Demokratiegeschichten

Gustav und Amalie Struve – Seite an Seite für Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung

2019 fand in Rastatt in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte ein Kolloquium statt, das sich mit einem der vergessenen Helden der deutschen Demokratiegeschichte beschäftigte: Gustav Struve (1805-1870). Ziel der Veranstaltung war es, einen Beitrag dazu zu leisten, dem weitestgehend unbekannten 1848er einen würdigen Platz in der deutschen Erinnerungskultur zu geben. Denn selbst im Süden Deutschlands, wo Struve maßgeblich aktiv war, steht er immer noch meist im Schatten seines Mitstreiters Friedrich Hecker (1811-1881).

Zahlreiche Leistungen Gustav Struves sind allerdings nicht denkbar ohne die zentrale Figur in seinem Leben: seine Frau Amalie (1824-1862). Sie unterstützte ihn aber keineswegs still und aus dem Hintergrund heraus. Vielmehr gingen Gustav und Amalie gleichberechtigt voran und kämpften gemeinsam für ihre demokratischen und freiheitlichen Ideale. Ihrer Beziehung und den daraus hervorgegangenen Bemühungen für Freiheit und Gleichberechtigung in Deutschland ist diese Demokratiegeschichte gewidmet.

Zwei ungleiche Schicksale

Gustav Struve, Abbildung: gemeinfrei

Gustav von Struve wird am 11. Oktober 1805 in München geboren. Mit siebzehn Jahren beginnt er ein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen und wechselt 1824 nach Heidelberg. Ab 1833 arbeitet er als Rechtsanwalt in Mannheim, ist hier dann auch politisch tätig. Vor allem als Journalist und Publizist unterstützt er die Arbeit liberaler Abgeordneter in der badischen Kammer.

Amalie Struve, Abbildung: gemeinfrei

Amalie Siegrist wird am 2. Oktober 1824 unehelich in Mannheim geboren. Friedrich Düsar, ein Freund der Familie, heiratet daraufhin Amalies Mutter Elisabeth und adoptiert das Mädchen. Sie wird fortschrittlich-demokratisch erzogen, erhält eine für ihre Zeit sehr gute Ausbildung und wird Lehrerin.

Im September 1845 kreuzen sich dann die Wege von Amalie und Gustav. Beide sind von Anfang an sehr aneinander interessiert. Die Heirat folgt am 16. November. Da die zwanzig Jahre jüngere Amalie weder adelig noch aus dem gehobenen Bürgertum stammt, gilt die Hochzeit als nicht standesgemäß. Gustav überwirft sich deswegen mit seiner Familie.

Die Ehe zweier Außenseiter

Die Ehe der Struves ist weitestgehend gleichberechtigt. Für das 19. Jahrhundert ist dies mit seinen in Stein gemeißelten Geschlechterrollen mehr als ungewöhnlich. Amalie und Gustav beeinflussen sich und ihre politischen Meinungen gegenseitig, etwa mit Blick auf die Frauenemanzipation. So geben sie gemeinsam den Deutschen Zuschauer heraus, der zu einer der wichtigsten Zeitungen der demokratisch-republikanischen Bewegung wird.

Noch 1845 treten die Struves in die deutschkatholische Kirche ein, die sich für Selbstbestimmung und Liberalismus stark macht. Etwa 40% der Mitglieder sind weiblich. Das Ehepaar setzt sich auch hier für die Gleichberechtigung ein, etwa durch den gemeinsamen Besuch des mit Gleichgesinnten aus der deutschkatholischen Gemeinde gegründeten „Montagsclubs“. Amalie ist darüber hinaus sehr aktiv in den deutschkatholischen Frauenvereinen. Sie sind wichtige weibliche Netzwerke für gegenseitigen Austausch und Unterstützung.

Der Kampf für Einheit und Freiheit

Während der Revolution im März 1848 setzen sich die Struves vehement für die Freiheit und Einheit eines demokratischen Deutschlands ein. Dieser Wunsch scheint zunächst mit dem Zusammenkommen eines Vorparlaments in der Frankfurter Paulskirche in nicht allzu ferner Zukunft in Erfüllung zu gehen. Enttäuscht von der Arbeit des Parlaments in Frankfurt entscheiden die Radikaldemokraten um Gustav Struve und Friedrich Hecker aber, den bewaffneten Kampf in Baden fortzuführen. Dort bricht nach der Verhaftung eines republikanischen Herausgebers und Publizisten erneut eine Revolte aus.

