Demokratiegeschichten

Polio in der BRD – Epidemien als Propagandamittel im kalten Krieg (II)

Das Recht auf kindliche Unversehrtheit gegen das Allgemeinwohl: Impfen spaltet die Gemüter. Zuletzt noch Anfang März, als die Masern-Impfung für Kitas und Schulen eingeführt wurde. Doch was heute v. a. eine Prinzipienfrage ist, war im geteilten Deutschland ein Streit der politischen Systeme. So etwa 1960: Da wurde in Deutschland ein Impfstoff gegen Poliomyelitis – kurz: Polio – eingeführt. Allerdings zunächst nur in der DDR.

Polio – eine Zivilisationskrankheit

Einzelne Fälle von Polio existierten seit Jahrhunderten, vermutlich Jahrtausenden. Doch Anfang der 1880er-Jahre begann die Krankheit sich epidemisch auszubreiten. Denn bizarrerweise führten gerade die verbesserten Hygiene- und Sanitärmaßnahmen dazu, dass Menschen weniger in Kontakt mit dem Virus kamen. Und daher auch keine Immunisierung mehr bildeten.

Franklin D. Roosevelt, Fala and Ruthie Bie at Hill Top Cottage im Hyde Park, N.Y.  Es existieren nur zwei Fotos von Roosefeld im Rollstuhl.

Weil vor allem Kinder und Jugendliche an Polio zu erkranken schienen, erhielt die Krankheit bald den geläufigen Namen „Kinderlähmung“. Seit 1910 kam es in den USA und Europa alle 5-6 Jahre zum Ausbruch einer Epidemie. Allein in Deutschland erkrankten von 1910-1961 ungefähr 100.000 Menschen.

Als eines der bekanntesten Persönlichkeiten, die an Polio erkrankte, gilt der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt. Wie bei vielen Polio-Erkrankten blieben auch bei Roosevelt nach der Genesung Lähmungen zurück. Zeit seines Lebens war er auf Gehhilfen und einen Rollstuhl angewiesen.

Polio Anfang der 1960er- Jahre

Zurück – beziehungsweise voraus – ins Jahr 1952. In diesem Jahr testete der US-amerikanische Virusforscher Jonas Salk erstmals den von ihm entwickelten Impfstoff. Dieser Impfstoff beruhte auf toten Zellen und wurden gespritzt. Bis Anfang der 1960er-Jahre ging die Zahl der Erkrankungen in den USA um mehr als 90% zurück.

In dieser Zeit herrschte in Deutschland eine starke Polio-Epidemie: 1959 erkrankten in der BRD 2.114, 1960 sogar 4.198 und 1961 4.673 Menschen. Trotzdem fanden in der BRD nur wenig Impfungen statt, man blieb skeptisch. Der Grund dafür war, dass es unter geimpften Kindern plötzlich eine Reihe von Erkrankungen gab. Insbesondere Eltern wollten ihre Kinder keinem Risiko aussetzen.

Und in der DDR? Dort zeigte sich für denselben Zeitraum eine andere Entwicklung. Während 1959 noch 958 Menschen erkrankten, waren es 1960 bloß 126 und 1961 nur noch 4. Wie kam es zu dieser gegensätzlichen Entwicklung?

Zwei Systeme – zwei Impfungen

Der Grund für die sinkende Zahl der Erkrankungen in der DDR ist simpel. Seit 1960 gab es in der DDR einen neuen Impfstoff. Und bereits seit den 1950er-Jahren eine staatliche Impfpflicht.

Albert Bruce Sabin, ebenfalls ein US-amerikanischer Forscher, hatte Ende der 1950er-Jahre einen Lebend-Impfstoff entwickelt. Doch die Behörden in den USA setzten weiter auf den Impfstoff von Salk. Da er dort keine Förderung erhielt, nahm Sabin ein Finanzierungsangebot zur Weiterentwicklung seines Impfstoffes aus der UdSSR an. Von dort gelangte der Impfstoff 1960 direkt zur Gesundheitsbehörde der DDR.

