Demokratiegeschichten

Was ist eigentlich ein Demokrat?

Kürzlich erzählte mir jemand, er habe gemeinsam mit Freunden vorsätzlich die Veranstaltung einer Partei gestört, weil sie die Partei nicht mögen. Die sei zwar im Bundestag, aber die Partei sei undemokratisch. Mit ihrer Störaktion wollten sie die Demokratie retten.

Solche Aussagen und von ähnlichen Aktionen habe ich in letzter Zeit öfter gehört. Von sich überzeugte Demokraten wollen die Demokratie mit undemokratischen Mitteln retten. Sie hinterlassen bei mir einen schalen Geschmack und die Frage: Was ist eigentlich ein Demokrat?

 

  •  Ein Demokrat akzeptiert demokratische Entscheidungen aus dem einzigen Grund, dass sie demokratisch zustande gekommen sind. Auch wenn sie ihm selbst nicht passen.

Auch wenn die demokratisch gewählte Partei, die ich oder jemand anderes nicht leiden kann, mit  undemokratischen Inhalten agiert, macht es mich nicht demokratisch, wenn ich versuche, ihr das Wort abzuschneiden. Akzeptiere ich Entscheidungen nicht, die aus einer demokratischen Wahl (wie unsere Bundestagswahl) hervorgegangen sind, bin ich vermutlich alles Mögliche, aber sicher kein Demokrat.

 

  • Ein Demokrat ist strikt dagegen, seine „politischen Feinde“ aus den politischen Beteiligungsprozessen auszugrenzen.

Als Demokrat bekämpfe ich undemokratische Inhalte nicht mit undemokratischen Mitteln. Es sollen auch die gehört werden, die nicht meiner Meinung sind. Als Demokrat will ich wissen, was diese Menschen bewegt, weil sie meine „Mitbürger“ sind und sie mit mir in einer politischen Gemeinschaft zusammenleben. Auch wenn es für mich unangenehm ist, ihre Meinung zu hören, halte ich es aus. Ich gebe den Anderen Raum, ihre Meinung zu sagen. Gleichzeitig erwarte ich diesen Raum auch von ihnen.

 

  • Ein Demokrat ist jemand, der explizit will, dass alle teilnehmen und gehört werden.

Ich höre häufig den Wunsch nach einer Offenen Gesellschaft. Erlebt habe ich sie kaum. Auch von jenen nicht, die den Wunsch danach äußerten. Vielfach reicht die Offenheit nur so weit, wie die eigene Meinung groß oder beschränkt ist. Die wirkliche offene Gesellschaft ist jedoch eine höchst demokratische Angelegenheit. In einem Verhaltensrahmen haben alle das Recht, ihre Meinung hervorzubringen und angehört zu werden.

 

Fraglich bleibt für mich: Wer von uns traut sich tatsächlich ein Demokrat zu sein? Zu groß ist unsere Eingebildetheit auf die eigene Meinung. Zu groß die Angst vor der Konfrontation und dem Austausch mit wirklich allen Bürgern unserer Gesellschaft.

 

 

 

 

 

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arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. Der Begriff SEITEN:BLICK steht für die Blicke, die wir links, rechts und hinter "die Dinge" werfen wollen.

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