Demokratiegeschichten

Georg Eckert

Wer war Georg Eckert? Außerhalb von Braunschweig weiß das kaum jemand. Wahrscheinlich können nicht alle Braunschweiger*innen seinen Lebenslauf aufsagen. Aber zumindest wissen viele, dass es ihn gegeben hat, dass eine Straße seinen Namen träg und auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof ein Gedenkstein an ihn erinnert. Und dann gibt es in Braunschschweig auch noch das Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung.

Die Villa von Bülow, in der sich heute das Institut für Internationale Schulbuchforschung befindet; Foto: wikimedia

Außerdem ist 2018 ein Buch über Georg Eckert erschienen, das untertitelt ist mit „Von Anpassung, Widerstand und Völkerverständigung“. Die Autorin Heike Christina Mätzing arbeitet, kaum zu erraten, in Braunschweig am Institut für Geschichtswissenschaft der TU. Wer also war dieser Georg Eckert und was hat er mit Demokratiegeschichte zu tun?

Kämpferisch in Berlin

Eine ganze Menge. Aber der Reihe nach. Geboren ist er 1912, nein, eben nicht in Braunschweig, sondern in Berlin. Er ging in Berlin-Halensee zur Schule und kam schon als Schüler in Kontakt zu verschiedenen sozialdemokratischen Organisationen. Mit 18 Jahren wurde er SPD-Mitglied, trat 1931 dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und mit Beginn seines Geschichtsstudiums der sozialistischen Studentenschaft bei und leitete bald die Berliner Hochschulgruppe.

Das war kein ruhiger Posten, denn an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Universität, ging der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund brutal gegen politische Gegner vor. Eckert selbst war häufig in Schlägereien verwickelt. Gerüchte von Todeslisten, auf denen sein Name stand, kursierten. Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte er sich in das Elternhaus eines Reichsbannerkameraden nach Hildesheim ab – Berlin wurde zu gefährlich.

Getarnt oder angepasst in Bonn

Nach der Zwischenstation in Hildesheim entschloss sich Georg Eckert im Mai 1933, in Bonn weiter zu studieren. Weit weg von Berlin und an einer Uni, die eher von katholischen Studentenverbindungen als von Nationalsozialisten dominiert wurde. So überstand Eckert die Verhaftungswelle, die viele seiner sozialdemokratischen Freunde in die Konzentrationslager brachte oder zur Flucht ins Ausland zwang.

Er verlegte in Bonn seinen Studienschwerpunkt von der Geschichte zur Ethnologie, promovierte 1935 und legte 1936 und 1938 die Staatsexamina für den Schuldienst ab. 1943 folgte dann noch die Habilitation. Tarnung, Anpassung oder beides?

Auf jeden Fall trat er mehreren NS-Organisationen bei, darunter auch dem Nationalsozialistischen Studentenbund, den er wenige Jahre zuvor noch mit Fäusten bekämpft hatte. Als er für das Referendariat wieder nach Berlin ging, folgte der Eintritt in den NS-Lehrerbund und 1937 in die NSDAP.

Widerständig in Thessaloniki

Der Zweite Weltkrieg durchkreuzte das Lehrerleben Eckerts und seine beginnende akademische Karriere zunächst. Er wurde, wenige Monate nach seiner Heirat mit Magda Lauffs, zum Wehrdienst eingezogen und nahm als Funker am Frankreichfeldzug teil. Dann machte er eine Weiterbildung zum „Ergänzungsmeteorologen“ und wurde dadurch Wehrmachtsbeamter.

Im Juli 1941 kam er als stellvertretender Leiter einer Marinewetterwarte ins griechische Thessaloniki. Ab September 1942 übernahm er dort die Leitung. Er beobachtete nicht nur Wind und Wellen, sondern betrieb ethnologische Studien. Und er knüpfte Kontakte zur griechischen Widerstandsbewegung ELAS, unterstützte die griechische Bevölkerung, bot Jüdinnen und Juden Verpflegung und Unterschlupf. Er vermittelte zwischen ELAS und Wehrmacht und erreicht die kampflose Übergabe der Stadt.

Schließlich desertierte er gemeinsam mit anderen Mitarbeiter*innen der Wetterwarte offen zur ELAS und blieb in Griechenland, während die deutschen Truppen sich zurückzogen. Zwar geriet er in britische Kriegsgefangenschaft, wurde aber wegen seiner Widerstandstätigkeiten von den Engländern bevorzugt behandelt. Eckert sollte zum Wiederaufbau eines demokratischen Staatswesens nach Deutschland gebracht werden.

Unermüdlich in Braunschweig

Genau dieses Ziel des demokratischen Staatsaufbaus verfolgte Eckert selbst. Allerdings erkrankte er zunächst schwer und kämpfte Ende 1945 mit dem Tod im britischen Lazarett in Goslar. Er kam wieder zu Kräften und nun ging es endlich los in Braunschweig. Er trat wieder in die SPD ein, wurde Dozent und 1952 Professor für Geschichte und für Methodik des Geschichtsunterrichts.

Besonders interessant finde ich, dass Eckert beseelt war von der Idee, Demokratiegeschichte, z. B. die Geschichte der 1848er Revolution, in den Schulunterricht zu bringen. Es gelang ihm aber nicht, seine Ideen bei der Gestaltung neuer Lehrpläne durchzusetzen.

Andere Vorschläge Eckerts blieben zunächst unverwirklicht und wurden viel später von anderen umgesetzt. Beispielsweise hatte er schon 1946 die Idee, eine Historische Kommission der SPD zu gründen, die dann aber erst 1981 eingerichtet wurde. Ebenfalls von 1946 stammt seine Anregung, das Archiv der sozialen Demokratie zu gründen. Dies wurde noch zu Lebzeiten Eckerts, im Jahre 1969, umgesetzt.

Versöhnlich in Europa

Seine Leidenschaft wurden nun Schulbücher. Mit Hilfe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gründete er 1951 das Internationale Schulbuchinstitut, das er bis zu seinem Tod 1974 leitete und das heute seinen Namen trägt. Dabei ging es ihm um Völlkerverständigung und die Aussöhnung Deutschlands mit seinen ehemaligen Kriegsgegnern.

In binationalen Schulbuchkonferenzen und Kommissionen wurden Schulbücher auf verborgene Feindbilder und nationalistische Inhalte geprüft und dann verändert. Schulbuchrevision heißt dazu das Fremdwort.

Eckerts internationales Engagement zur Versöhnung ging aber noch weiter. Er war Mitglied und ab 1964 Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission, die bis heute deutsche Kultur- und Bildungspolitik im Ausland betreibt. Als solcher erreichte er 1972 mitten im Kalten Krieg eine Vereinbarung zwischen Polen und Deutschland über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Schulbuchrevision.

Unbekannt in Deutschland

Je mehr ich über Georg Eckert lese, desto interessanter finde ich ihn. Einer der früh kämpft, dann abtaucht und sich anpasst. Aus der Deckung heraus leistet er Widerstand, wird immer mutiger, um dann nach 1945 seine Bestimmung zu finden: Versöhnung über Bücher, sozusagen. Und vielleicht trägt das Buch von Heike Christina Mätzing und unser Blog ja dazu bei, dass ihn bald nicht nur die Braunschweiger kennen.

Grab von Georg Eckert auf dem Braunschweiger Stadtfriedhof; Foto: TeWeBs, Lizenz:
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

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Über uns 
Dennis R. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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