Demokratiegeschichten

105. Geburtstag von Margot Friedländer

„Ich bin gekommen, um Euch die Hand zu reichen.
Ich tue es für Euch. Seid Menschen.“

– Margot Friedländer

Die Geschichte Margot Friedländers

Ihr Leben in Berlin von 1921-1944

Margot Friedländer (geb. Anni Margot Bendheim) wurde als jüdische Deutsche am 5.11.1921 in Berlin geboren. Sie wuchs zusammen mit ihrem kleinen Bruder Ralph und ihren Eltern in der Lindenstraße in Berlin auf.
Margot interessiert sich früh für Mode und Gestaltung. Nach der Schule lernte sie Mode- und Reklamezeichnerin an der Jüdischen Kunstgewerbeschule „Feige und Strassburger“ am Hausvogteiplatz. Im Jahr 1937 beginnt sie ihre Schneiderlehre, jedoch muss ihr Ausbilder Heinz Nathanson infolge des Pogroms am 9. November 1938 sein Geschäft aufgeben und Margot verliert ihren Ausbildungsplatz.

Bereits 1938 wollte ihre Mutter mit Margot und Ralph aus Deutschland auswandern, doch ihre Pläne scheiterten. Unter anderem, da der Vater nicht die notwendigen Papiere unterzeichnete.

Nach der Auflösung des Kulturbundes wird Margot zur Zwangsarbeit in den Deuta-Werken verpflichtet. Dort arbeitet sie in der Nachtschicht. Im selben Jahr ist die Familie gezwungen, in eine sogenannte „Judenwohnung“ in der Skalitzer Straße 32 in Berlin-Kreuzberg zu ziehen.

„Wir mussten Metallteile für die Rüstungsindustrie zusammenbauen und bearbeiten. Was genau wir herstellten, wussten wir nicht. Es war eine harte und eintönige Arbeit. Wir jüdischen Zwangsarbeiter waren nur für die Nachtschichten eingeteilt.“ 

– Margot Friedländer

Am 20. Januar 1943 verhaftet die Gestapo Margots Bruder Ralph. Als ihre Mutter Auguste davon erfuhr, begab sie sich ebenfalls zur Gestapo, um bei ihrem Sohn bleiben zu können. Margot entgeht der Verhaftung knapp und taucht unter. Ihre Mutter und ihren Bruder sieht sie nie wieder. Beide werden am 29. Januar 1943 mit dem 27. Osttransport nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Ihr Leben im Versteck

Margot musste als junge Frau immer wieder ihr Versteck wechseln, um nicht auf Grund von ihrer Religion umgebracht zu werden. Sie erzählt im Nachhinein, dass sie nicht nur immer wieder neue Unterstützer finden musste, sondern auch ihr Aussehen häufig geändert hat. Sie färbte ihre Haare, trug ein Kreuz um den Hals, um sich als Christin auszugeben und unterzog sich einer Nasenoperation.

Fünfzehn Monate schaffte Margot es, sich in sechzehn verschiedenen Verstecken im Untergrund in Berlin zu verbergen.

Die Deportation nach Theresienstadt

Auf dem Weg zum Zoobunker wird Margot von sogenannten „Greifern“ entdeckt und verhaftet. Am 16. Juni 1944 deportierte man sie mit dem „107. Alterstransport“ ins Ghetto Theresienstadt. Dort musste sie brutalste Zwangsarbeit leisten.

Margot trifft ca. 7 Monate nach ihrer Ankunft im KZ Theresienstadt Adolf Friedländer wieder, den früheren Verwaltungschef des Jüdischen Kulturbundes.

Margot und Adolf erleben die Übergabe des Ghettos Theresienstadt an das Internationale Rote Kreuz.

Margot Friedländer hat das Konzentrationslager Theresienstadt als Einzige in ihrer Familie überlebt. Ihr jüngerer Bruder Ralph und ihre Mutter Auguste Bendheim wurden 1943 in Auschwitz ermordet, ihr Vater Arthur und ihre Tante Lina bereits 1942.

Erst 1959 erhielt Margot Friedländer ein Schreiben aus Berlin-Schöneberg nach New York, welches den Tod ihrer Familie offiziell bestätigt.

