Demokratiegeschichten

Kombiniere: So waren die 50er ODER Nick Knatterton und die Bonner Republik

Am Anfang muss ich gestehen: Ja, ich bin ein Fan der Geschichten von Manfred Schmidt über den Meisterdetektiv Nick Knatterton, die in den 50er und 60er Jahren in der Zeitschrift „Quick“ veröffentlicht wurden. Die Geschichten um diesen Alleskönner in Karo, stets mit Pfeife im Mund, dem nahezu alles gelingt und der gestandene Ganoven wie „Schläger-Schorsch“, Max Klaut oder Macco Maffiano in ihren kriminellen Vorhaben behindert, haben heute noch, 70 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, nur wenig von ihrem Charme verloren. Mit Nick Knatterton hatte die deutsche Comic-Szene einen ihrer frühen Höhepunkte erreicht.

Manfred Schmidt, Autor von “Nick Knatterton”; Bildrechte: Lappan-Carlsen Verlag

Nun werden sich einige die Frage stellen, warum meine Begeisterung für diese Figur oder das Werk von Manfred Schmidt in diesem Blog relevant sein sollte. Es geht mal nicht um einen Politiker oder ein historisches Ereignis. Außerdem: Die Geschichten strotzen vor Klischees und insbesondere das vertretene Frauenbild ist nicht mehr akzeptabel. Denn Frauen wurden entweder als kriminell („Blumen der Gosse“), als knapp bekleidetes Beiwerk Knattertons (zumindest anhand der Maßstäbe der 50er Jahre) oder als beides zugleich dargestellt. Political Correctness kann man in diesen Geschichten auch nicht einmal im Ansatz erwarten. Warum also dann?

Ich lehne mich einmal etwas aus dem Fenster und behaupte, dass Nick Knatterton in vielen Hinsichten ein wunderbarer Spiegel der Bundesrepublik der 50er Jahre ist. Selten wurde die Bonner Politik und vor allem die Bundesregierung auf eine derart schrille Art und Weise durch den Kakao gezogen.

Comic der anderen Art

Das soll ein Comic leisten können? Einen Knatterton zu lesen ist nicht zu vergleichen mit dem Lesen eines normalen Comics, wie man ihn sonst kennt. Es ist an manchen Stellen geradezu Arbeit. Das liegt vor allem an dem Stakkato der formulierten Seitenhiebe, die Schmidt in seinen Geschichten austeilte. Der wesentliche Humor der Knatterton-Geschichten entsteht über diese unzähligen Kommentare zur Geschichte selbst und zum Zeitgeschehen, die Schmidt in den Ecken und an den Seiten anbrachte – oft mehrere pro Bild.

“Der Schuss in den Hinterkopf” war die erste Nick Knatterton Geschichte; Bildrechte: Manfred Schmidt / Lappan-Carlsen Verlag

Dieser Comic der anderen Art hat auch mit dem Hintergrund des Erfinders der Figur zu tun. Manfred Schmidt hätte sich selbst nicht als Komiker oder Schaffer normaler Comics verstanden. Er begann seine Karriere als politischer Karikaturist bei verschiedenen kleineren Zeitungen. Dem Kriegsdienst versuchte er zu entgehen, indem er für das Reichspropagandaministerium zeichnete. Als er schließlich doch eingezogen wurde, arbeitete er als Militärkartograph und in einer Propagandakompanie. In den Jahren nach 1945 entwickelte er sich zu einem strikten Pazifisten, was sich auch in seinen Arbeiten widerspiegeln sollte. 1950 veröffentlichte er schließlich die erste Geschichte mit Nick Knatterton, „Der Schuss in den künstlichen Hinterkopf“. Ursprünglich sollte es nichts weiter als eine Parodie auf die damals so beliebten Superheldengeschichten aus den USA sein. Es sollten aber 18 weitere Geschichten bis 1959 folgen.

Die Bande vom Finanzamt

Im Wesentlichen lässt sich die Arbeit Schmidts als Oppositionsarbeit gegen die Adenauerregierung und verschiedener klischeehafter Eigenheiten der Deutschen verstehen. Die Union war dabei sein liebstes Opfer. In einem Interview beschrieb Schmidt einmal seinen Zeichenstil damit, dass er Köpfe immer nur als „Nullen“ zeichnen könnte. Interessanterweise hätten die „Nasen“ immer die Form eines C, eines S oder eines U. Der CSU-Bundesfinanzminister Schäffer wird als geschäftstüchtiger aber geldgieriger Politiker dargestellt (im Fall „Der Stiftzahn des Caprifischers“). Als der Vater eines Entführungsopfers von den Entführern eine Quittung für das Finanzamt haben will, winken die Ganoven ab mit dem abfälligen Kommentar, dass dies eine andere Bande sei, mit dem man zum Glück nichts zu schaffen hätte. Das Kostümfest im Bundesfinanzministerium hat in einer anderen Geschichte natürlich das Thema „Raubritterball“.

Gegen die Staatsgewalt und die Wiederbewaffnung

Die Staatsgewalt in Form der Polizisten und der Geheimdienste kommen nie gut weg. Sie machen sich regelmäßig über Knatterton lustig und sind ihm selten eine Hilfe. Schon in der ersten Geschichte wird Knatterton, als dieser an der falschen Stelle niest, mit Knüppeln attackiert. Er landet im Gefängnis. Die Schwellungen an Nicks Kopf bezeichnet Schmidt in einem Kommentar als „Demokratische Beulen“, die man bei freier Meinungsäußerung wohl zu erwarten habe. Die Auswüchse des deutschen Beamtenapparats wären eine der wenigen Sachen im Land, wo wirklich alles möglich wäre.

