Demokratiegeschichten

Alles neu macht das Corona-Virus?

Ein Gastbeitrag von Laetitia Lenel. Frau Lenel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und forscht zur transatlantischen Geschichte der Konjunkturprognose im 20. Jahrhundert. Ihr Forschungsprojekt ist Teil des DFG-Schwerpunktprogramms „Experience and Expectation. Historical Foundations of Economic Behaviour“.

Die Spanische Grippe galt vor kurzem noch als Nischenthema, als Thema für Medizinhistorikerinnen, wenn überhaupt. Plötzlich aber sind wir alle Experten für die Unterschiede zwischen St. Louis und Philadelphia während der Influenza-Pandemie 1918 geworden. Auch die Geschichte der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und die der Großen Rezession nach der Finanzkrise 2008 erfahren derzeit verstärkt Aufmerksamkeit. Geschichte hat Konjunktur, denn die Vergangenheit bietet Orientierung in einer unübersichtlichen Gegenwart.

Der Blick zurück auf überstandene Krisen verspricht Sicherheit in einer Zeit, in der Angst und Ungewissheit dominieren. In ihm vergewissert sich die Gesellschaft ihrer selbst und ihres eigenen Fortbestandes. Doch gerade dieser Mechanismus droht an der Einzigartigkeit der Situation zu scheitern. Damit geraten auch gesellschaftliche und staatliche Strukturen in eine Legitimationskrise. Die fehlende historische Kontinuität, der Bruch in der Geschichte, den das Virus markiert, lässt Umbrüche auch in anderen Bereichen möglich erscheinen.

Möglich, dass die Bemerkung des amerikanischen Ökonomen Kenneth Rogoff, das Coronavirus könne eine globale Wirtschaftskrise auslösen, die bald zur „mother of all financial crises“ avancieren werde, auch deshalb so große Verunsicherung auslöst, weil sie sich der reflexartigen Suchbewegung nach historischen Vorgängerinnen entzieht.

Die “Mutter aller Krisen”?

Angesichts der derzeit so deutlich zutage tretenden Offenheit der Zukunft ist das „scharfe Säurebad des Vergleichs“, Hans-Ulrich Wehler zufolge der einzige, unübertreffliche Ersatz für das naturwissenschaftliche Experiment, deswegen sehr gefragt. Die Wirtschaftskrisen der näheren und ferneren Vergangenheit zum Beispiel müssen nicht nur herhalten, um aktuelle wirtschaftspolitische Entscheidungen zu begründen, sondern auch, um die Tragweite der kommenden Wirtschaftskrise abzuschätzen.

Logisch, dass wir von der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre schnell beim Ende der Weimarer Republik sind, dem All-time Favourite des historischen Vergleichs. Der Vergleich der derzeitigen Einschränkungen der Freiheitsrechte mit den Notverordnungen der späten Weimarer Republik kann dabei entweder der kontrastierenden Analyse – Berlin ist nicht Weimar! – oder aber dem warnenden Appell dienen. Insbesondere im Fall von Staaten mit autoritären Regierungschefs wie Ungarn und Polen führt das zu düsteren Prognosen. Staatsoberhäupter wiederum begründen die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus durch den historischen Vergleich mit den Herausforderungen des Zweiten Weltkriegs.

Neben der Legitimierung und Delegitimierung politischer Maßnahmen dient der historische Vergleich in erster Linie der Orientierung.  Insbesondere die Ökonomie hat in den letzten hundertfünfzig Jahren ein beeindruckendes Instrumentarium zur Prognose, Erklärung und historischen Einordnung von Wirtschaftskrisen herausgebildet. In der Folge gelten uns Wirtschaftskrisen heute nicht mehr als fehlerhafte Störungen eines „normalen“ Trends. Sondern als notwendiger, gleichsam natürlicher Bestandteil unseres Wirtschaftssystems.