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„Stolperstein“, Margot Bendheim, Skalitzer Straße 32, Berlin-Kreuzberg.
Quelle:@ Wikimedia/OTFW

Auswanderung in die USA

Am 26. Juni 1945 heiraten Margot und Adolf in Theresienstadt nach jüdischem Ritus. Vier Tage später erhält Adolf ein Telegramm seiner Schwester Ilse aus New York und beschließt daraufhin, in die USA auszuwandern.

Nach ihrer Befreiung leben Margot und Adolf zunächst in verschiedenen Displaced-Persons-Camps, bevor sie am 7. August 1945 standesamtlich in Deggendorf heiraten. Am 18. Juli 1946 emigrierten sie mit dem Schiff „Marine Perch“ in die USA, wo sie von Adolfs Schwester Ilse empfangen wurden. In New York bauen sie sich ein neues Leben auf: Margot arbeitet zunächst als Schneiderin, später als Reiseagentin.

In den folgenden Jahrzehnten reisen Margot und Adolf regelmäßig, sprechen jedoch nur selten über ihre Erlebnisse während des Holocaust. Margot leidet lange an einer chronischen Kolitis, die auf die Kriegserfahrungen zurückgeführt wird. Im Jahr 1958 reiste das Paar erstmals wieder nach Europa. Nach ihrer Pensionierung 1976 verbringen die beiden ihre Winter in Palm Springs, Kalifornien und reisten weiterhin viel.

Sie mieden zu diesem Zeitpunkt jedoch Deutschland und reisten somit erst im Jahr 1991 nach Deutschland. Dort besuchte das Ehepaar Friedländer Margots Cousine in München. Es ist der erste Besuch des Paares in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Am 1. Dezember 1997 stirbt Adolf Friedländer im Alter von 86 Jahren in New York, ohne jemals wieder in Berlin gewesen zu sein.

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Stolperstein Schlüterstr 49 Adolf Friedländer Quelle: Wikimedia/OTFW Berlin

Margots Rückkehr nach Berlin

Nach dem Tod ihres Mannes fing Margot Friedländer erstmals an ihre Erinnerungen und Gedanken über die Vergangenheit auf Papier festzuhalten. Anlass hierfür war ein Schreibkurs des Kulturzentrums 92NY: „Write your Memories“.

Im Jahr 2003 kehrte Margot Friedländer auf Einladung des Berliner Senats erstmals in ihre Geburtsstadt zurück. Der Filmemacher Thomas Halaczinsky begleitete sie und dokumentierte ihre Rückkehr im Film Don’t Call It Heimweh. In Berlin traf sie Gretchen wieder, eine Helferin und Freundin aus ihrer Zeit im Untergrund. Die Rückkehr weckte in Margot Friedländer erneut eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt.

2009 zog Margot Friedländer probeweise in eine Seniorenresidenz in der Nähe des Kurfürstendamms. Nach der Probezeit entschied sie, in Berlin zu bleiben und ihre Wohnung in New York, in der sie 63 Jahre gelebt hatte, aufzulösen. Im Jahr 2010 nahm sie die deutsche Staatsangehörigkeit wieder an. Trotz des Verlusts ihrer Familie während der NS-Zeit entschied sie sich für einen Neuanfang in Deutschland. Ihre Rückkehr wurde zu einem wichtigen Zeichen der Versöhnung und des Gedenkens.

„Mir ist völlig klar, dass ich nicht nach Deutschland gekommen wäre, würde mein Mann noch leben. Ich frage mich, ob ich das Richtige tue, nachdem man meine Eltern und meinen Bruder Ralph, nachdem man meine ganze Familie umgebracht hat.“

– Margot Friedländer

Am 09.05.2025 stirbt Margot Friedländer im Kreis ihrer engsten Vertrauten,
80 Jahre nach der Befreiung Deutschlands von der NS-Herrschaft in ihrer Heimatstadt Berlin, im Alter von 103 Jahren. Sie erhält das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik, das ihr an diesem Tag durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen werden sollte, posthum.

Ihr Engagement als Zeitzeugin

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Margot Friedländer bei einer Lesung des Anne Frank Tagebuches. Quelle: @wikimedia/ Scott-Hendryk Dillan

„Ich kann nicht die dritte Generation für die Fehler und die Verbrechen der Großeltern schuldig sprechen. Sie haben es nicht getan. Sie sind aber die, die dafür sorgen müssen, dass so etwas nie wieder geschieht.“

– Margot Friedländer

Unermüdlich engagierte sich Margot Friedländer für Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. Nach ihrer Rückkehr widmete sich Margot Friedländer intensiv der Aufklärung über den Holocaust und der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie besuchte Schulen, hielt Lesungen und erzählte jungen Menschen von ihren Erfahrungen während der NS-Diktatur.

