Demokratiegeschichten

Flucht aus der DDR: Durchs Wasser

In der Reihe Flucht aus der DDR möchten wir Geschichten von Menschen erzählen, die aus der DDR geflohen sind, um ihren Traum eines demokratischen Lebens zu verwirklichen. Die Fluchtversuche wurden auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen unternommen. Was sie alle eint, ist der unglaubliche Mut derjenigen, die bereit sind, ihr Zuhause zurückzulassen und alles aufs Spiel zu setzen, um ein Leben in Freiheit führen zu können.

Obwohl die Mauer wie nichts anderes als Synonym für die deutsche Teilung steht, gab es auch andere Wege, von Ost- nach West-Deutschland zu gelangen, auch ohne direkt dieses Bollwerk zu bezwingen. So bot etwa der Weg übers Wasser für einige Fluchtwillige die Chance, dem DDR-Regime zu entkommen.

Dampferfahrt mit Umwegen

Am 8. Juni 1962 entführen 13 junge Ost-Berliner*innen den Ausflugsdampfer Friedrich Wolf, nachdem sie Kapitän und Maschinist in ihre Kabinen eingesperrt hatten. Aus Richtung Treptow kommend nähern sie sich früh am Morgen der Oberbaumbrücke, fahren dann aber mit voller Kraft in Richtung der West-Berliner Oberen Schleuse.

Sofort verfolgen DDR-Grenzboote das flüchtende Schiff und nehmen es unter Feuer. Die West-Berliner Polizei wiederum feuert zurück, wodurch die Flüchtenden ans rettende Ufer gelangen können. Der Kapitän und der Maschinist kehren freiwillig in die DDR zurück.

Flucht übers Meer

Auch viel kleinere Wasserfahrzeuge dienen im Laufe der Zeit immer wieder als Fluchtwerkzeuge. So etwa im Juli 1982, als die Familie Paetsch die Flucht über die Ostsee mithilfe von zwei Faltbooten wagt, die sie zuvor mit Außenmotoren ausgestattet haben. An einem Strand bei Trassenheide lassen sie abends die Boote zu Wasser, Ziel ist die dänische Insel Bornholm.

Von einem Strand bei Trassenheide aus wagt die Familie Paetsch im Juli 1982 die Flucht, Foto: Creative Commons CC BY-SA 4.0

Obwohl sie von Grenztruppen entdeckt werden und ein Motor versagt, schaffen es die Flüchtenden in internationale Gewässer. Doch als sie bis zum nächsten Morgen etwa drei Viertel der Strecke nach Bornholm zurückgelegt haben, werden sie von fünf ostdeutschen Fischkuttern umringt und zur Aufgabe gezwungen. Als sie an Bord eines der Schiffe gehen, wird klar, dass es sich um Grenztruppen handelt.

Familie Paetsch wird festgenommen, alle werden zu Freiheitsstrafen verurteilt, aber im September 1983 von der Bundesrepublik freigekauft. Knapp 6000 Menschen wagen zwischen 1961 und 1989 die Flucht über die Ostsee nach Dänemark, nur knapp jeder sechsten Person gelingt die Flucht. Etwa 200 Menschen verlieren dabei ihr Leben.

Ums eigene Leben schwimmen

Andere wiederum verließen sich vor allem auf ihre eigene Körperkraft. Am 21. November 1963 etwa schwimmt Hubert Hohlbein durch den Jungfernsee in Potsdam. Er tut es damit zwei Freunden gleich, die bereits auf diesem Weg geflüchtet sind.

Bekleidet mit einem Taucheranzug und ausgerüstet mit einem Bleigürtel, um möglichst tiefliegend durchs Wasser zu gleiten, läuft er durchgängig Gefahr, von Grenzpolizisten entdeckt und unter Feuer genommen zu werden. Nach eineinhalb Stunden kommt er unbeschadet in der Nähe der Glienicker Brücke in West-Berlin an. Künftig wird er als Fluchthelfer zahlreichen weiteren DDR-Bürger*innen den Weg in den Westen ermöglichen.

Die Grenze an der Glienicker Brücke (1988/89), Foto: BStUMfSHA IFoNr. 365, Bild 99

Über zwei Jahrzehnte später hat ein 29-Jähriger dieselbe Idee. Am 8. Oktober 1986 lässt er sich in einem Taucheranzug ins kalte Wasser des Jungfernsees gleiten. Er schafft es, die Unterwassersperre durch ein durch Korrosion entstandenes Loch zu durchtauchen. Auch er rettet sich in der Nähe der Glienicker Brücke nach etwas mehr als zwei Kilometern ans Ufer in West-Berlin.

Nur wenige Sekunden entscheiden

Wenige Wochen vorher ist bereits drei Jugendlichen die Flucht gelungen. Sie klettern mit einer Holzleiter nachts am 24. September 1986 von Teltow aus über die Hinterlandmauer, den Grenzsignalzaun und schließlich auch den drei Meter hohen Gitterzaun. Nun stehen sie vor dem Teltowkanal, den alle drei durchschwimmen und sicher in Berlin-Zehlendorf ankommen.

Der Teltowkanal in Berlin-Tempelhof, Foto: A. Savin, WikiCommons

Was die drei Flüchtenden zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Sie waren tatsächlich von Grenzsoldaten entdeckt worden, bereits während des Überkletterns der Hinterlandmauer. Doch ein Grenzsoldat hatte beim Abstieg aus dem Wachturm das Magazin seiner Maschinenpistole verloren und es in der Dunkelheit nicht sofort wiedergefunden. Wenige entscheidende Momente, die möglicherweise das Leben der drei Jugendlichen retteten.

Artikel Drucken
Markiert in:,
Über uns 
Ulli E. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinator im Bereich Demokratiegeschichte.

2 Kommentare

  1. Kein name

    24. August 2023 - 11:00
    Antworten

    Das hilft mir sehr bei meiner präsentation über die DDR

    • Ulli E.

      24. August 2023 - 11:17
      Antworten

      Das freut uns sehr zu hören!
      Liebe Grüße, Ulli E.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert