Als Reaktion auf die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, rief die KPD am 31.01.1933 zu einem Generalstreik auf. Doch die erhoffte Beteiligung der Bevölkerung sowie die Unterstützung der Gewerkschaften und linker Parteien wie der SPD blieben weitestgehend aus.
Nicht allerdings im 4000-Einwohner-Dorf Mössingen im heutigen Baden-Württemberg. Hier organisierte sich eine Streikaktion, an der sich mehr als 800 Menschen beteiligten – der sogenannte Mössinger Generalstreik.
Vorgeschichte – Warum in Mössingen?
Im 19. und 20. Jahrhundert waren die Lebensumstände der Mössinger Bevölkerung, der vor allem Landwirtschaft Betreibende und Arbeiter*innen angehörten, von Armut charakterisiert. Von der Landwirtschaft konnte man kaum noch leben und auch der Anschluss an das Eisenbahnnetz und die Ansiedlung der Textilindustrie um Mössingen änderten wenig an den prekären Lebensumständen der Bevölkerung. Viele entschieden sich deshalb für die Arbeitsmigration, zum Beispiel indem sie als Saison- und Wanderarbeiter*innen ihren Lebens-unterhalt verdienten. Vor allem nach Frankreich und in die Schweiz zog es die Einwohner Mössingens. Von dort brachten sie unter anderem auch sozialistische Ideologien zurück in das württembergische Dorf.
Politisch galt Mössingen wohl schon früh als sehr rebellische Gemeinde, die sich ungern fremdregieren ließ. Man wählte dort zur Kaiserzeit und auch nach dem Ersten Weltkrieg überwiegend linksliberal (DVP und später SPD und KPD). Nach dem Ersten Weltkrieg war die KPD die stärkste Partei im Mössinger Arbeitermilieu. Die Sozialdemokraten und Kommunisten waren allerdings in der intensiven Vereinsarbeit und im dörflichen Alltag gut miteinander vernetzt. Bis Anfang der 30er Jahre arbeiteten dort sogar Bürgerliche und Linke größtenteils gut zusammen.
Doch die Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit in den 30er-Jahren verschärften die sozialen Gegensätze enorm. Es zeigte sich eine extreme Polarisierung in Mössingen, die sich auch in den Wahlergebnissen widerspiegelte. 1932 erreichte die KPD 32% und die NSDAP 42% der Wählerstimmen. Wobei die hohen Zugewinne für die NSDAP unter anderem Protestwählern zugeschrieben wurden, denn ansonsten zeigten rechte Gruppen in Mössingen kaum Präsenz.
Der Abend vor dem Streik
Mit der Nachricht über die Machtübergabe an Hitler am 30. Januar 1933 traf am Nachmittag auch ein Kurier in Mössingen ein. Dieser berichtete den Mössinger Kommunisten vom geplanten Generalstreik der KPD am folgenden Tag. Der KPD-Vorsitzende des Ortes, Martin Maier, berief daraufhin eine abendliche Versammlung der lokalen Arbeitervereine ein, um die Beteiligung am Streik zu diskutieren.
Das Ergebnis der Versammlung: Man wollte sich am folgenden Tag um 12 Uhr vor der Turnhalle zum Streik einfinden.
Die Ereignisse des 31.01.1933
Früh am Morgen wurden dann die noch in der Nacht eingetroffenen Flugblätter der Stuttgarter KPD-Bezirksleitung vor den örtlichen Betrieben verteilt, um die Arbeiter*innen zu informieren und zum Streik aufzurufen.
Schnell kamen jedoch Zweifel auf, ob sich denn in anderen Orten an der Streikaktion beteiligt wurde. Denn sowohl die Eisenbahngewerkschaft als auch die Textilarbeitergewerkschaft in Reutlingen hatten Auskünften zufolge keine Streikpläne. Auch der Unterbezirkschef der KPD, Fritz Wandel, kam nach einem Gespräch mit Martin Maier in Reutlingen mit zurück nach Mössingen, statt dort zu bleiben.
Trotzdem trafen sich um 12 Uhr etwa 100 Menschen vor der lokalen Turnhalle. Zum Auftakt des Streiks hielten verschiedene Mössinger KPD-Funktionäre sowie Fritz Wandel kurze Redebeiträge. Anschließend machte sich der Demonstrationszug samt Banner mit der Aufschrift „Heraus zum Massenstreik“ und Parolen wie „Wer macht uns frei? Die Kommunistische Partei!“ oder „Hitler verrecke!“ rufend auf den Weg durch Mössingen.