Von der Krise zum Teil des Systems

Schon 1939 – und in der Folge der Institutionalisierung der Konjunkturforschung und –prognostik seit den frühen 1920er Jahren – erklärte der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, Konjunkturschwankungen könnten „nicht, wie beispielsweise die Rachenmandeln, abgetrennt und gesondert behandelt werden, sondern so wie der Herzschlag gehören sie zum eigentlichen Wesen des Organismus, der sie hervorbringt.“

Wir sind es inzwischen so gewöhnt, gegenwärtige und künftige Wirtschaftskrisen mit früheren Krisen zu vergleichen und im historischen Zeitverlauf eines scheinbar ewigen Auf und Ab zu betrachten, dass die Vorstellung, die kommende Krise könne unser bisheriges Koordinatensystem sprengen, erschüttern muss. Dies gilt umso mehr, als die historische Einordnung gegenwärtiger und künftiger Krisen immer auch systemstabilisierende Wirkung hat. Schließlich vermag der Verweis auf die Muster der Vergangenheit das Vertrauen in Krisenzeiten wiederherzustellen.

Doch die derzeitige Situation bringt tatsächlich besonders viel Ungewissheit mit sich. Sie schränkt alle ein – was gerade in westlichen Gesellschaften der Neuzeit ein Novum ist. Aus westlicher Sicht trafen Viren und ihre wirtschaftlichen Folgen bislang meist die Anderen. Und selbst die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 spielte im Alltag großer Teile der Bevölkerung kaum eine Rolle. Das ist jetzt anders. Neben die Angst vor den noch kaum abzuschätzenden gesundheitlichen, ökonomischen und politischen Folgen der Pandemie und der Maßnahmen zu ihrer Eindämmung tritt daher auch die Furcht vor bleibenden Veränderungen unseres Zusammenlebens.

Geht der Lotse von Bord?

Sozialwissenschaftlerinnen vermuten, dass die derzeitige Krise unser Konsum-, Reise- und Arbeitsverhalten und unser Zusammenleben, insbesondere in Städten, nachhaltig verändern wird. Andere glauben, dass die Krise die sogenannte Systemfrage stellen könnte.

In einem internen Papier des Bundesinnenministeriums, das Worst-Case-Szenarien durchspielt, wird davor gewarnt, dass die Krise nicht nur schwerwiegende gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen zeitigen, sondern auch „im Sinne einer ‚Kernschmelze’ das gesamte System in Frage“ stellen könnte. „Es droht“, schreiben die Autoren, „dass dies die Gemeinschaft in einen völlig anderen Grundzustand bis hin zur Anarchie verändert.“

Noch funktioniert die gesellschaftliche Selbstversicherung über den historischen Vergleich. Kaum ein Tag, an dem nicht von den Lehren der Vergangenheit zu lesen wäre. Doch die Rolle der Geschichte als Lehrmeisterin wird fragwürdig. Das zeigen die immer panischer wirkenden Szenarien der Zeit „Nach der Krise“. Wenn unsere Erwartungen sich nicht mehr aus unseren Erfahrungen speisen lassen, scheint plötzlich alles möglich.

Die Folgen einer Auflösung des Topos der Geschichte als Lehrmeisterin sind nicht abzusehen. Schließlich scheint die Annahme einer grundsätzlichen Kontinuität zwischen Vergangenheit und Zukunft – allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz – so etwas wie den Klebstoff unserer modernen Gesellschaft zu bilden. Denn die Generierung von Erwartungen aus dem Erfahrungsschatz eines anwendbaren historischen Wissens macht soziales Handeln trotz einer offenen, unbekannten Zukunft möglich. In seiner Funktion als Reduktionshilfe, könnte man mit Niklas Luhmann sagen, schafft der historische Vergleich gegenwärtige Sicherheit.

„Seit die Vergangenheit aufgehört hat, ihr Licht auf die Zukunft zu werfen, irrt der menschliche Geist in der Finsternis“, schrieb Alexis de Tocqueville vor bald zweihundert Jahren. Tocqueville beschrieb damit das Gefühl der Verlorenheit angesichts einer Gegenwart, die mit den bisherigen Erfahrungen nicht mehr in Deckung zu bringen schien. Immerhin: Auch dieser Befund war schon einmal da.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf SciLogs.Spektrum.de.

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