Demokratiegeschichten

„Wissen muss, soll es sich mehren, teilbar sein.“

googeln [ˈɡuːɡl̩n], schwaches Verb, häufige Nutzung

Das Leben in einer Informationsgesellschaft ermöglicht uns den Zugriff auf eine Fülle von Infos mithilfe der modernen Medien. Und das rund um die Uhr. Ob ich die neue Single meiner Lieblingskünstlerin hören will, ein Rezept für das Abendessen raussuchen möchte oder noch schnell was für das anstehende Referat recherchieren muss – Google liefert mir Antworten. Und das sekundenschnell. Die voranschreitende Digitalisierung wirkt sich auch auf das Bibliothekswesen aus. Das Zusammenwirken von Menschen und Technologien innerhalb von Informations- und Wissensprozessen ist in unserem Alltag längst fest verankert.

Wann und warum waren Sie eigentlich das letzte Mal in einer Bibliothek?

Ich vermute, die meisten leihen sich höchstens dann und wann mal einen Roman zur Unterhaltung aus. Klar, wenn ich am heimischen Rechner oder gar mobil am Smartphone alle Informationsbedürfnisse erfüllen kann – Warum sollte ich dann mit meinen Fragen in die Bibliothek kommen?

Auf Instagram werden unter #letmelibrarianthatforyou genau solche Fragen gesammelt, die BibliothekarInnen heute nur noch selten gestellt werden. Eigentlich schade, denn die sind wirklich unterhaltsam. Mein persönlicher Favorit:
„Why do 18th century English paintings have so many squirrels in them, and how did they tame them so that they wouldn’t bite the painter?“
Tiere scheinen überhaupt ein großes Mysterium gewesen zu sein, wie eine weitere Frage aus dem Jahr 1967 beweist:
„[Question:] ‚ What is the natural enemy of a duck?‘ [Librarian:] ‚What do you mean?‘ [Reply:] ‚Well, a whole flight of them landed in my pool and I have waved a broom at them but all they do is look at me and quack. I thought I could introduce the natural enemy into the pool area.'“

Die 4 Grundfunktionen einer öffentlichen Bibliothek

Doch auch heute dienen Bibliotheken nicht bloß der Ausleihe von Büchern. Öffentliche Bibliotheken erfüllen vier Grundfunktionen:
Zunächst haben sie eine Bildungsfunktion. Möglicherweise haben Sie selbst schon mal Werbung für eine Veranstaltung zur Leseförderung oder der Vermittlung von Informationskompetenz in Ihrer Bib gesichtet. Die kulturelle Funktion wird zum Beispiel durch Leseveranstaltungen, Konzerte und die Vermittlung von Medien zu Unterhaltungszwecken erfüllt. Öffentliche Bibliotheken setzen sich außerdem für die Inklusion von MigrantInnen und Minderheiten ein, unterstützen Benachteiligte und bieten allen BürgerInnen einen lokalen Treffpunkt. Dadurch erfüllen sie auch eine soziale Funktion. Demokratie- und Partizipationsförderung sowie die Sicherstellung einer informationellen Grundversorgung gehören zum vierten Handlungsfeld: der politischen Funktion. Zur dieser gehören außerdem Bemühungen um Pluralismus und die Neutralität des Medien- und Informationsangebotes. Das bedeutet, dass der Bestand und die weiteren Informationsangebote konkurrierende Auffassungen ohne Parteinahme präsentieren.

Eduard Rosenthal

Diese politische Funktion ist in meinen Augen besonders wichtig. Und das nicht nur heute, sie war es auch schon im 19. Jahrhundert. Dietmar Ebert hält durch seine Publikation „Eduard Rosenthal. Ein Charakterporträt“ die Erinnerung an einen wichtigen Akteur der Bücherhallen-Bewegung wach. Rosenthal wird als „Vater“ der ersten demokratischen Verfassung des Freistaates Thüringen vorgestellt, als Sozial- und Bildungspolitiker sowie Modernist.

