Demokratiegeschichten

Der Protest in der Rosenstraße 2-4

Vorgeschichte – die Fabrikaktion 1943

Von den etwa 500.000 deutschen Juden und Jüdinnen befanden sich zu Beginn des Jahres 1943 nur noch weniger als 75.000 auf dem Gebiet des Deutschen Reichs. Die Mehrheit von ihnen wurde als Zwangsarbeiter*innen missbraucht.

Da man die Zwangsarbeiter*innen vor allem in der rüstungswichtigen Industrie eingesetzt hatte, waren sie bisher nicht deportiert worden. Doch im Februar entschied die nationalsozialistische Führung, sie durch ausländische Zwangsarbeiter*innen zu ersetzen. Alle verbliebenen Juden und Jüdinnen sollten deportiert werden.

In Berlin wurden auf Befehl des Reichssicherheitshauptamts ab dem 27. Februar etwa 9.000 jüdische Zwangsarbeiter*innen an ihren Arbeitsstätten von der Gestapo verhaftet. Die Juden und Jüdinnen wurden in Sammellager gebracht. In den Tagen darauf deportierte man circa 7.000 Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die Geschehnisse wurden nachträglich von den Betroffenen als „Fabrikaktion“ bezeichnet.

Protest in der Rosenstraße

Juden und Jüdinnen, die mit nicht-jüdischen Personen verheiratet waren, also in einer sogenannten „Mischehe“ lebten, wurden im Gebäude der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße 2-4 interniert. Rund 2.000 Personen befanden sich in dem Sammellager, darunter vor allem Männer.

Bereits am Abend des 27. Februar 1943 , heute vor 83. Jahren, versammelten sich ihre Angehörigen, nachdem sie von den Verhaftungen erfahren hatten, vor dem Gebäude in der Rosenstraße. Dort protestierten die nicht-jüdische Ehepartner*innen und Kinder für die Freilassung ihrer Familienmitglieder. Sie hielten trotz wiederholter Drohungen und Auflösung durch die Gestapo und SS den Protest über mehr als eine Woche aufrecht.

Da zu den Protestteilnehmenden vor allem Frauen gehörten, spricht man im Kontext der Ereignisse auch oft von einem Frauenprotest.

Folgen

Ab dem 1. März begann die Gestapo, einzelne Personen freizulassen, und bis zum 12. März wurde die vorübergehende Freilassung von 1.700 bis 2.000 Inhaftierten aus der Rosenstraße veranlasst.

Die Entlassenen wurden anschließend erneut zur Zwangsarbeit verpflichtet. Sie wurden vor allem in den verbliebenen jüdischen Einrichtungen eingesetzt. Dort sollten sie die Mitarbeitenden ersetzen, die zuvor deportiert worden waren.

Die Bedeutung des Protests

Ob die Freilassung der in der Rosenstraße inhaftierten Juden und Jüdinnen aufgrund der Proteste erfolgte, ist umstritten.  

Viele Historiker*innen sehen es als wahrscheinlicher an, dass die Verhaftung der in „Mischehe“ lebenden jüdischen Personen der Überprüfung ihres Status und der Planung des weiteren Umgangs mit ihnen diente. Es soll demnach nie geplant gewesen sein, alle in der Rosenstraße Inhaftierten zu deportieren.

Andere, wie beispielsweise der Historiker Nathan Stoltzfus, sehen das Ergebnis des Protestes als Teil des Konflikts zwischen dem nationalsozialistischen Regime und den in einer „Mischehe“ lebenden Paaren. 

Dass diese Ehen existierten, widersprach der grundlegenden Ideologie der Nationalsozialisten. Bis zum Februar 1943 hatte die Beziehung mit nicht-jüdischen Ehepartner*innen dennoch vielen jüdischen Personen eine Art Schutz geboten. Denn um öffentlichen Aufruhr zu vermeiden, schob man ihre Deportation vorübergehend auf. Mit dem Protest in der Rosenstraße sollen laut Stoltzfus die nicht-jüdischen Angehörigen die nationalsozialistische Führung dazu gezwungen haben, vorläufig zu diesem Vorgehen zurückzukehren. 

Die unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse ändern jedoch nichts an der Bedeutsamkeit des Protests an sich.  

Der Frauenprotest war singulär und ist deshalb von größter Bedeutung. Selbst wenn der Protest gescheitert wäre und die Verhafteten deportiert worden wären, gibt es in der zwölfjährigen NS-Geschichte kein vergleichbares Ereignis zivilen Protests einer größeren Gruppe in der Öffentlichkeit über mehrere Tage. 

Andreas Nachama, Vorwort zum Buch „Gedenkort Rosenstraße 2–4“ 


Literatur
https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-119195
https://www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503304/denkmal-rosenstrasse/
https://www.topographie.de/veranstaltungen/detail/gedenken-an-die-fabrik-aktion-und-den-protest-in-der-rosenstrasse
https://www.jmberlin.de/objekttage-der-rosenstrasse-protest
https://taz.de/Protest-gegen-Nazis/!5484710/
https://www.stiftung-denkmal.de/aktuelles/gedenken-an-die-fabrik-aktion-und-den-protest-in-der-rosenstrasse-11/
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Über uns 
Anya H. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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