Demokratiegeschichten

„Demokratie ist ein friedlicher Streit zwischen unterschiedlichen Meinungen“. So einfach ist das nicht

„Demokratie ist ein friedlicher Streit zwischen unterschiedlichen Meinungen.“ Diesen Satz sagte Wolfang Thierse in einem Interview zu den Ausschreitungen in Chemnitz. Nun ist, wie häufig in den letzten Jahren, eine Seite laut geworden. Die Menschen in Chemnitz stehen für viele tausende sogenannte Wutbürger. Sie gingen in den letzten Jahren in verschiedenen Orten Deutschlands auf die Straße. Wer ist Schuld, dass „friedlicher Streit“ noch nicht gefruchtet hat?

 

Die Wütenden und die Etablierten

Ein großer Teil der Menschen, die in den letzten Jahren gegen Zuwanderung auf die Straße gingen, fühlen sich in unserer Gesellschaft zu kurz gekommen und abgehängt. Ihrem Gefühl nach profitieren sie nicht von den Globalisierungsprozessen und dem Leben in Vielfalt. Sie entwickeln Vorurteile und Wut gegen diejenigen, die neu ins Land kommen. Und sie wollen gehört werden. Die sogenannten Wutbürger nehmen ihre Wut nicht als Grundlage für eine Diskussion. Sie nehmen ihre Wut oftmals als Grundlage für ihr Handeln. Wenn es etwas ernst zu nehmen gibt an den Vorurteilen der sogenannten Zukurzgekommenen, ist es weniger das Vorurteil. Es ist vielmehr die Zukurzgekommenheit.
Es gibt auch die andere Seite. Der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir betitelte die Pegida-Demonstranten als „Mischpoke“. Nach Aussage von Justiz Minister Heiko Mass sind sie eine „Schande für Deutschland“. Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck spricht von Rechten als „Bekloppten“. Diese drei gehören zum sogenannten Establishment. Ihnen schenken die Medien jederzeit Gehör. Sie nehmen Ihre Entrüstung über die „Wutbürger“ als Grundlage für öffentliche Urteile aus der Ferne. Und viele geben ihnen recht. Die Entrüstung mag man nachvollziehen, aber helfen derartige öffentliche Urteile weiter?

Die Grenze dieses Streites verläuft zwischen zwei Gruppen, die nicht mehr miteinander reden. Den Kontakt haben sie längst verloren. Sie haben aufgehört, den anderen in seinem Lebensalltag zu verstehen. Die Einen bekommen Gehör, die Anderen nicht. Hier braucht es eine Streitkultur des gegenseitigen Verstehen-Wollens.

 

Zuhören. Die Grundlage des Streits

In der allerjüngsten Geschichte saßen die Einen und die Anderen an einem Tisch. Das war im Winter 2014 in Dresden. Frank Richter hatte gleich nach dem Beginn der PEGIDA-Demonstrationen die Anhänger zur Diskussion eingeladen. Vor allem hörte er zu. Damals war Frank Richter Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er gehörte zu den sogenannten Etablierten. Es folgten viele Einladungen. In unzähligen Bürgerversammlungen entluden sich unterschwellig gewachsene Gefühls- und Problemstaus. Eines erschütterte Richter besonders. Viele Menschen sprachen drüber, dass Politiker ihnen nicht zuhören. Ämtern und Behörden würden sie von oben herab behandeln.

Frank Richter erhielt für sein Handeln zunächst Schelte – von der Öffentlichkeit, von den Medien. Er wolle rechten Bewegungen Vorschub leisten, hieß es. Dabei tat Richter das, was in seiner Tätigkeitbeschreibung stand. Er sorgte dafür, dass der politische Diskurs der Gesellschaft offen und kontrovers geführt werden kann. Frank Richter etablierte Gespräche in Dresden. Er ermöglichte ein gegenseitiges Zuhören. In einem Beitrag Stadtgespräche. Politische Bildung als Seelsorge?  fasste er seine Erfahrungen in Thesen zusammen.

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