„Wissen muss, soll es sich mehren, teilbar sein.“[1]

Obwohl es schon erste öffentliche Bibliotheken in Deutschland gab, orientierte sich die Bücherhallenbewegung an der amerikanischen und englischen public library. Die Bücherhalle ist eine Verbindung zwischen einer Ausleihbibliothek und einer Lesehalle. Die Bewegung wurde hierzulande maßgeblich durch Constantin Nörrenberg geprägt und folgte dem Ansatz, jedem einen individuellen Zugang zu der Bildung zu gewähren, die er oder sie benötigt.

In den 90er Jahren erlebte die Bewegung einen Aufschwung. Durch die Förderung der Carl-Zeiss-Stiftung konnte auf Anregung von Ernst Abbe 1896 auch in Jena eine Lesehalle eröffnet werden. Rosenthal führte diese ganze 30 Jahre lang, bis zu seinem Tod. Die Kulturinstitution bot die unentgeltliche und freie Wahl des Lesestoffs, der paritätisch ausgerichtet war. Das bedeutet: Von ganz rechts bis ganz links waren verschiedenste Lektüren zu finden. Daran störten sich unter anderem der Weimarer Großherzog und der damalige Oberbürgermeister Jenas. Doch Rosenthal sah die Lesehalle als ein großes sozial-volksbildnerisches Werk und als ein praktisches Beispiel dafür, wie Demokratie im Kleinen funktioniert. Jeder konnte nach seinen Kräften, seinem finanziellen, sozialen und geistigen Vermögen einen Beitrag zu einem gemeinsamen Werk leisten. Sie war außerdem ein Ort zur Einübung eines demokratischen Diskurses sowie eines daraus erwachsenden Toleranzverständnisses gegenüber Andersdenkenden.

Erinnerung an Rosenthal

Dietmar Ebert zeichnet das Leben des jüdischen Juristen nach und schafft ihm einen Platz im kulturellen Gedächtnis. Neben seiner Teilhabe an der Vorbildfunktion der Jenaer Lesehalle Anfang des 20. Jahrhunderts in ganz Europa, kommt Ebert auf zahlreiche weitere Verdienste Rosenthals zu sprechen. Sein starkes soziales Engagement und die eindrückliche Überzeugungs- und Tatkraft gehören zweifelsohne ebenso erinnert.

Doch nicht nur Ebert erinnert an den Wissenschaftler, Politiker und Kulturmenschen Rosenthal. 2018 wurde seinem Gedenken der Botho-Graef-Kunstpreis gewidmet, woraufhin sechs KünstlerInnen und ein Künstlerduo Entwürfe erstellten. Durch ihre künstlerischen Arbeiten sollte die Lücke eines verschwundenen Bildnisses seiner Person thematisiert und sein vielfältiges Engagement sichtbar werden. Zum Siegerentwurf wurde dann das dezentrale Denkmal von Horst Hoheisel und Andreas Knitz gekürt. In Zukunft werden Löcher in den Wänden verschiedener Gebäude neugierige Passanten dazu einladen, hindurch zu spähen. Die Gravur auf einer eingelassenen Linse erinnert an Rosenthals Wirken an diesem Ort. Also halten Sie bei Ihrem nächsten Besuch in Jena und Umgebung mal die Augen offen.


[1] Dietmar Ebert (2018): Eduard Rosenthal. Ein Charakterporträt, 1. Aufl., edition AZUR, Dresden, S. 29.

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1 Kommentar

  1. Berndt Steincke

    14. Juni 2019 - 10:59
    Antworten

    Was haben wir doch für wunderbare Möglichkeiten, unser Wissen zu vermehren, zu verstehen, uns klar zu machen inwelcher Zeit wir leben und welche Erfahrungen uns aufgezeigt werden, friedlich und glücklich miteinander umzugehen.
    Ich habe die grosse Hoffnung, dass wir nach einer kurzen Phase von oberflächlicher und z.T. verletzenden und unintelligenter Kommunikation in sog. „sozialen Medien“ zurückkehren werden in eine aufgeklärte Wissensgesellschaft, in der sich möglichst alle Menschen respektiert und in Freiheit wohl und glücklich fühlen. Ich möchte diese optimistische Zukunftsvision nicht aufgeben. Schon deshalb, um zunehmenden Egoismus, Hass, GMF und Gewalt in unserer jetzigen Zeit in der Welt zu überstehen. ‍♂️

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