Demokratie lebt davon, dass neue Generationen sich für sie einsetzen. Jedoch auch davon, dass bestimmte Aspekte infrage gestellt und für notwendig empfundene Änderungen angestrebt werden. Demokratie wird immerzu neu ausgehandelt und Jugendprotest spielt dabei eine wichtige Rolle.
Sei es die Klimabewegung, antifaschistische und antirassistische Bewegungen oder aber Bemühungen um eine Bildungsreform und mehr Mitspracherecht. Aktuell sehen wir immer wieder Jugendliche und junge Menschen an der Spitze und als treibende Kräfte sozialer und politischer (Protest-)Bewegungen.
Jugend und Demokratie
Junge Menschen sind diejenigen, die mit den in der Gegenwart getroffenen Entscheidungen am längsten leben müssen. Doch viele Jugendliche haben das Gefühl, nicht gehört zu werden und dass ihnen die Chancen fehlen, die Gegenwart und Zukunft mitzugestalten.
Jugendliche als politische Akteur*innen besitzen nur begrenzte formale Beteiligungsrechte. Wie beispielsweise das Wahlrecht, das man abhängig von Wahl und Bundesland erst ab 16 oder 18 Jahren ausüben kann. Aber auch das Recht auf Mitgliedschaft in Parteien oder auf Demonstrationsanmeldung ist teilweise an bestimmte Altersgrenzen geknüpft. Zudem fehlt auf institutioneller Ebene häufig die Repräsentation der jüngeren Generationen.
Die Teilnahme an Protest in all seinen verschiedenen Ausprägungen ist dagegen eine Form der politischen Teilhabe, die allen zugänglich ist. Über Kleidung, Musik, Kunst oder eben durch Petitionen und Demonstrationen ist es jungen Menschen möglich, ihre Betroffenheit, Meinung, Zukunftsängste, aber auch Vorstellungen für Änderungen in der Gegenwart zum Ausdruck zu bringen.
Ihre Beteiligung an Protesten und sozialen/politischen Bewegungen ist also wichtig für eine lebendige und zukunftsorientierte Demokratie, in der es allen möglich ist, gehört zu werden.
Historische Beispiele des Jugendprotests
Es handelt sich keinesfalls um ein neues Phänomen, dass junge Menschen bei Protestbewegungen an vorderster Front mitwirken.
Jugendopposition im Nationalsozialismus
Zur Zeit des Nationalsozialismus war vor allem in den deutschen Großstädten beispielsweise die rebellierende Swingjugend aktiv. Auch andere bekannte oppositionelle Gruppen wie die “Edelweißpiraten” und die “Weiße Rose” setzten sich primär aus Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen zusammen.
Während der Widerstand gegen die Anpassung an das NS-Regime der “Weißen Rose” politisch motiviert war, ging es der Swingjugend und den “Edelweißpiraten” um die Möglichkeit, eine eigene Jugendkultur und Identität frei auszuleben.
Jugendprotest im geteilten Deutschland
Auch in der Nachkriegszeit sind Jugendkulturen wiederholt als Träger sozialer und kultureller Bewegungen sowie politischer Proteste erkennbar.
Die Mitte der 50er Jahre war in beiden Teilen Deutschlands von Arbeiteraufständen geprägt, an denen Jugendliche maßgeblich beteiligt waren. Die „Halbstarken-Krawalle“ in der BRD und auch die Studierenden- und Arbeiteraufstände in der DDR waren unter anderem auch ein Ausdruck des Protests gegen Bevormundung und kulturpolitische Kontrolle.
Weltweite Jugendproteste kennzeichnen die späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Die Wut über undemokratische Strukturen, Krieg, die fehlende Aufarbeitung des Nationalsozialismus oder über den staatlichen Anpassungsdruck und die gesellschaftlichen Zwänge sowie der Wunsch nach mehr politischer Teilhabe und kultureller Freiheit äußerten sich zum Beispiel im Aufstand der jugendlichen Beatszene in Leipzig 1965 oder im Sternmarsch auf Bonn 1968.
Junge Menschen in der DDR engagierten sich zudem in kirchlichen Jugendgruppen, in der Friedens- und Umweltbewegung und leisteten in den späten 80er Jahren einen wichtigen Beitrag zur friedlichen Revolution.
Was wir aus Protest lernen können
Protest ermöglicht jungen Menschen nicht nur politische Teilhabe, öffentlichkeitswirksame Meinungsäußerung und das Mitgestalten der Gesellschaft, in der wir leben. Jugendkulturelle und soziale/politische Bewegungen dienen auch als informeller Lernraum. Es werden demokratische Kompetenzen jenseits des Wahlrechts erlernt.
Der Kontakt zu verschiedenen Meinungen, aber auch die inhaltliche Beschäftigung mit innerhalb der Bewegung relevanten Themen können die Urteilsbildung fördern. Auch Fähigkeiten wie Organisation, Kommunikation und Medienkompetenz werden durch das Engagement zum Beispiel in zivilgesellschaftlichen Vereinen gestärkt. Die Beteiligung an einer (Protest-)Bewegung kann außerdem das Aushandeln von Konflikten trainieren sowie die Teilnehmenden Selbstwirksamkeit, also dass Vertrauen, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, erleben lassen .
Literatur:
Protest und Verweigerung | MDR.DE
Politische Bildung und Protest in Jugendkulturen | lernen-aus-der-geschichte.de
LeMO Zeitstrahl - NS-Regime - Widerstand im Nationalsozialismus - Jugendopposition
Protest als Ressource? | Jugend und Protest | bpb.de
Studentenbewegung: Internationale Studentenproteste - Deutsche Geschichte - Geschichte - Planet Wissen
SINUS-Jugendstudie 2020: Jugend fühlt sich zu wenig gehört und nicht ernst genommen | Jugendhilfeportal
Deutschmann, Anna: Institutionalisierung und Transformation: Bildungs- und Lernprozesse in und von (Protest-)Bewegungen, in: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 44. Jahrgang 2021, Heft 3, S. 4–9.


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