Demokratiegeschichten

Bundesarchiv-Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte im Residenzschloss Rastatt

Als Mitglied der AG Orte der Demokratiegeschichte freuen wir uns, wenn sich andere Orte der Demokratiegeschichte auf unserer Seite vorstellen. Der heutige Beitrag stammt vom Bundesarchiv-Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte im Residenzschloss Rastatt. Momentan ist die Erinnerungsstätte im Einklang mit den bundesweit geltenden Richtlinien und Empfehlungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geschlossen. Doch sobald sie wieder öffnet, lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall!

Ein Kriegsminister in Not

Am 12. Mai 1849 herrscht Chaos auf dem Ehrenhof des Rastatter Residenzschloss. Seit Tagen revoltieren die Soldaten der das Schloss umgebenden Bundesfestung mit dem Ruf „Wir sind das Volk, das seine Freiheit fordert!“ Sie verbünden sich mit freiheitlich gesinnten Bürgern, bekennen sich zu der von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen gesamtdeutschen Verfassung und verlangen von ihren Vorgesetzten einen Eid auf die Verfassung und eine bessere Behandlung.

Der mit zusätzlichen Truppen aus Karlsruhe herbei geeilte badische Kriegsminister Friedrich Hoffmann schafft es nicht, die Aufständischen zum Aufgeben zu bewegen. Sein Versuch, den Aufstand gewaltsam niederzuschlagen, scheitert dramatisch: der Unteroffizier Konrad Heilig wirft sich vor die Mündung einer vor dem Ehrenhof aufgestellten Kanone, die auf die Aufständischen zielt. Hoffmanns Soldaten verweigern den Gehorsam und verbrüdern sich mit ihren rebellierenden Kameraden. Dem Kriegsminister bleibt nur die eilige Flucht.

Flucht des badischen Kriegsministers Friedrich Hoffmann am 12. Mai 1849 vor den Aufständischen im Ehrenhof. Illustration: BArch, Zt I Illustrirte Zeitung

Ein Schloss mit bewegter Vergangenheit

In seiner langen Geschichte ist das Rastatter Schloss mehrmals Schauplatz dramatischer Ereignisse. Als älteste Barrockresidenz am Oberrhein wird das Residenzschloss um 1700 auf Geheiß des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden nach dem Vorbild des Versailler Schlosses erbaut. Der hier 1714 geschlossene Rastatter Frieden beendet den Spanischen Erbfolgekrieg und beschert Rastatt in dieser Zeit weltgeschichtliche Bedeutung.

Am 9. Mai 1849 beginnt im Ehrenhof der Aufstand badischer Soldaten, die sich zu der von der Frankfurter Nationalversammlung geschaffenen gesamtdeutschen Verfassung bekennen. Von Rastatt aus greift der Aufstand auf ganz Baden über. Der badische Großherzog flieht außer Landes und ruft preußische Truppen zur Hilfe. Als diese in Baden einmarschieren, wird die Festung Rastatt zur letzten Bastion der Revolution. Während der Belagerung durch die Preußen dient das Rastatter Schloss den Freiheitskämpfern als Hauptquartier. Nach der Kapitulation am 23. Juli 1849 stehen sie im Ahnensaal des Schlosses vor einem preußischen Standgericht. 19 Revolutionäre werden in Rastatt hingerichtet. Einer von ihnen ist Konrad Heilig. Zahlreiche andere Angeklagte erhalten Berufsverbote, müssen außer Landes gehen oder hohe Geldstrafen zahlen.

Zwischen 1946 und 1954 finden im Schloss die Rastatter Kriegsverbrecherprozesse statt.

Die Erinnerungsstätte

Die Gründung der Erinnerungsstätte als eine Außenstelle des Bundesarchivs im Jahre 1974 geht auf die Initiative von Bundespräsident Gustav W. Heinemann zurück. Sein Ziel war es, einen lebendigen Ort der Anschauung und Begegnung mit den Freiheitsbewegungen und den demokratischen Traditionen der deutschen Geschichte zu schaffen. Heute ist die Erinnerungsstätte ein Forum für historisch-politische Bildung und ein außerschulischer Lernort, der dazu beiträgt, junge Menschen für die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu sensibilisieren. Eine Dauerausstellung informiert über die Geschichte der Freiheitsbewegungen im 19. Jahrhundert sowie über Opposition und Widerstand in der DDR bis zur Friedlichen Revolution 1989.

Zu den zahlreichen Exponaten aus zwei Jahrhunderten gehören unter anderem der Kabinettstisch der Provisorischen Regierung von 1848/49, der Abschiedsbrief des am 9. November 1848 in Wien erschossenen Paulskirchenabgeordneten Robert Blum, der Säbel des eingangs erwähnten Konrad Heilig und ein Segment der Berliner Mauer.

Für Gruppen und Schulklassen werden Führungen und Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten. Sonderausstellungen, Vorträge, Lesungen, Aktionstage, Theater- und Filmvorführungen runden das Programm ab.

Ein Förderverein unterstützt die Arbeit der Erinnerungsstätte. Die Bundesarchiv-Erinnerungsstätte ist zudem Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft „Orte der Demokratiegeschichte“.

Dr. Andrej Bartuschka ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundesarchiv-Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte.

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