File:Bundesarchiv Bild 183-72526-0001, Berlin, HU, Schutzimpfung gegen Kinderlähmung.jpg
Historische Originalbeschreibung: „Studenten der Humboldt-Universität mit Polio-Schutzstoff immunisiert Alle Studenten der Humboldt-Universität, die das 20. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, erhielten am 22.4.1960 den Sabin-Tschumakow-Schutzstoff gegen Kinderlähmung verabreicht. Dieses neue Präparat, welches wir vor einigen Tagen aus der SU erhalten haben, wird nicht wie alle anderen Schutzstoffe geimpft oder eingeritzt- sondern, zu je 2 Tropfen auf einem Stück Zucker oder in einem Glas Limonade eingenommen. 60 Medizinstudenten der Humboldt-Universität stellten sich der Aktion zur Verfügung, um den Studenten das Serum Typ I zu verabreichen. Nach vier Wochen und weiteren vier Wochen werden wieder je zwei Tropfen eingenommen. UBz: Medizinstudentin Marianna Maesse (5. Studienjahr) gibt an ihre Kommilitonen das Serum aus.“

Schon im selben Jahr fanden die ersten Massenschluckimpfungen statt. Eine Wahl hatten die Bürger*innen der DDR dabei nicht: Impfen war Pflicht und wer sich weigerte, stellte sein Wohl über das der Volksgesundheit, stellte sich also gegen den Sozialismus. Infolge der Massenimpfungen nahm die Anzahl der Erkrankungen noch im selben Jahr rapide ab.

Propaganda aus dem Osten

Im Wettkampf der Systeme nutzte die DDR-Führung den Erfolg in der Polio-Bekämpfung für ihre politische Propaganda. Gerade im Vergleich mit dem Westen sollte deutlich werden, dass die DDR das überlegene Gesundheits- und politische System hatte. Erfolge wurden öffentlichkeitswirksam dargestellt und gefeiert.

Historischer Originaltext der Infografik:
„DDR frei von Polio – 42 Opfer in Westdeutschland  1.7.1961 DDR frei von Polio – 42 Opfer in Westdeutschland. Fielen der Poliomyelitis 1960 in der DDR 4 Menschen zum Opfer, so waren es in Westdeutschland im gleichen Zeitraum 250 Personen. In Westdeutschland fielen der Poliomyelitisempidemie in diesem Jahr bereits 42 junge Menschen zum Opfer. Insgesamt wurden mehr als 650 Erkrankungen gemeldet. Demgegenüber erkrankte in der DDR nur ein Kind, eines der wenigen, das nicht gegen Kinderlähmung immunisiert worden war.“
Bundesarchiv, Bild 183-84387-0001 / Schulz / CC-BY-SA 3.0

In der BRD blieb man trotz der Erfolge im Osten dennoch kritisch. Man traute dem neuen Mittel aus der Sowjetunion nicht, die Massenimpfungen im Nachbarstaat betrachtete man genau.

Auch der Ausbruch einer Polio-Epidemie im Ruhrgebiet 1961 konnte die Führungskräfte im Westen nicht zum Umdenken bewegen. Das Angebot von Willi Stoph, damals stellvertretender Ministerpräsident ohne Ressort in der DDR, sofort 3 Millionen Impfstoff-Einheiten zu schicken, lehnte Bundeskanzler Konrad Adenauer als Propagandatrick ab. Nicht zu Unrecht. Trotzdem hagelte es auch der Presse und auch aus der westdeutschen Bevölkerung Kritik.

Erst 1962 begann in der BRD die Impfung gegen Polio mit dem Schluckimpfstoff. Diesmal angeboten und angenommen von der USA. Und quasi sofort wurde die Wirkung deutlich: Von 4.673 Erkrankten 1961 sank die Zahl 1962 auf 296 Erkrankungen, also um mehr als 90%. Schon 1966 lag die Zahl der Neuinfektionen in der BRD unter 20. Ab Ende der 1980er-Jahre galt die Krankheit deutschlandweit als ausgerottet.

Anzahl der Polio-Erkrankungen und Todesfälle in Deutschland von 1910-2018; Grafik: Julius Senegal; CC BY-SA 4.0

Was wäre wenn…

Eine Frage drängt sich mir bei der Recherche für diesen Artikel auf: Wie wägt man den Erfolg eines politischen Systems gegen die Gesundheit und das Leben von Menschen auf? Ob Willi Stoph sein Angebot von der Impfstofflieferung wahr gemacht hätte, lässt sich nicht sagen. Und auch in den Kopf von Konrad Adenauer und den Mitarbeiter*innen der westdeutschen Gesundheitsbehörde kann ich nicht hineinschauen.

Mit dem Blick auf heute kann ich nur schließen: Ich hoffe, dass Regierungen und Demokrat*innen im Interesse der Bevölkerung handeln. Und nicht bloß danach, was sie gut aussehen lässt.

Übrigens drehte sich nur wenig später das Bild: Als 1962 die Ruhr in der DDR ausbrach, nutzten dies wiederum Westmedien, um Kritik an dem Gesundheitssystem der DDR zu leisten. Die DDR-Regierung schwieg lange zu den Vorfällen.

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Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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