Auch der Bundeskanzler selbst hatte keinen guten Stand bei Schmidt. Dies wird insbesondere in der Geschichte „Der indische Diamantenkoffer“ deutlich. So wird der im Titel beschriebene Diamantenkoffer von einem besonders störrischen alten Elefanten bewacht, der zufälligerweise vorher in einem deutschen Wanderzirkus unterwegs war und auf den Namen Konrad hört. Der Tierhüter beschreibt ihn als das „dickfelligste Wesen der Welt“, Zureden helfe da nichts. Gleichzeitig ist gerade diese Geschichte aber auch eine wunderbare Satire auf das Klischee der deutschen Pedanterie.

Als “Häuptling Alter Fuchs” lässt Schmidt Adenauer das Kriegsbeil ausgraben; Bildrechte: Manfred Schmidt / Quick / Lappan-Carlsen Verlag

Ein besonderes Anliegen war Schmidt stets der Widerstand gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands in den 50er Jahren. So führte er die Figur der Linda Knips ein, die im Rahmen der „leider nur kurzen Entmilitarisierung“ ihren Namen von Sieglinde in Linda änderte. Als Knatterton einen Lehrling annehmen will, stimmen die Eltern trotz der Gefahr für ihren Sohn mit dem Kommentar zu, dass er irgendwann ja sowieso Soldat werden muss. Die Opfer der späteren Fälle sind interessanterweise regelmäßig Waffenproduzenten, die stets als moralisch zwielichtige Personen dargestellt werden und im ersten Fall das Opfer, im nächsten Fall aber schon wieder Auftraggeber der Täter sein können.

Was Knatterton als „Quelle“ interessant macht

Man könnte noch viele weitere Beispiele für diese und andere Politikfelder finden. Aber ich denke, dass man einen gewissen Eindruck gewinnen konnte. In vielen Hinsichten unterscheidet sich Nick Knatterton von den Filmen, den Presseerzeugnissen oder der Unterhaltungsliteratur der 50er Jahre. Dabei darf man nicht vergessen, dass gerade die Unterhaltung in den 50er Jahren noch weitestgehend unpolitisch war. Und es bis auf wenige Ausnahmen bis in die 60er Jahre auch noch blieb. Auch die Presse musste in der Breite oft noch ihre eigene kritische Rolle in der Gesellschaft erst finden. Dem stehen die Geschichten von Nick Knatterton gegenüber. Eine Persiflage auf die zeitgenössischen Superheldengeschichten und eine Karrikatur auf die Politik und den Zeitgeist der 50er. Ohne Probleme könnte man die Arbeiten Schmidts als Kombination aus beidem sehen.

Darüber hinaus gewinnen wir einen wertvollen Eindruck in die 50er Jahre, in denen man noch nicht wusste, ob das Experiment Bundesrepublik wirklich bestehen könne. Den positiven Effekten des Wirtschaftswunders werden die möglichen Eskapaden der Politik und der Wirtschaft gegenübergestellt. All diese Aspekte werden zwar rigoros überzeichnet, aber gerade deswegen sind die Hinweise auch für heutige Leser immer noch verständlich.

Glücksfall und Fluch

Die Geschichten sollten schließlich zum Glücksfall und Fluch für Schmidt werden. Er wurde mit Knatterton wohlhabend, aber kam nicht darüber hinweg, dass die von ihm geschaffene Parodie zu einem solchen Dauererfolg wurde. 1959 sorgte eine Schreibblockade für das jähe Ende der Knatterton-Geschichten. In den 70er Jahren wurden einige der Geschichten noch einmal in kurze Zeichentrickfilme umgeschrieben. Hier fehlten jedoch die gesellschaftskritischen Hinweise völlig und es blieb bei nur einer Handvoll Geschichten.

Schmidt behauptete so manches Mal, dass andere (möglicherweise Loriot) über ihn sagten, dass er eine echte Doppelbegabung wäre, denn er könnte nicht zeichnen und nicht schreiben. Im Falle der Geschichten Nick Knattertons kann man weder das eine noch das andere stehen lassen. Auf mehreren Ebenen sind die Abenteuer des grüngekleideten Meisterdetektivs ein Spiegel der Gesellschaft, der Moral und der politischen Diskurse in der Bundesrepublik der 50er Jahre – die ihresgleichen suchen. Nun, 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung haben sie kaum etwas von ihrem Charme verloren. Und es lohnt heute noch, sie auch unter diesen Gesichtspunkten zu lesen. Deshalb möchte ich Ihnen diese Geschichten auch aus der Perspektive des Historikers empfehlen und wünsche Ihnen, dass Sie eine ähnliche Freude an den Geschichten haben werden, wie ich sie hatte.

Wen die Neugierde gepackt hat, der schaue mal beim Lappan-Carlsen Verlag vorbei. Dort ist vor kurzem eine Gesamtausgabe von Nick Knatterton erschienen.

Artikel Drucken
Über uns 
Björn Höfer ist Mitglied von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. und promoviert in St Andrews und Potsdam im Bereich "Politischer Katholizismus zwischen Weimar und Bonn".

0 Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.