Demokratiegeschichten

Jitzchak Rabin – Ein Hoffnungsträger für Israelis und Palästinenser / Teil 1

„Wir müssen Gewalt verurteilen und zurückdrängen. Sie gehört nicht zu Israel. In einer Demokratie gibt es Meinungsverschiedenheiten. Aber Entscheidungen werden in demokratischen Wahlen getroffen.“


Jitzchak Rabin am 4. November 1995

Einen Tag vor der Parlamentswahl in Israel, am 8. April 2019, sitze ich in Tel Aviv in einem Taxi. Der Taxifahrer ist Mitte 60, aber an die Rente denke er nicht, sagt er. Er brauche das Geld, damit seine Frau und er jedes Jahr nach Kanada reisen können. Dorthin sei sein Sohn mit der Schwiegertochter und den Enkeln ausgewandert. Sein Sohn wünsche sich ein sicheres Land für seine Kinder, erzählt er. Der Fahrer redet weiter über die bevorstehenden Wahlen. Ja, er wähle Benjamin Netanjahu, obwohl er ihn nicht mag. Warum er ihn trotzdem wählt? Weil er am aktuellen Status quo festhalten wolle. Das Land habe dadurch eine mehr oder weniger stabile Sicherheit, glaubt er. Zweimal betont er, Demokrat zu sein. Aber er sagt auch, es sei schwer in einer Welt voller Faschisten Demokrat zu sein. Ich frage ihn wer oder was für ihn israelische Demokratiegeschichte bedeutet. Er überlegt kurz und sagt: Jitzchak Rabin.

Hoffnungsträger für den Frieden

Ich muss mir eingestehen, ich weiß nur vage um die Bedeutung von Jitzchak Rabin für Israel und Palästina. Ich weiß, dass er sich entscheidend für den Friedensprozess mit den Palästinensern einsetzte und im November 1995 auf einer öffentlichen Veranstaltung erschossen wurde. Damals machte ich grad Abitur. Ich nahm das Entsetzen über die Nachricht in den Medien wahr. Aber sein Tod tangierte nicht meine damalige Lebenswirklichkeit. Zur Lebenswirklichkeit in Israel gehören jedoch von jeher Unsicherheit und die Hinweisschilder auf öffentliche Schutzbunker. Im Laufe meiner Reise durch Israel und das Westjordanland begegne ich immer wieder Menschen, die mit Jitzchak Rabin ihre Hoffnung auf einen Frieden für ihr Land verbunden hatten.

Jitzchak Rabin

Jitzchack Rabin ist der Sohn russischer Einwanderer. Er wird am 1922 in Jerusalem – damals noch Palästina – geboren. Mit 19 Jahren tritt er in die „Palmach“ ein – die Eliteeinheit der militärischen zionistischen Untergrundorganisation. Hier macht er Karriere im Militär. 1948 heiratet er seine Frau Lea. Im selben Jahr wird der Staat Israel gegründet. Er ist Kommandeur im israelischen Unabhängigkeitskrieg und für die Verteidigung der Zufahrtswege nach Jerusalem zuständig. Auch im Sechstagekrieg gegen Ägypten, Jordanien und Syrien leitet er die Israelische Armee. Mit 43 Jahren wird er Botschafter in den USA. Er wird zweimal zum Ministerpräsidenten von Israel gewählt. Zum ersten Mal im Amt ist er in den siebziger Jahren, dann von 1992 bis zu seinem Tod drei Jahre später.

Vom Militär zum Friedensstifter

Rabin, zunächst durch und durch militärisch geprägt, wird später zu dem Vermittler für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Nachdem er 1977 das Amt des Ministerpräsidenten an seinen Rivalen Schimon Peres abgeben muss, wird er in den Achtziger Jahren Verteidigungsminister. Damit ist er verantwortlich für die Israelische Armee während der Intifada, dem ersten Aufstand der palästinensischen Araber in den von Israel besetzten Gebieten. Er regt die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern an und unterzeichnet im Jahr 1993 mit dem Palästinenserführer Jassir Arafat das Oslo-Abkommen. Ein Meilenstein im Friedensprozess. Das israelische Militär soll sich aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zurückziehen. Die Palästinenser sollen eine Selbstverwaltung bilden.

tbc

In der nächsten Folge des Beitrages fahre ich nach Ramallah ins plästinensische Gebiet und besuche das Jassir-Arafat-Museum. Dort treffe ich auch den palästinensischen Lehrer Yusuf . Er erzählt von seinen Hoffungen, die er mit Arafat und Rabin verbunden hat. 


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