Demokratiegeschichten

Friedrich Hecker: Freiheitskämpfer und Mythos

Friedrich Hecker mit Uniform und Hut.

Fast wie ein Räuberhauptmann muss Friedrich Hecker im April 1848 ausgesehen haben. In blauer Bluse, Stulpenstiefeln und einem breitkrempigen Hut führt er seine Anhänger von Konstanz Richtung Karlsruhe. Ein seltsamer Aufzug für einen Anwalt und Parlamentarier…

Ziel des sogenannten Heckerzugs ist es, in Konstanz mit dem Sturz des Großherzogs die Revolution in Baden auszulösen. Ist das erstmal geschafft, denkt Hecker, dann werden auch die restlichen deutschen Länder bald folgen. Circa 800 Menschen schließen sich seinem Zug an, die meisten bewaffnet und zur Revolution bereit.

Doch der Heckerzug wird nie in Karlsruhe ankommen. Wenige Tage nach ihrem Aufbruch wird die Freischar von Truppen des Deutschen Bundes beim Scheideckpass geschlagen. Hecker flieht nach Basel, von dort nach Straßburg und letztlich in die USA. Dort, wo die Revolution bereits siegreich war, hofft er auf einen Neuanfang.

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ein Jurist und langjähriger Parlamentarier wie Hecker zu den Waffen griff?

Frühe Jahre

Friedrich Karl Franz Hecker wird am 28. September 1811 in Eichtersheim im Großherzogtum Baden geboren. Nach Abschluss des neuhumanistischen Gymnasiums zieht es Hecker 1830 nach Heidelberg. Dort studiert er mehrere Jahre Rechtswissenschaften. Viele der dort lehrenden Wissenschaftler waren aufgeklärt und liberal. Sie dürften den jungen Juristen ebenso in seiner Abneigung der politischen Zustände bestärkt haben wie seine Teilnahme an der studentischen Progressbewegung. Vermutlich nahm Hecker 1832 auch am Hambacher Fest teil.

Nach dem Jurastudium lässt er sich als freier Anwalt in Mannheim nieder. Dort verteidigte Hecker die Rechtsansprüche armer Bauern gegen adlige Grundbesitzer. Er will

jeden Gesetzesbruch, jeden Streich der Cabinetjustiz, jeden Justizmord mit erhobener Stimme anzuklagen und vor das unbestechliche Tribunal der öffentlichen Meinung zu laden.

Artikel im Rotteck-Welckersches Staatslexikon

Außerdem macht er in Mannheim gleich zwei wichtige Bekanntschaften: Gustav Struve wird ihn später vielen frühsozialistischen und radikaldemokratischen Oppositionellen vorstellen und während der Revolution begleiten. Adam von Itzstein führt ihn in die liberale Oppositionspolitik ein.

Politische Karriere

1842 fügt Friedrich Hecker seiner juristischen noch eine parlamentarische Tätigkeit zu. Er wird als Abgeordneter in die Zweite Badische Kammer gewählt. Diese gilt heute – insbesondere der von Itzstein initiierte Hallgartenkreis – als eine der Keimzellen der liberalen Frankfurter Nationalversammlung.

Ansicht des Ständehauses in Carlsruhe, nach 1822 (GLAK J-B Karlsruhe Nr. 112). Ab 1822 tagten hier die Badischen Kammern, bis sie 1918 vom badischen Landtag abgelöst wurden. Bild: gemeinfrei.

Schnell wird Hecker auch überregional bekannt. Er hat ein großes politisches Talent, ist außerdem ein begeisternder Redner und drückt sich juristisch präzise aus. So wird er schnell zum Wortführer der Opposition, viele Forderungen der Liberalen stammen aus seiner Feder. Das einzige, was ihm fehlt: Kompromissbereitschaft. Sowohl mit Worten im Plenarsaal als auch mit dem Degen im Duell schlägt er zu, wenn er sich beleidigt fühlt. Und immer wieder macht Hecker von sich Reden, wenn er durch seine Herrschaftskritik und Reformforderungen auffällt. Einmal werden Itzstein und er während einer Reise deshalb aus Preußen ausgewiesen.

Radikalisierung im Vormärz

Zwar forderte Friedrich Hecker umfassendere Reformen als viele seiner Zeitgenossen. Doch stand er lange Zeit auf dem Boden des Rechts, um Revolution ging es ihm (noch) nicht.

Das ändert sich in der unmittelbaren Zeit des Vormärz. 1847, nach 5 Jahren im Landtag, gibt Hecker sein Amt genervt auf. Sogar gemäßigte Liberale blockieren seine Reformversuche, von denen die unteren Bevölkerungsschichten profitieren sollen. Daher sieht er keinen Sinn in der Fortsetzung seiner parlamentarischen Arbeit.

Im Herbst 1847 beginnt seine außerparlamentarische politische Arbeit. Immer häufiger tritt er auf öffentlichen Veranstaltungen auf und fordert in Reden eine grundlegende Veränderung der Politik. So verfasst er gemeinsam mit Struve bei einer Versammlung in Offenburg die 13 „Forderungen des Volkes“. Erstmals wird hier ein allgemeiner Grundrechtekatalog, verbunden mit einem Nationalstaat, gefordert. Hecker gilt von nun an als potenzieller Hochverräter.

