Varianten parallel zu nutzen. Der daraus entstehende Konflikt führte schließlich zu ihrem Sturz. Wilhelm Marx erklärte sich wieder bereit, die Führung einer neuen Reichsregierung zu übernehmen. Trotz mancher legislativer Erfolge verschlechterte sich die Lage für die Regierung. Die SPD betrieb eine rigorose Oppositionsarbeit. Der linke Flügel des Zentrums war gegen den Eintritt der rechten DNVP in die Reichsregierung. Auf der anderen Seite wurde es für Marx immer schwieriger, den rechten Flügel seiner Partei zu kontrollieren. Im Februar 1928 zerbrach die Koalition und Marx schied aus dem Amt aus. 

In der Zwischenzeit hatte sich aber auch die politische Ausrichtung der Zentrumspartei nach rechts verschoben. Als Marx 1928 auf eine erneute Kandidatur um den Vorsitz verzichtete, setzte sich der katholische Prälat Ludwig Kaas gegen die Vertreter des Sozialflügels Adam Stegerwald und Joseph Joos durch. Die Bedeutung der katholischen Geistlichkeit in der Partei nahm zu und konservative Kreise erlangten größere Bedeutung. 

Der Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit 

Schon während der letzten Jahre der Weimarer Republik hatte sich Marx immer weiter aus der Politik zurückgezogen und zur Zeit der “Machtergreifung” stand er bereits kurz vor seinem 70. Geburtstag. In der nationalsozialistischen Ära behielt Marx ein unauffälliges Profil. Er wohnte in Bonn, hielt sich aus politischen Fragen heraus und hatte auch keine belegbaren Kontakte zu Widerstandskreisen. 

Wilhelm Marx’ Grabstein auf dem Melaten-Friedhof in Köln. Quelle: Wikimedia, Philipp Jakob. Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

In Bonn erlebte er auch das Kriegsende. Mit seinen 82 Jahren und einer schwachen Gesundheit war er nicht mehr in der Lage, sich im politischen Neuaufbau zu betätigen. Ein Ausrufezeichen setzte er jedoch mit seiner Entscheidung, im Frühjahr 1946 der neuen konfessionsübergreifenden CDU und nicht der wiedergegründeten Zentrumspartei beizutreten. Am 5. August 1946 verstarb Wilhelm Marx schließlich in Bonn. 

Wilhelm Marx – Kanzler der goldenen Zwanziger 

Die Bezeichnungen, mit denen Wilhelm Marx oft versehen wird, scheinen für einen Spitzenpolitiker  auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft. Er sei ein Kompromisskandidat, mehr Katholik als Politiker, mittelmäßig, sehr bemüht, aber wenig begeisternd. Heutzutage würde kein Politiker gerne mit solchen Begriffen und Beschreibungen verbunden werden.

Gleichzeitig ist Marx gerade mit diesen Eigenschaften eine der wenigen Sternstunden dieser kurzlebigen Republik. Er war Befürworter der Demokratie und Verfechter des Ausgleichs. Ihm gelang die Integration von Parteien, die sich vorher gegen die Republik ausgesprochen hatten. Unter ihm gab es eine republiktreue Regierung und zugleich eine nennenswerte prorepublikanische Opposition, eine Seltenheit der Weimarer Ära. Seine Regierungszeit brachte der Republik eine Stabilität und Normalität, die sie vorher nie hatte und später nie wieder haben sollte. Heute sprechen wir hier gerne von den goldenen Zwanzigern. Aber auch diese Phase des relativen Wohlstands, der kulturellen Entfaltung und der politischen Ruhe bedurfte einer Regierung, die vor allem auf Ausgleich ausgerichtet war. 

In Deutschland haben wir immer noch ein sehr schwieriges Verhältnis zu unserer Weimarer Vergangenheit. Wir betrachten sie wie bereits beschrieben in erster Linie von ihrem Scheitern her. Die wenigen Politikerinnen und Politiker dieser Zeit, derer heute noch gedacht wird, sind diejenigen, die in ihrem Kampf gegen die Nationalsozialisten, durch ihren gewaltsamen Tod oder durch ihre Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt geworden sind. Personen wie Wilhelm Marx werden dabei außen vor gelassen. In Berlin und vielen anderen großen Städten  gibt es zum Beispiel keine Schule, keinen Platz, keine Straße und keine andere Form der Würdigung für Wilhelm Marx.

Vielleicht ist gerade sein 75. Todestag eine gute Gelegenheit, das zu überdenken. Denn gerade das Unspektakuläre, das Mittelmäßige seiner Biographie, macht ihn noch heute menschlich und deutlich greifbarer als viele andere Politiker. Deshalb taugt dieser große Demokrat auch noch heute als Vorbild – gerade für unsere Zeit. 

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Über uns 
Björn Höfer ist Mitglied von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. und promoviert in St Andrews und Potsdam im Bereich "Politischer Katholizismus zwischen Weimar und Bonn".

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