Demokratiegeschichten

Karneval: Alaaf, Ahoi, Helau!

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal ausgerechnet einen Karneval-Ausspruch als Aufhänger einer Demokratiegeschichte nutzen würde. Aber §15 (Zusatzartikel) des kölschen Jrundjesetzes klingt zu schön, um wahr zu sein:

„Jede Jeck eß anderß.“

Für mich stecken gleich mehrere Sachen in dieser Karnevals-Weisheit:

  • Erstens: Etwas bekloppt sind wir alle.
  • Zweitens: Wir spinnen auf unterschiedliche Weisen.
  • Drittens: Damit müssen wir leben.
  • (Und wer wäre schon gerne die einzig normale Person unter lauter Verrückten?)

Karneval: ein Ausnahmezustand

Ob „jede Jeck eß andeß“ wirklich so bedingungslos gilt, wage ich anzuzweifeln. Kostüme machen Menschen nicht automatisch zu besseren – aber auch nicht zu schlechteren – Menschen.

Alkohol, laute Musik, Umzüge, Kostüme… Die fünfte Jahreszeit tickt schon etwas anders, sie ist quasi ein Ausnahmezustand. Auf den einige Leute auch verzichten könnten (Ich kenne Leute, die sich Karneval frei nehmen. Und dann an die Nordsee fliehen).

Spaß auf Knopfdruck, Chaos in den Städten? Man muss kein Fan von Karneval sein. Trotzdem gibt es auch dabei interessante Traditionen, die man genauer unter die Lupe nehmen kann. Denn in dieser Zeit geht so einiges, was normalerweise nur schwer möglich ist.

Narrenfreiheit

Dazu gehört allen voran die sogenannte Narrenfreiheit. Denn seit langem wird während des Karnevals Kritik geäußert, die sonst nicht laut wird. Oder die man sich nicht traut, auszusprechen.

Die Tradition reicht zurück bis ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit. Zunächst bezeichnete man jene Menschen als Narren, die geistige oder körperliche Beeinträchtigungen hatten. Manche Fürsten hielten sich Narren zur Belustigung an ihren Höfen. Die Bezeichnung Narr hatte eine negative Bedeutung, das spiegelt sich noch heute in Wörtern wie „vernarrt“ oder „närrisch“ wieder.

Später übernahmen auch Menschen ohne Beeinträchtigungen die Rolle von Narren. Damit ging zuweilen auch eine politische Funktion einher. Denn gerade zu Zeiten absolutistischer Herrschaft waren Narren die einzigen, die die Fürsten noch kritisierten. Sie mussten keine Bestrafung fürchten, weil die Herrscher ihr Gesagtes im Zweifelsfall als „Narretei“ abtaten. Viele der Narren waren daher bestens über Zeitgeschehen informiert und im ständigen Austausch mit Hofleuten.

Auch heute gehört zum Karneval, dass man den „Oberen“ seine Meinung sagt. Regelmäßig werden Politiker*innen Zielscheibe von Spott: Sei es in Form von Parodien, Motiven von Karnevalswagen oder als Inhalt von Büttenreden. Jede und jeder kriegt sein Fett weg. Das konnte selbst in der DDR nicht völlig verhindert werden.

Rauthaussturm und Schlüsselübergabe

Eine weitere Tradition ist der sogenannte Rathaussturm. Bei diesem handelt es sich um eine symbolische Besetzung des Rathauses durch die Narren. Oft rücken diese mit Musik an, belagern und „erstürmen“ dann das Gebäude. Unter „Zwang“ händigen Bürgermeister*innen die Schlüssel zum Rathaus an den Karnevalsprinzen aus.

Somit werden im Karneval die Machtverhältnisse umgekehrt. Die „Herrschenden“ sind abgesetzt, die Narren (und das Volk) übernehmen die Macht. Wann diese Revolution auf Zeit begann, ist im einzelnen nicht bekannt. Auch über historische Vorbilder lässt sich vielerorts leider nichts mehr sagen.

Klar ist aber, dass das Um- und Überwerfen von Hierarchien seit langem zum Karneval gehört. Für viele hat es etwas befreiendes, mal aus der üblichen Rolle zu fallen. Und vielleicht auch, zu wissen, dass es nach ein paar Tagen in gewohnter Weise weitergeht.

Egal, ob verkleidet oder nicht, im Trubel oder aus dem Staub gemacht: Närrisch sind wir alle ein bisschen. Und deshalb wünsche ich allen Jecken eine fröhliche Zeit 😉

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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