Im November 1918 hatte Polen sich nach mehr als einem Jahrhundert erneut die Unabhängigkeit erkämpft. Im Zuge des Aufbaus der Zweiten Republik Polen erhielten Frauen am 28. November 1918 das aktive und passive Wahlrecht. Das Frauenwahlrecht wurde gleichzeitig mit dem entsprechenden Recht für Männer eingeführt.
Damit gehört Polen zusammen mit Finnland (1906), Norwegen (1913), Dänemark und Island (1915), Estland (1917), Lettland, Deutschland sowie Österreich (1918) zu den ersten europäischen Ländern, in denen für Frauen die gleichwertige politische Partizipation möglich wurde.
Status quo Ende des 19. Jahrhunderts
Das Fehlen eines unabhängigen, geeinten polnischen Staates im 19. Jahrhundert hatte enorme Auswirkungen auf die soziale, wirtschaftliche und politische Situation der Polen und Polinnen. Was sich mitunter unterschiedlich in den jeweiligen Teilgebieten äußerte.
Was in den drei Teilgebieten jedoch übereinstimmte, war die zivilrechtliche Stellung von Frauen, die vorsah, dass Frauen in fast jedem Bereich des Lebens der Entscheidungsmacht von Männern unterstellt waren. Ihnen war somit größtenteils die politische Partizipation verwehrt und es herrschte eine starke Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Zu diesen Ungleichheiten gehörte auch der Zugang zu Bildung, vor allem zu höherer Bildung. Im preußisch besetzten Teil des Landes gab es keine Universitäten und die Universität Warschau im russischen Teilungsgebiet durften Frauen nicht besuchen. Lediglich im autonomen Galizien war es Frauen seit den 1890er Jahren eingeschränkt möglich zu studieren. Um einerseits Frauen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, aber auch um der Russifizierung beziehungsweise Germanisierung entgegenzuwirken, etablierten sich die sogenannten Fliegenden Universitäten. Sie waren damit ein wichtiger Faktor in der Emanzipation der Polinnen und Polen. Die erste dieser geheimen polnischen Hochschulen gründete Jadwiga Szczawińska-Dawidow in Warschau.
Die Frauenwahlrechtsbewegung in Polen
Angestoßen sowohl durch vergleichbare Bewegungen in vielen Teilen der Welt als auch durch den polnischen Positivismus, welcher die Bedeutsamkeit von Bildung und der politischen Emanzipation von Frauen betonte, begannen sich polnische Aktivistinnen Ende des 19. Jahrhunderts auf das Frauenwahlrecht zu konzentrieren. Wobei jedoch das Fehlen eines einheitlichen polnischen Staates die Organisation dieses Unterfangens verkomplizierte.
Dennoch entwickelte sich in den 1890er/1900er Jahren eine Frauenwahlrechtsbewegung, die in allen drei Teilungszonen aktiv war. Wobei sich innerhalb dieser vor allem zwei Gruppierungen hervortaten. Die ZRKP und die ZKZ.
Die ZRKP – Związku Równouprawnienia Kobiet Polskich, was als Bund für die Gleichberechtigung der polnischen Frauen übersetzt werden kann, war primär in den Städten aktiv. Paulina Kuczalska-Reinschmit, die unter anderem das Presseorgan des Bundes „Ster“ gründete und leitete, war eine ihrer bedeutsamsten und bekanntesten Frauenrechtsaktivistinnen. Über Publikationen wie „Ster“ verbreiteten die Aktivistinnen ihre Forderungen oder machten Diskriminierungsfälle öffentlich.

Die ZKZ – Zjednoczone Koło Ziemianek (Christliche Organisation Vereinter Gutsbesitzerinnen) konzentrierte ihre Bemühungen vor allem auf den ländlichen Raum. Hier leisteten sie solidarische Hilfe für Frauen und Mädchen. Neben dem Zugang zu Bildung und dem Arbeitsmarkt sowie der Beseitigung diskriminierender Bestimmungen setzte sich die KZK auch für das Frauenwahlrecht ein.
Die Bemühungen der Gruppierungen um das Frauenwahlrecht sollten alle Frauen unabhängig von Klasse und Bildungshintergrund erreichen und anregen, sich zu beteiligen.
Die Verbindung zur Unabhängigkeitsbewegung
Für viele der Frauenrechtlerinnen stand der Kampf für die Gleichberechtigung im engen Zusammenhang mit dem Kampf für die Unabhängigkeit Polens. Denn ein freies Polen bedeutete für sie Unabhängigkeit und gleiche Rechte für alle.
Im Kontext der Unabhängigkeitsbewegung entstand deshalb eine dritte, für den Kampf um das Frauenwahlrecht relevante Gruppierung. Der Zusammenschluss der sozialistischen Unabhängigkeitskämpferinnen, auch Dromedarinnen genannt. Sie bewegten sich im engen Kreis des führenden sozialistischen Unabhängigkeitskämpfers Józef Piłsudski. Während sich die Aktivitäten der ZRKP und der ZKZ sowohl im Kampf um das Frauenwahlrecht als auch um die Unabhängigkeit Polens primär im Bereich des Legalen bewegten, waren die sozialistischen Unabhängigkeitskämpfer*innen der Meinung, dass die Unabhängigkeit Polens und damit die Rechte für Frauen nur durch den bewaffneten Kampf erlangt werden können. Zu ihnen gehörten beispielsweise die Aktivistin Aleksandra Szczerbińska (später Piłsudska).
Alle drei Vereinigungen waren jedoch am Unabhängigkeitskampf beteiligt.

Das Wahlrecht für alle
1918, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, waren die diplomatischen und militärischen Bemühungen um einen eigenständigen polnischen Staat erfolgreich.
Zur Neuordnung des Landes gehörte unter anderem die demokratische Wahl des polnischen Parlaments. Doch nicht auf allen Seiten des sich aufbauenden Staates unterstützte man die Festlegung des Stimmrechts für alle.
Dies löste Versammlungen und Protestaktionen aus, an denen die verschiedenen Frauenorganisationen beteiligt waren und welche erst mit dem 28. November endeten. Denn an diesem Tag legte das Dekret des kommissarischen Staatsoberhaupts Józef Piłsudski fest, dass jeder Staatsbürger und jede Staatsbürgerin über 21 wahlberechtigt sei und an der Wahl teilnehmen durfte.
Józef Piłsudski soll das Frauenwahlrecht unterstützt haben, da er der Meinung war, dass die polnischen Frauen es sich unter anderem durch ihren Beitrag zur Erhaltung der polnischen Kultur und ihre Beteiligung an der Unabhängigkeitsbewegung erkämpft hatten.
Die erste Wahl
Im Frühjahr 1919 durften die polnischen Frauen dann erstmals wählen und gewählt werden.
Die ersten weiblichen Abgeordneten des polnischen Parlaments waren Gabriela Balicka, Jadwiga Dziubińska, Irena Kosmowska, Maria Moczydłowska, Zofia Moraczewska, Anna Piasecka, Zofia Sokolnicka sowie Franciszka Wilczkowiak. Sie nutzten ihre politische Position, um Themen wie die Gleichstellung und Bildungschancen für Frauen auf die Agenda zu bringen, und so den Kampf für die Rechte von Frauen erfolgreich fortzuführen.
Literatur
How Polish Women Won the Right to Vote | Culture.pl
Liberated Twice. The political rights of women 1918 | online exhibition - Instytut Pileckiego
Doppelt Frei. Die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Polen - Instytut Pileckiego
105 years of Polish Women’s suffrage – IB ZINE


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