Ein Bus rollt durch Südfrankreich. Weinberge ziehen vorbei, dann die ersten Ausläufer der Pyrenäen. Im Bus wird es still. Die Jugendlichen wissen, wohin die Fahrt geht: nach Gurs. An einen Ort, an dem vor über 80 Jahren tausende Menschen interniert wurden, viele von ihnen aus ihrer eigenen Heimat, aus Baden.
Wie kann Gedenkarbeit junge Menschen erreichen? Das Graphic Novel „Eine Reise nach Gurs“ liefert darauf eine eindrückliche Antwort.
Von Freiburg bis nach Gurs
Genau hierhin führt die Reise der Graphic Novel. Schüler:innen des Walter-Eucken-Gymnasiums in Freiburg brechen auf. Über verschiedene Gedenkorte in Baden und Frankreich geht es bis nach Gurs.
Der Zielort hat eine lange Geschichte. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Gurs das größte französische Internierungslager. Errichtet wurde es zunächst für politische Flüchtlinge aus Spanien und ehemalige Kämpfer:innen des Spanischen Bürgerkriegs.
Während des Nationalsozialismus wurde im Oktober 1940, während der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion, nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung aus Baden, der bayerischen Pfalz und der Saarpfalz nach Gurs deportiert. Wer die extremen Bedingungen im Lager überlebte, wurde ab August 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Seit 1994 ist das ehemalige Lagergelände eine nationale Gedenkstätte. Der Förderverein Amicale du camp de Gurs betreut den Ort und hält ihn öffentlich zugänglich.
Die vielen Etappen der Reise sind kein Zufall. Sie machen sichtbar, was Erinnerung braucht: Zeit. Ein einzelner Besuch an einem Gedenkort reicht nicht aus. Erst die Verknüpfung von Orten, Menschen und Geschichten schafft ein nachhaltiges Bild.
Viele Zugänge, eine Erzählung
Auffällig ist die Vielzahl der Perspektiven, die das Graphic Novel miteinander verwebt. Da sind zunächst die historischen Quellen: Originale Briefe sind als Scans eingebunden, Steckbriefe zeichnen Lebenswege, Familien und Hintergründe von Menschen nach, die mit Gurs verbunden sind.
Daneben stellt die Graphic Novel Menschen vor, die sich heute zivilgesellschaftlich engagieren, Gedenkorte betreuen oder sich als Aktivist:innen mit Erinnerungsarbeit auseinandersetzen. Auch die Schüler:innen selbst werden mit ihren eigenen Perspektiven zu Protagonist:innen der Erzählung.
Ergänzt wird die Graphic Novel durch QR-Codes, die zu Videos, Audiodateien und weiterführenden Texten führen. So wird sie zum Ausgangspunkt für eigene Fragen und Recherchen.
Im Zentrum steht dabei immer wieder der zwischenmenschliche Austausch. Zusammenkommen, Fragen stellen, füreinander da sein. Genau darin liegt eine wichtige Säule der Gedenkarbeit.
Erinnerung hat viele Orte
Das Projekt macht deutlich: Erinnerung ist vielfältig. Sie findet in einer Gedenkstätte statt, in einer Schule, in einem Verein, in einem Gespräch, in einem Kunstwerk oder in einer ganz persönlichen Geschichte.
Damit stellt sich zugleich eine politische Frage: Wer entscheidet, woran öffentlich erinnert wird? Welche Geschichten werden sichtbar, und welche geraten in Vergessenheit?
Was hat Gurs mit heute zu tun?
Die Reise endet nicht mit der Rückkehr nach Freiburg. Immer wieder führt die Graphic Novel zurück in die Gegenwart. Die Jugendlichen setzen ihre Erfahrungen in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Rassismus, Antisemitismus und das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Religion kommen zur Sprache.
Historische Erfahrungen werden dabei nicht einfach auf die Gegenwart übertragen. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem Jugendliche fragen können, was diese Erfahrungen für ihre eigene Gegenwart bedeuten.
Wie soll Erinnerung künftig aussehen?
Die Frage, wie Gedenkarbeit nachhaltig gelingen kann, beschäftigt längst nicht mehr nur die politische und historische Bildungsarbeit. „Eine Reise nach Gurs“ bietet auf diese Debatte eine multiperspektivische, persönliche und ortsbezogene Antwort.
Wer sich weiter mit der Frage beschäftigen möchte, wie Erinnerungsarbeit an den Holocaust künftig aussehen kann, findet in dem verlinkten Artikel eine Sammlung multimedialer Beiträge zum Thema.
Literatur:
EINE REISE NACH GURS
Gurs
Erinnern an und forschen über den Holocaust | zeitgeschichte-online.de


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