Demokratiegeschichten

50 Jahre Prager Frühling – Eine Spurensuche in Prag

Es ist Ende Juli 2018. Prag stöhnt unter der Hitze des Jahrhundertsommers. Tausende Touristen drängen sich den historischen Krönungsweg zwischen dem Altstädter Ring, über die Karlsbrücke hinauf zum Hradschin. Fragt man in der Prager Touristeninformation nahe der Astronomischen Uhr nach Veranstaltungen oder Ausstellungen zum 50. Jahrestag des Prager Frühlings, erhält man von der umsichtigen Mitarbeiterin eine vage Antwort. Sicherlich wird noch irgendetwas stattfinden. Konkret wüsste sie nichts. Zwei Broschüren können eventuell Auskunft geben. In der einen sind alle größeren Kulturveranstaltungen in ganz Tschechien aufgelistet. Es findet sich auch die eine oder andere Ausstellung und Veranstaltung zum Prager Frühling. Das andere Heft widmet sich dem Jubiläum 100 Jahre Tschechische Republik. In chronologischer Reihenfolge werden die wichtigsten Ereignisse der letzten hundert Jahre kurz betrachtet – darunter auch der Prager Frühling 1968 mit einem Foto und 20 Zeilen.

 

1968 spielt eine untergeordnete Rolle

Eines wird klar: Heute spielen die Ereignisse von 1968 in Tschechien keine besondere Rolle mehr. Im Innern des tschechischen Nationaldenkmals am Veitsberg wird an die Symbolfigur Jan Palach mit einer kleinen Ausstellungsecke erinnert. Am 16. Januar 1969 hatte sich der Student Jan auf dem Prager Wenzelsplatz selbst verbrannt. Er protestierte damit gegen die Lethargie, die sich nach der Okkupation der Tschechoslowakei am 21. August 1968 durch die Warschauer-Pakt-Staaten in der Gesellschaft verbreitet hatte. Eine große Ausstellung zum 50. Jahrestag des Prager Frühlings ist nicht geplant, so erklärt Dr. Marek Junek, Direktor des Historischen Museums Prag, unlängst in einem Interview. Der Prager Frühling sei durchaus ein wichtiges Ereignis in der tschechischen Geschichte, das auch gewürdigt wird. Es stehe heute nicht mehr im Mittelpunkt, so Junek. Vor allem auch nach der Wende 1989. Juneks ist der Ansicht, den Jugendlichen wird der Prager Frühling nicht genügend nahegebracht.

 

Jan Palach – Sinnbild der Erinnerung

Nur wenige hundert Meter nördlich der Touristenstrecke liegt der Jan-Palach-Platz, zwischen der Kunstakademie, der Philharmonie und der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag. Im Dezember 1989 wird der Platz in Jan-Palach-Platz umbenannt und ein Denkmal an der Philosophischen Fakultät erinnert an ihn. 1969 ist der Versuch der Umbennnung gescheitert. Heute bleiben vereinzelt Tourguides mit Ihren Reisegruppen vor der Erinnerungstafel für Jan Palach stehen. Die Mehrzahl der Touristen läuft an dem Denkmal vorbei in das nahegelegene jüdische Viertel.

Es ist vor allem Jan Palach, an den in Prag erinnert wird, wenn es um den Prager Frühling geht. Auf dem Wenzelsplatz befindet sich unweit der Stelle, an der Palach sich verbrannte, ein Erinnerungsort in Form eines Kreuzes als Bodenwelle in den Platz eingelassen. Auch am Fuße des Denkmals des Heiligen Wenzels auf dem Wenzelsplatz erinnert eine Platte mit Inschrift an ihn. Auch hier machen vereinzelt Touristengruppen halt.

Der Wenzelsplatz spielte auch während der samtenen Revolution 1989 eine besondere Rolle. Aus Anlass des 20. Todestages von Jan Palach riefen tschechoslowakische Oppositionelle am 15. Januar 1989 zu einer Gedenkveranstaltung am Denkmal des Heiligen Wenzel in Prag auf. An den nachfolgenden Tagen versammelten sich immer wieder Tausende Menschen im Stadtzentrum von Prag. Sie demonstrierten gegen das Regime und für demokratische Neuerungen. Rückblickend wird die Palach-Woche 1989 heute oft als der Anfang vom Ende des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei bezeichnet.

 

50 Jahre nach dem Prager Frühling

Nach einer Krise hat Tschechien seit Anfang Juli 2018 wieder eine handlungsfähige Regierung. Bei der letzten Wahl im Oktober 2017 hatte mehr als die Hälfte der Tschechen populistischen oder extremen Parteien ihre Stimme gegeben. Die populistische politische Bewegung ANO unter Andrej Babiš ging als stärkste Kraft hervor. Sie fand zunächst keine Regierungspartner und verlor im Januar 2018 eine Vertrauensabstimmung. Ende Juni schloss Babiš eine Koalition mit den Sozialdemokraten. Mit den Kommunisten ging er einen Pakt zur Unterstützung ein. Andere Parteien des Parlaments in Prag wollten kein Bündnis mit ANO eingehen. Der Grund: Babiš sieht sich Betrugsvorwürfen ausgesetzt. Im Juni 2018 demonstrierten mehrere tausende Menschen  auf dem Wenzelsplatz gegen Andrej Babiš.

50 Jahre nach dem Prager Frühling hat der Wenzelsplatz für die Tschechen seine Bedeutung als Ort des Protestes nicht verloren. Und Tschechien selbst steht wieder an einem Scheideweg?

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