Demokratiegeschichten

Über Mut – Sophie Scholl

„Ich kann es nicht begreifen, daß nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist für’s Vaterland.“

Sophie Scholl am 5. September 1939 an ihren Freund Fritz Hartnagel

Kindheit und Jugend

Vor 99 Jahren wurde dem Ehepaar Magdalena und Robert Scholl in der Stadt Forchtenberg ein Mädchen geboren. Sie kam am 9. Mai 1921 zur Welt und erhielt den Namen Sophie Magdalena Scholl. Anlässlich ihres Geburtstages sowie ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Widerstand im Nationalsozialismus, erzählen wir in diesem Beitrag ihre Geschichte.

Sophie und ihre Geschwister Inge, Hans, Elisabeth und Werner wuchsen in gut bürgerlichen Verhältnissen auf. Ihre Eltern legten in der Erziehung großen Wert auf christliche Werte sowie kulturelle Bildung. Robert Scholl war politisch liberal eingestellt, Magdalena war bis zu ihrer Eheschließung Diakonisse. Die Familie Scholl besuchte Theaterveranstaltungen, hörte viel Musik. Alle Prinzipien der Scholls standen konträr zu denen der Partei, die sich 1933 zur Macht in Deutschland aufschwang: Der nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei.

Die Kinder der Familie waren zunächst vom Gefühl des Zusammenhalts im NS begeistert. Auch wenn die Eltern strikt dagegen waren, traten sie zunächst in die Hitlerjugend (HJ) oder den Bund Deutscher Mädel (BDM) ein. Auch Sophie engagierte sich gern im BDM. Sie übernahm dort Führungsaufgaben, fühlte sich vom „Gemeinschaftsideal“ bestärkt. Nichtsdestotrotz wunderte sie sich lautstark, warum ihre jüdische Klassenkameradin nicht Teil dieser Gemeinschaft sein könne. Es taten sich die ersten Gräben zwischen Sophie und den Idealen des NS auf.

Den großen Wendepunkt stellte letztlich die kurzzeitige Inhaftierung ihres Bruders Hans dar. Nachdem er aus Büchern von Stefan Zweig vorgelesen und verbotene Lieder gesungen hatte, wurden Hans Scholl und seine Geschwister verhaftet. Obwohl die Entlassung schnell erfolgte, war dies der entscheidende Bruch. Die Geschwister Scholl zogen sich nach und nach aus ihren Ämtern im BDM und in der HJ zurück.

„Die Weiße Rose“

­“Zerreißt den Mantel, der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt!“

Auszug aus einem Flugblatt der „Weißen Rose“

Nach einer Ausbildung zur Kindergärtnerin und einem Arbeitsdienst zog es Sophie Scholl 1942 zum Studium nach München. Dort fand sie schnell Anschluss an die Gruppe um ihren Bruder Hans, der mittlerweile Medizin studierte. Die Freunde diskutierten viel über theologische und philosophische Fragen und lehnten den Nationalsozialismus entschieden ab. Bald gesellte sich auch der Philosophieprofessor Kurt Huber dazu. Die Gruppe las verbotene Schriften und diskutierte sie im Anschluss.

Doch das bloße Diskutieren reichte ihnen nicht. Sie wollten gegen den NS aktiv werden und gründeten schließlich die Widerstandsorganisation „Die Weiße Rose“. Zu ihrem engsten Kreis gehörten Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber.

„Büste von Sophie Scholl in der Walhalla„, Quelle: Wikipedia 

Im Sommer 1942 verfassten Alexander Schmorell und Hans Scholl die ersten Flugblätter, die sie zunächst an Intellektuelle, Freunde und Kommilitonen verschickten. Ab 1943 beteiligte sich auch Sophie an den Aktionen. „Die Weiße Rose“ brachte über 10 000 Flugblätter in Umlauf, die sie über ganz Deutschland streuten. Erst ihr sechstes Blatt wurde der Gruppe zum Verhängnis: Als Sophie und Hans Scholl am 18.2.1943 die Blätter in der Münchner Universität auslegten, warf Sophie einen ganzen Stapel von der Treppe in den Lichthof hinab. Die Geschwister wurden entdeckt und festgenommen.

Der Mut in dunklen Zeiten

„Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft.“ 

Sophie Scholl an Fritz Hartnagel

Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst werden vor den Volksgerichtshof gestellt und schließlich verurteilt. Noch am selben Tag erfolgt die Hinrichtung durch das Fallbeil. Sophie stirbt im Alter von 21 Jahren. Doch auch wenn sie noch so jung war, war ihr Tod nicht umsonst. Die Flugblätter der „Weißen Rose“ werden in der BBC im Radio verlesen und die „Royal Airforce“ wirft Exemplare über ganz Deutschland ab.

„Man muss wissen, wofür man ein Menschenleben in die Waagschale wirft.“ – Für Sophie Scholl waren das die humanistischen, freiheitlichen Werte und Rechte. Sie und ihre Mitstreiter traten mit beharrlichem Mut dafür ein, diese Werte zu verteidigen, die heutzutage so selbstverständlich erscheinen. Ich denke, wir alle können und sollten von diesem Mut lernen: Vielleicht gibt er uns in dunklen Stunden Orientierung.

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Über uns 
Michèle W. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

2 Kommentare

  1. Marlene Komitsch

    15. Mai 2020 - 7:20
    Antworten

    Danke für die Erinnerung und danke an die Menschen, die auch in dunkeler Zeit geirrt haben und dann doch die wahren Werte erkannt haben.
    Ich hoffe, dass ich nie erfahren werde ob ich auch erkennen würde, wofür ich ein Leben in die Waagschale werfen würde.

  2. Stefan Querl

    17. Mai 2020 - 12:01
    Antworten

    Ja, in der Tat. Dass Sophie Scholl im Knast kurz vor ihrem Tode auf die Rückseite eines Justizbriefs des NS-Unrechtsregimes 2x „FREIHEIT“ in Schönschrift schrieb, dass es auch das letzte Wort im Leben ihres Bruders Hans war, verdient m.E. höchsten Respekt. Es ist Aufforderung an uns, die freiheitlich-demokratische Ordnung zu wahren und zu verteidigen wie eine Art Vermächtnis dIeser damals Entrechteten.

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