Demokratiegeschichten

„Willy Brandt ans Fenster“

Mein letzter Besuch in Erfurt dauerte 45 Minuten, so viel Umsteigezeit blieb am Bahnhof. Aber es reichte für einen Latte Macchiato und ein sehr großes Stück Kuchen im „Willy B.“ gegenüber dem Hauptbahnhof am Willy-Brandt-Platz. Ziemlich viel Willy Brandt in Erfurt? Kein Wunder, der Mann war schon mal da. Am 19. März 1970, also heute vor 50 Jahren als erster westdeutscher Regierungschef. Und die Erfurter waren – ganz anders als jetzt in Zeiten von Corona – auf den Straßen und völlig aus dem Häuschen.

Erfurt statt Ostberlin

Wieso fuhr der damalige Bundeskanzler nach Erfurt? Es war das erste deutliche Zeichen seiner neuen Ostpolitik. Nachdem er 1969 zum Bundeskanzler einer sozialliberalen Koalition gewählt worden war, suchte er das Gespräch mit der DDR-Führung und signalisierte Verhandlungsbereitschaft, um die deutsch-deutschen Beziehungen zu verbessern. Die Anbahnung des ersten Treffens zwischen Willy Brandt und dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph gestaltete sich schwierig. Als Tagungsort vorgesehen war zunächst Ostberlin. Dann wäre Brandt jedoch über Westberlin angereist, was die DDR strikt ablehnte. Am 12. März einigte man sich darauf, das Gipfeltreffen am 19. März nicht in Ostberlin, sondern im grenznahen Erfurt abzuhalten.

Geplant ohne Volk

Nun blieben noch sieben Tage zur Vorbereitung. Als Tagungshotel sollte der „Erfurter Hof“ dienen, gegenüber vom Hauptbahnhof, an dem Brandts Sonderzug aus dem Westen ankommen sollte. Der Bahnhofsvorplatz wird abgesperrt, Kontakt zwischen Westdelegation und Erfurter Bürger*innen soll vermieden werden, nur kein Bad in der Menge. Zunächst läuft alles nach Plan. Am 19. März um 9.30 Uhr kommt der Sonderzug in Erfurt an. Die westdeutsche Delegation wird am Bahnhof von der DDR-Delegation mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph an der Spitze begrüßt. Als die beiden Delegationen den kurzen Weg zu Fuß über den Bahnhofsvorplatz laufen, sind mehrere Tausend Schaulustige nicht mehr zu halten. Die Menge strömt unter „Willy, Willy“-Rufen auf den Platz und überrennt die Absperrgitter. Volkspolizisten und Staatssicherheit können nur einen schmalen Korridor für die Delegationen freihalten, die in den Erfurter Hof flüchten.

Am Fenster

Die Menschen drängen bis dicht ans Hotel heran und rufen nun immer lauter: „Willy Brandt ans Fenster“. Tatsächlich erscheint jemand an einem Fenster im ersten Stock. Aber es ist nicht Brandt, sondern nur sein Sprecher, Conrad Ahlers. Er winkt, aber damit besänftigt er die Menge nicht. Auf dem Platz wollen alle den Bundeskanzler sehen. Dieser zögert. Er will die Gespräche mit der DDR-Delegation, die in wenigen Minuten beginnen sollen, nicht gefährden. Dann aber tritt er mit einer besänftigenden Geste, nickend und zaghaft lächelnd an ein Fenster und zeigt sich für etwa eine Minute der jubelnden Menge.

Ein Geschichtsmoment

Kurz danach wird der Bahnhofsvorplatz gewaltsam geräumt, die Staatsmacht übernimmt wieder die Regie. Das Treffen der Delegationen im Erfurter Hof verläuft routiniert, aber ergebnislos. Zu weit auseinander liegen die Positionen West und Ost in dieser Zeit. Doch abends sind die Bilder von Willy Brandt am Fenster und der begeisterten Menge davor im Westfernsehen. Sie machen Hoffnung, dass sich doch etwas ändern kann, dass die beiden deutschen Staaten aufeinander zuwachsen. Für das DDR-Regime waren diese Bilder ein Fiasko, zeigten sie doch deutlich, wie groß die Sympathien für Brandt und dessen Politik der deutsch-deutschen Annäherung in der DDR-Bevölkerung waren. Von heute aus gesehen war der 19. März 1970 vielleicht ein kleiner Vorgeschmack auf den Herbst 1989, als nicht nur in Erfurt, sondern überall in Ostdeutschland die Menschen auf die Straßen und Plätze gingen und sich nicht mehr länger die Freiheit nehmen ließen.

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Dennis R. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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