Die Mössinger Textilfabriken
Ihre erste Station – Die Mechanische Weberei Pausa. Unter der Belegschaft der Mechanischen Weberei Pausa, die den jüdischen Brüdern Artur und Felix Löwenstein gehörte, hatte man die Teilnahme am Streik bereits diskutiert, war jedoch nicht zu einer Übereinstimmung gekommen. Nach einiger Überredung durch die Streikenden und einer weiteren Abstimmung unter den Arbeiter*innen gaben die Firmenbesitzer den Beschäftigten für den Nachmittag frei und viele von ihnen schlossen sich den Streikenden an.
Der inzwischen rund 600 Personen starke Streikzug bewegte sich anschließend Richtung Trikotwarenfabrik Merz, der größten Textilfabrik der Stadt. Hier trafen sie auf einiges an Gegenwehr. Die zum größten Teil junge weibliche Belegschaft legte erst nach längeren Debatten und sogar körperlichen Auseinandersetzungen die Arbeit nieder. Außerdem rief der Fabrikbesitzer Otto Merz, nachdem die Streikenden sich weigerten, das Gelände zu verlassen, und der Bürgermeister sich wenig hilfsbereit zeigte, die Polizei.
Schätzungen zufolge zogen zwischen 800 und 1000 Streikende weiter zur dritten großen Textilfabrik in Mössingen, der Buntweberei Burkhardt. Die Firmenleitung hatte jedoch aufgrund einer Warnung von Otto Merz ihre Tore verschlossen. Nach einigen Versuchen, das Tor aufzubrechen, sowie Teilnehmenden, die über den Zaun geklettert waren, beschloss die Streikleitung, zur Turnhalle zurückzukehren.
Auflösung des Streiks
Auf dem Rückweg dorthin, inzwischen war es bereits gegen 16 Uhr, wurde der Weg jedoch durch Polizisten der Reutlinger Schutzpolizei versperrt. Der Streikzug löste sich daraufhin auf und die Teilnehmenden flohen.
Die Anwesenheit der Reutlinger Polizei in Mössingen beendete nicht nur den Streik, sondern hatte ihnen auch eines endgültig bestätigt: In Reutlingen und auch in den anderen größeren Städten der Umgebung hatte man sich nicht am Generalstreik beteiligt.
Folgen
Noch am selben Tag begann die Polizei, vermeintliche Streikteilnehmer*innen zu verhaften. Einige von ihnen wurden von ihren Mitbürger*innen verraten oder beschuldigt.
Schlussendlich klagte man 98 Personen an, den Großteil von ihnen wegen „erschwerten Landfriedensbruch“. Gegen die Anführer des Generalstreiks, wie beispielsweise Jakob Stotz, lautete die Anklage „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit erschwertem Landfriedensbruch“. Verurteilt wurden insgesamt 80 Personen zu Haftstrafen zwischen drei Monaten und 4 ½ Jahren. Diese längste Haftzeit galt dem Reutlinger KPD-Unterbezirkschef Fritz Wandel. Einige der Verurteilten verbrachten zusätzlich zudem längere Zeit in Schutzhaft.
Auch die anschließende Zerschlagung der Arbeitervereine sowie der Zwangsruhestand des Mössinger Bürgermeisters, der den Streik toleriert hatte, können als Folgen des Generalstreiks gesehen werden.
Bedeutung und Aufarbeitung
Aufgrund von Teilnehmerzahl, Dauer und Intensität gilt der Generalstreik in Mössingen am Tag nach der Machtübergabe als einmalig im Deutschen Reich.
Reichsweit war der KPD-Aufruf zum Generalstreik vor allem an der Spaltung zwischen KPD und SPD gescheitert, die trotz gemeinsamer Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten unvereinbare politische Ziele verfolgten. Während es andernorts also nur zu getrennten Aufmärschen mit wenigen Teilnehmer*innen und vereinzelten gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, traten in Mössingen Kommunisten und Sozialdemokraten geschlossen auf und ermöglichten eine Aktion dieser Tragweite.

Trotz der Aufhebung der Urteile gegen die Streikteilnehmer*innen im Jahr 1948 und dem nachträglichen Urteil, dass der Generalstreik in Mössingen ein „Verdienst um das Wohl des deutschen Volkes“ gewesen sei, wurde sich lange Zeit nicht mit der Geschichte des Streiks und seiner Bedeutung auseinandergesetzt. Die kritische Aufarbeitung der Geschehnisse begann erst in den 1980er Jahren.
Heute erinnern eine Vielzahl von Projekten wie zum Beispiel der virtuelle Geschichtsort „Mössinger Generalstreik“ des Museums und Stadtarchivs Mössingen an die Geschehnisse am 31.01.1933.
Literatur
MÖSSINGER GENERALSTREIK - Virtueller Geschichtsort Museum/Stadtarchiv Mössingen
Virtuelle Ausstellung ‚Mössinger Generalstreik‘ | Stadt Mössingen
material_moessingen.pdf
ab2.pdf


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