Demokratiegeschichten

Kein Zufall. Kein Schlussstrich. 15 Jahre nach der Enttarnung des NSU

Vor 15 Jahren, am 4. November 2011, flog der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) auf. Die rechtsextreme Terrorgruppe hatte zehn Menschen ermordet. Der Beitrag fragt, was nach der Enttarnung geschah und warum die Auseinandersetzung mit dem NSU nicht enden darf. Als Beispiel für eine Form der Auseinandersetzung dient das Methodenhandbuch „Vom Lernen und Verlernen“.

Das Handbuch stellt die Betroffenen in den Mittelpunkt. Es fragt außerdem, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen die Taten möglich waren.


Ein früherer Beitrag auf diesem Blog setzt sich insbesondere mit der Entstehung und Entwicklung des NSU auseinander. Dieser Beitrag knüpft daran an. Er fragt, was nach der Enttarnung geschah und wie eine mögliche Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex aussehen kann.

Wie der NSU aufflog

Am 4. November 2011 näherten sich Polizisten in Eisenach einem Wohnmobil. Sie vermuteten zwei Bankräuber darin. Im Fahrzeug fielen Schüsse, wenig später brannte es. Die Polizei fand die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Zur selben Zeit legte Beate Zschäpe Feuer in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau. Vier Tage später stellte sie sich der Polizei.

Die Ermittler stießen auf Waffen und ein Bekennervideo. Zwischen 2000 und 2007 hatte der NSU neun Menschen aus rassistischen Motiven und eine Polizistin ermordet. Entdeckt wurden die Taten durch einen Zufall.

Warum die Aufklärung der Justiz nicht reicht

Nach der Enttarnung verurteilte das Oberlandesgericht München Zschäpe 2018 zu lebenslanger Haft. Die Nebenklage hatte beantragt, das Netzwerk des NSU und die Rolle der Behörden zu untersuchen. Die Staatsanwaltschaft lehnte jedoch ab.

Offene Fragen zum Netzwerk des NSU und zur Rolle der Behörden gab die Justiz deshalb an die Parlamente weiter. Dort sollten Untersuchungsausschüsse sie klären. Diese Gremien prüfen das Handeln von Regierungen und Behörden.

Das Problem: Die Tatorte lagen in acht Bundesländern, und jedes Landesparlament darf nur die eigenen Behörden kontrollieren. Eine zusammenhängende Aufarbeitung wird dadurch nahezu unmöglich.

Eine Form der Aufklärung: Bildungsarbeit


Im Unterricht kommt von alledem bislang wenig an. Laut Handbuch ist der NSU-Komplex kein verpflichtendes Thema in den Lehrplänen. Genau hier setzt „Vom Lernen und Verlernen“ an.

Die folgenden Abschnitte stellen vier Ansätze daraus vor.

Erstens: Zuhören

Das Handbuch folgt dem Ansatz „Zuhören, Vertiefen, Aktiv werden“. Zuerst rücken die Lebensgeschichten der Betroffenen und die Sichtweisen ihrer Angehörigen in den Mittelpunkt. Die Biografien bilden die Grundlage vieler Methoden zur Auseinandersetzung mit dem NSU.

Dieser Blick hat einen konkreten Grund. Viele Familien vermuteten früh ein rechtsextremes Motiv, doch die Polizei ermittelte im Umfeld der Betroffenen. Die Sonderkommissionen hießen „Halbmond“ und „Bosporus“. Das Handbuch beschreibt, wie die Familien dadurch selbst zu Verdächtigen wurden. İbrahim Arslan, Aktivist und Überlebender des Brandanschlags von Mölln, nennt die Betroffenen deshalb „Hauptzeugen des Geschehenen“.

Zweitens: Strukturen verstehen

Das Handbuch bleibt nicht bei der individuellen Ebene stehen. Es fragt, welche Strukturen die Taten ermöglichten und ihre Aufklärung verhinderten.

Dazu gehört zunächst der institutionelle und gesellschaftliche Rassismus. Die Behörden suchten die Täter im Umfeld der Opfer, weil sie migrantisierte Menschen von vornherein in bestimmte „Szenen“ einordneten. Außerdem widerspricht das Handbuch der Einzeltäter-These. Es stellt die Taten in die Geschichte des rechtsextremen Terrors und zeigt, dass der NSU weder allein stand noch am Anfang. Rechtsextreme Gewalt endete 1945 nicht mit dem Nationalsozialismus, sondern zieht sich durch die Geschichte beider Deutscher Staaten. In den 1990er-Jahren nahm sie zudem stark zu, und genau in dieser Zeit entstand der NSU.

Auch die Medien nimmt das Handbuch in den Blick. Es untersucht, wie sie über die Opfer rechtsextremer Gewalt berichteten. Zudem behandelt es den Antiziganismus im NSU-Komplex. Den der Verband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg aufzeigt.

Drittens: Den eigenen Ort befragen

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Gedenken. Im Februar 2012 gab es eine staatliche Gedenkveranstaltung und der DGB rief zu einer fünfminütigen Arbeitsniederlegung auf. Die gemeinsame Erklärung der Tatortstädte nannte das Wort „Rassismus“ allerdings nicht.

Vor Ort blieb das Gedenken häufig klein. In München erinnern zwei Tafeln im A5-Format an die Morde an Habil Kılıç und Theodoros Boulgarides. Oft musste erst die Zivilgesellschaft das Gedenken anstoßen. Zudem sprechen die Städte weiter von „Zufallsopfern“ und „Zufallstatorten“. Dieses Narrativ entlastet davon, nach Gründen zu fragen. Wer sich mit dem NSU beschäftigt, kann deshalb mit einer einfachen Frage beginnen: Wie erinnert mein Ort an die Morde?

Viertens: Aktiv werden

Schließlich fragt das Handbuch nach dem eigenen Handeln. Die Methoden ermutigen dazu, couragiert aufzutreten. Das Handbuch geht auf die Ausstellung „Offener Prozess“ des Dokumentationszentrums zum NSU-Komplex zurück. Diese Ausstellung gab den Anstoß dafür.

Was das für die Demokratie bedeutet

Zufällig entdeckt wurde der NSU. Zufällig übersehen wurde er nicht. Wer das verstehen will, kann beim Handbuch „Vom Lernen und Verlernen“ anfangen: Betroffenen zuhören, Strukturen erkennen, den eigenen Ort befragen, Haltung zeigen. Fünfzehn Jahre nach der Enttarnung ist die Auseinandersetzung mit dem NSU nicht abgeschlossen und sie darf es auch nicht sein.


Das Methodenhandbuch „Vom Lernen und Verlernen“ (Hrsg.: Hannah Zimmermann und Martina Klaus, Chemnitz 2021) erschien im Rahmen des Projekts „Offener Prozess“ des ASA-FF e.V. Weitere Informationen: offener-prozess.de.

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Über uns 
Lilian B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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