Demokratiegeschichten

Hans-Jochen Vogel

In der Garage meiner Eltern liegt zusammengerollt noch ein großes Plakat, auf dem steht: „Deutschland dankt Hans-Jochen Vogel“. Wir haben es drucken lassen, als wir 2016 mit einer kleinen Delegation von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und dem Internationalen Auschwitz Komitee zu seinem 90. Geburtstag nach München fuhren. Auf der Rückreise machte ich eine Zwischenstation bei meinen Eltern in der Nähe von Heidelberg. Seitdem liegt es dort. Seitdem Vogel am 26. Juli verstarb, denke ich oft an das Plakat, aber auch an den Menschen Hans-Jochen Vogel.

Der Gründungsvorsitzende

Für unseren Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. war Hans-Jochen Vogel der Gründungsvorsitzende. Die Person, die den Verein mit einigen anderen Persönlichkeiten 1993 gründete und in den ersten Jahren entscheidend prägte. Die Frage, die ich mir jetzt noch einmal neu stelle, ist: Was prägte ihn, den Politiker und Gründungsvorsitzenden Hans-Jochen Vogel selbst? Und wie beeinflussten die Prägungen sein Handeln als Politiker, aber auch als Gründungsvorsitzender?

Jugend im Nationalsozialismus

Hans-Jochen Vogel war Jahrgang 1926. Er wuchs zunächst in Göttingen, dann ab 1934 in Gießen auf und besuchte dort das humanistische Gymnasium. 1936 trat er dem „Deutschen Jungvolk“ bei, einer Organisation der Hitlerjugend für 10-14jährige. Er habe sich schnell, so Vogel später, „an Appelle, Schulungsstunden, an Geländespiele, an Fahrten und das gemeinsame Marschieren und Singen“ gewöhnt. Ab 1942 leitete er auch die Kulturstelle der örtlichen Hitlerjugend.

Seine Begeisterung für den Nationalsozialismus bekam aber einige Risse. Sein Vater distanzierte sich zunehmend vom Regime und trat 1936 wieder aus der SS aus. Als gläubiger Katholik missbilligte Hans-Jochen Vogel auch die Kirchenpolitik des Nationalsozialismus.

Im Krieg

Nach mit Bravur bestandenem Abitur wurde Hans-Jochen Vogel im Juli 1943 Wehrmachtssoldat. Nach Ausbildungsstationen in Kassel, Frankfurt und Erfurt kam er 1944 zum Kriegseinsatz nach Italien. Er wurde verwundet und geriet im April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

„Nie wieder!“

Den Zweiten Weltkrieg erlebt und selbst mitgemacht zu haben, nannte Vogel später sein prägendstes Erlebnis. Sein Fazit daraus war das „Nie wieder! Nicht noch einmal!“, das zum Leitspruch von vielen in seiner Generation wurde. Was genau er damit meinte, brachte er in einem Interview im Mai 2020 zum Ausdruck:

„Bei mir wurde alsbald der Gedanke stärker, dass wir aus dem, was passiert war, lernen und uns eine Ordnung geben müssen, die Grundwerte zur Grundlage hat. Und ich fühlte, dass ich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit hatte, an einer solchen Ordnung mitzuarbeiten.“

Pflicht zur Mitarbeit

Diese Pflicht zur Mitarbeit an einer neuen Staatsordnung, um Krieg und Diktatur nicht wiederholbar zu machen, verkörperte Hans-Jochen Vogel wie kaum ein anderer Politiker. Er nahm kurz nach Kriegsende sein Jurastudium wieder auf und trat nach dem Vergleich verschiedener Parteiprogramme in die SPD ein. Eine seiner ersten Aufgaben im Staatsdienst war die Bereinigung und Neuordnung des bayerischen Landesrechts. Und als Oberbürgermeister von München baute er die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ zu einer modernen Großstadt um, die 1972 Austragungsort der Olympischen Spiele wurde.

Unantastbare Grundwerte

Als Justizminister der Bundesrepublik in den Jahren 1974 bis 1981 galt es für Hans-Jochen Vogel, die Grundwerte der Verfassung gegen den RAF-Terrorismus zu verteidigen. Bei der Terrorbekämpfung achtete er mehr als andere darauf, den Rechtsstaat nicht zu beschädigen. Der Wertekanon des Grundgesetzes war für ihn in jeder Situation unantastbar.

Opposition als demokratische Pflicht

Pflicht zur Mitarbeit bedeutete für ihn auch, undankbare Aufgaben anzunehmen. So zum Beispiel 1983 die Position des Fraktionsvorsitzenden der SPD im Bundestag nach der verlorenen Kanzlerkandidatur gegen Helmut Kohl. Herbert Wehner hatte seinem Nachfolger auf einen Zettel geschrieben: „Weiterarbeiten und nicht verzweifeln„. Genau dies befolgte Vogel und baute in der Fraktion verlässliche Strukturen auf, klärte Zuständigkeiten, arbeitete effizient. Und sah Opposition nicht als das Blockieren von Regierungshandeln, sondern als verantwortungsvolle Aufgabe in der Demokratie.

Gegen Vergessen

In den letzten drei Lebensjahrzehnten widmete Vogel seine Energie und Tatkraft wesentlich der Erinnerungsarbeit und der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Nicht wenige Gedenkstätten verdanken ihre Existenz und ihren Ausbau nicht zuletzt dem Engagement und der Beharrlichkeit von Hans-Jochen Vogel. Er setze sich auch für all diejenigen ein, die Opfer des NS-Regimes geworden waren, aber im „Erinnerungsschatten“ standen, z. B. Zwangsarbeiter*innen oder „Euthanasie“-Geschädigte.

Für Vogel war klar, dass „Lernen aus der Geschichte“ möglich ist, denn er selbst hat aus dem Erleben von Diktatur und Krieg seine Schlüsse gezogen und sein politisches Handeln darauf aufgebaut. Das Erinnern an NS-Zeit und Holocaust und die Stärkung eines demokratischen Gemeinwesen hingen für ihn unmittelbar zusammen, wie im Namen „seines“ Vereins: Gegen Vergessen – Für Demokratie.




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Dennis R. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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