Für ihr Engagement erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2011 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2018 die Berliner Ehrenbürgerwürde und 2022 die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin. Bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt am 7. Mai 2025 richtete sie einen eindringlichen Appell an das Publikum: „Seid Menschen!“. Ihr Einsatz als Zeitzeugin bleibt nach wie vor ein bedeutendes Vermächtnis für kommende Generationen.

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Margot Friedländer 2022 Quelle: Wikimedia/
European Parliament

Margot Friedländer sprach 2022 vor dem EU Parlament anlässlich des Holocaust-Gedenktags. 77 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 gedachten die Europaabgeordneten der Opfer des Holocaust.

Sie warnte davor, dass die Erinnerung an den Holocaust heute „politisch missbraucht, manchmal sogar verhöhnt und mit Füßen getreten“ wird: „Ungläubig musste ich mit meinen nunmehr einhundert Jahren sehen, wie Symbole für unsere Ausgrenzung durch die Nazis, der sogenannte Judenstern, heute von neuen Feinden der Demokratie auf offener Straße schamlos benutzt werden, um sich selbst – mitten in einer Demokratie! – als Opfer zu stilisieren. An einem Tag wie heute müssen wir zusammenstehen, damit die Erinnerung an den Holocaust wahrhaftig bleibt und von niemandem missbraucht wird.“

Margot Friedländer Stiftung

2023 gründete sie die Margot Friedländer Stiftung, um ihr Lebenswerk fortzuführen. Die Margot Friedländer Stiftung verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke und setzt sich im Sinne ihrer Stifterin für Toleranz und Menschlichkeit sowie für Freiheit und Demokratie ein.

Publikationen über Friedländer

Ihre Lebensgeschichte wurde zudem in mehreren Filmen und Dokumentationen aufgearbeitet. Dazu gehören Don’t Call It Heimweh (2004/2005), Späte Rückkehr (2010) und Angekommen – Margot Friedländer, Berlin (2021).

Biografie

Margot Friedländers Geschichte ist in mehreren Büchern dokumentiert, so in ihrer 2008 erschienenen Autobiografie „Versuche Dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin“ (gemeinsam mit Malin Schwerdtfeger).
Gemeinsam mit der Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger schildert sie ihre Kindheit und Jugend in Berlin, die zunehmende Verfolgung durch das NS-Regime, den Verlust ihrer Familie und ihr Überleben im Berliner Untergrund sowie im Ghetto Theresienstadt. Mit ihrem Buch tourt sie durch ganz Deutschland und hält Lesungen an Schulen.

Ich bin! Margot Friedländer

„Ich bin! Margot Friedländer“ wird 2023 erstmals im ZDF ausgestrahlt. Das Dokudrama zeichnet Margot Friedländers bewegende Lebensgeschichte auf einer fiktionalen und einer dokumentarischen Ebene nach. Die Verfilmung erhält den Deutschen Fernsehpreis und den 3sat-Publikumspreis.

Durch Bücher, Filme und Interviews bleibt ihre Geschichte lebendig und vermittelt auch zukünftigen Generationen die Bedeutung von Erinnerung, Menschlichkeit und Verantwortung.

Die Lebensgeschichte von Margot Friedländer erinnert uns daran, wie wichtig es ist, niemals zu vergessen und aus der Vergangenheit zu lernen. Ihr Appell „Seid Menschen!” sollte uns eine Mahnung sein, jedem Menschen mit Respekt, Toleranz und Menschlichkeit zu begegnen. Lasst uns Verantwortung übernehmen, gegen Ausgrenzung, Hass und Diskriminierung eintreten und dafür sorgen, dass sich die Geschichte niemals wiederholt!

Quellen:

Startseite – Margot Friedländer Stiftung

Gedenkstätte Stille Helden: Biografie Margot Friedländer

Vita von Margot Friedländer | Deutschland Archiv | bpb.de

Weitere Artikel über Zeitzeugen:

Seid laut! – Esther Bejarano – Demokratiegeschichten

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