File:Forderungen volkes 1847.jpg
Forderungen des Volkes in Baden 1847; Bild: gemeinfrei.

Hecker in der Revolution

Doch dann kommt sie: Die Revolution! Ausgehend von Frankreich geben die deutschen Fürsten im März 1848 nach und nach den Reformforderungen nach. Endlich haben die Liberalen der Zeit eine Chance.

Schon am 5. März versammeln sich 51 Vertreter südwestdeutscher Staaten in Heidelberg, unter ihnen auch Hecker und Struve. Sie vereinbaren die Einberufung eines Vorparlaments mit dem Ziel, eine deutsche Nationalversammlung vorzubereiten. Tagungsort wird Frankfurt.

Hecker und Struve jedoch sind bald von der Arbeit des Vorparlaments enttäuscht. Es lehnt ihre Forderung, das Parlament zu einem dauerhaften, von den Monarchien unabhängigen politischen Akteur zu machen, ab. Für die Revolution, den entscheidenden Bruch mit den Fürsten, scheint man in Frankfurt nicht bereit zu sein. Und es kommt noch schlimmer: Weder Hecker noch Struve werden in den 50er-Ausschuss des Vorparlaments gewählt, der eine Nationalversammlung vorbereiten soll.

Für Hecker ist damit die Causa Frankfurt abgeschlossen. Er macht sich auf nach Baden, um dort der Revolution Schwung zu verleihen.

Hecker weiß um seine Popularität im Südwesten. Noch einmal versucht er die Massen zu bewegen, als er in Konstanz von einem Balkon aus zu einem gemeinsamen Zug nach Karlsruhe aufruft. Doch trotz der günstigen Stimmung kann er die Massen nicht mobilisieren. Statt der erwarteten Tausenden zieht nur eine kleine Gruppe von 50 Freiwilligen los. Aus den umliegenden Dörfern schließen sich zwar noch weitere Menschen an, doch bleibt die Schar mit circa 800 Leuten deutlich hinter Heckers Erwartungen zurück.

Balkon des Konstanzer Stadthauses mit Majolika-Relief von Johannes Grützke; Foto: Amrei-Marie, CC BY-SA 3.0.

Das Scheitern des Heckerzugs und das Danach

Womit wir wieder beim Beginn des Artikels wären. Und gleichzeitig am Ende Friedrich Heckers Lebens in Deutschland. Wie viele der gescheiterten Revolutionäre flieht er in die USA, die Generation wird als „Forty-Eighters“ bekannt.

Bildunterschrift: „Friedrich Hecker.
Nach einer photogr. Aufnahme gelegentlich seines letzten Aufenthalt in Deutschland ;
Bild aus Seite 265 in „Die Gartenlaube“ 1881.

Dort wird er zu einem der einflussreichsten deutschen Einwanderer seiner Zeit: Er baut eine Farm auf, wirkt als Journalist in deutschsprachigen Zeitungen mit. Außerdem kämpft er als Offizier und Kommandeur einer eigenen Einheit im Amerikanischen Bürgerkrieg für die Union und gegen die Sklavenhalterei. Bald wird Hecker zu einem der wichtigsten deutschen Protagonisten der neuen Republikanischen Partei. Er macht Wahlkampf für Abraham Lincoln und tourt auf Vortragsreisen durch die USA. Dabei agitiert er, wie viele andere Liberale dieser Zeit, in schrillen Tönen gegen das Frauenwahlrecht. So viel Fortschritt war dann vielleicht doch zu viel.

Und Deutschland?

1849 wäre Hecker fast noch einmal in die alte Heimat zurückgekehrt. Als es aussah, als könnte die Revolution sich doch durchsetzen, überquert er den Atlantik. Doch wenige Wochen später ist die Revolution niedergeschlagen, Hecker kehrt um. Erst 1873 reist er noch einmal durch Deutschland, kehrt aber bald in die USA zurück.

Mythos Hecker

Vergessen ist er in Deutschland allerdings nicht. Gerade in Baden entwickelt sich Friedrich Hecker zu einer Art Mythos. Er wird zu dem Symbol der Revolution und radikalen Demokratie. Gedacht wird ihm unter anderem im Heckerlied:

„Wenn die Leute fragen, lebt der Hecker noch, / dann könnt ihr ihnen sagen, ja, er lebet noch, / Er hängt an keinem Baume und er hängt an keinem Strick, / er hängt an seinem Traume von der freien Republik.“

Besonders in Baden wird auch heute noch Heckers gedacht. Einige Schulen sind nach ihm benannt, Heckerhut und Heckerlied sind weiterhin ein Begriff. Der SPD-Kreisverband Konstanz verleiht seit 2005 sogar den Heckerhut an Persönlichkeiten, die sich um die soziale Demokratie verdient gemacht haben.

Und noch an anderer Stelle findet sich eine Erinnerung an Hecker. Der Struwwelpeter, eine weitere bunte Gestalt des 19. Jahrhunderts, trägt seit der 4. Ausgabe den sogenannten Heckerkragen. Seinen Autor, Heinrich Hoffmann, kannte Hecker aus Studienzeiten in Heidelberg.

Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter; Frankfurt am Main : Literarische Anstalt Rütten & Loening, 1917 (400. Auflage); Gemeinfrei.
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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

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