Gustav Struve zieht auf dem Weg zu Heckers Truppen an der Spitze revolutionärer Freischärler im April 1848 in Lörrach ein (Ansichtskarte aus dem 19. Jahrhundert), Abbildung: gemeinfrei

Dieser „Heckerzug“ scheitert aber in einer militärischen Niederlage nach nur wenigen Tagen noch im April 1848. Anders als Hecker möchte Gustav die Revolution aber noch nicht als verloren ansehen. Vielmehr ruft er im Zuge des „Struve-Putsches“ in Lörrach die Deutsche Republik aus. An seiner Seite: Amalie.

Aufruf an das deutsche Volk!

Der Kampf des Volkes mit seinen Unterdrückern hat begonnen. Selbst in den Straßen der Stadt Frankfurt a. M., am Sitze der ohnmächtigen Zentralgewalt und der geschwätzigen konstituirenden [sic!] Versammlung ist auf das Volk mit Kartätschen geschossen worden. Nur das Schwert kann das deutsche Volk noch retten. Liegt die Reaktion in Frankfurt, so wird Deutschland auf dem sogenannten gesetzlichen Wege furchtbarer ausgesogen und geknechtet werden, als dieses in den blutigsten Kriegen geschehen kann.

Zu den Waffen deutsches Volk! Nur die Republik führt uns zum Ziele nach dem wir streben.

Hoch lebe die deutsche Republik!

Republikanisches Regierungsblatt Nr. 1, 21. September 1848

Auch die bewaffneten Revolutionskämpfe bestreiten Gustav und Amalie gemeinsam – jedenfalls soweit es die Umstände zulassen. Tatsächlich sind viele Revolutionäre dagegen, dass eine Frau Seite an Seite mit ihnen kämpft. Amalie bleibt deshalb nichts anderes übrig, als „nur“ Munition und Waffen für die Kämpfe zu liefern, worüber sie selbst sich sehr empört zeigt.

Niederlage und Verhaftung

Trotz großer Unterstützung in der badischen Bevölkerung scheitert auch der „September-Putsch“ nach nur wenigen Tagen. Das Ehepaar Struve und weitere Mitstreiter werden in Schopfheim gefangengenommen. Amalie kommt nach Freiburg ins Gefängnis und Gustav in die Rastatter Festung. In der Gefangenschaft schreiben sich die beiden gegenseitig Briefe und Gedichte, die ihre Zuneigung füreinander deutlich machen.

Das Verfahren gegen Amalie wird eingestellt und sie wird im April 1849 freigelassen. Sofort fährt sie nach Rastatt, um ihren Mann zu besuchen. Dies wird ihr verwehrt. Gustav wird schließlich zu fünf Jahren Haft in Bruchsal verurteilt. Obwohl es ihr bereits in Rastatt nicht erlaubt war, ihren Ehemann zu besuchen, reist Amalie ihm auch nach der Verlegung nach Bruchsal hinterher.

Die Verfassung, die die Nationalversammlung in Frankfurt erarbeitet hat, ist mittlerweile im Mai 1849 gescheitert. Die großen Einzelstaaten des Deutschen Bundes haben sie abgelehnt. Daraufhin kommt es in verschiedenen Regionen wieder zu Unruhen, auch in Baden. Während dieser Maiaufstände wird Gustav befreit.

Aus Überzeugung ins Exil

Unermüdlich kämpfen die Struves weiter, doch auch diese letzte Erhebung wird schließlich von preußischen Truppen niedergeschlagen. Die Struves fliehen daraufhin ins Exil in die Schweiz. Dort haben sie wohl das erste Mal in ihrer Ehe Zeit nur füreinander. Doch werden sie nach wenigen Monaten aus der Schweiz ausgewiesen, weil Gustav seine politischen Tätigkeiten auch hier fortsetzt.

Sie fliehen weiter nach London. Im April 1851 ziehen sie schließlich in die USA und folgen damit zahlreichen anderen von der Revolution enttäuschten 1848ern. Das Ehepaar lässt sich auf Long Island nieder, wo beide schriftstellerisch und publizistisch tätig sind. Amalie stirbt schließlich am 13. Februar 1862 in Stapelton auf Staten Island im Kindbett. Damit endet eine Beziehung, die ihrer Zeit weit voraus war und durch ihr gemeinsames Wirken die Demokratieentwicklung in Deutschland mutig und selbstlos vorangebracht hat.

Zum Weiterlesen:

Aus dem Kolloquium in Rastatt ging 2020 der von Clemens Rehm und Annette R. Hofmann herausgegebene Sammelband Gustav Struve. Turner, Demokrat, Emigrant hervor (ISBN 978-3-95505-239-3). Die Beiträge beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten von Gustav Struves Leben und mit seiner Rolle in der deutschen Erinnerungskultur.

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Über uns 
Ulli E. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinator im Bereich Demokratiegeschichte.

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