Demokratiegeschichten

Der Hessische Landbote

Am 31. Juli 1834, heute vor 186 Jahren, tauchten im Großherzogtum Hessen-Darmstadt die ersten Exemplare der Flugschrift „Der Hessische Landbote“ auf. Dieser Text hat eine erstaunliche Karriere gemacht: gerade mal 1.200 gedruckte Exemplare in der ersten Auflage, von denen die meisten ziemlich schnell von den damaligen Behörden aus dem Verkehr gezogen wurden. Noch heute aber ist der „Hessische Landbote“ häufig Schullektüre, meistens im Fach Deutsch und nicht nur in Hessen. Auch meine eigene Schulzeit war nicht landbotenfrei, ich hielt in Baden-Württemberg in der Zwölften ein Referat dazu. Inzwischen kann man sich den „Landboten“ auch auf dem Youtube-Kanal „Sommers Weltliteratur to go“ anschauen, als Video mit Playmobilfiguren. Was also macht den „Landboten“ von 1834 so außergewöhnlich? Und für uns noch wichtiger, was macht ihn zu einem Dokument der Demokratiegeschichte?

Georg Büchner

Die erste Frage hat viel mit einem der Autoren des „Landboten“ zu tun. Neben dem Rektor und Pastor Friedrich Ludwig Weidig war es nämlich Georg Büchner, der den Text verfasste. Und der ist immerhin einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller. Nicht ganz ohne Grund ist der bedeutendste deutsche Literaturpreis nach Georg Büchner benannt. Nicht nur der „Hessische Landbote“, sondern fast alle seine Werke werden bis heute in der Schule gelesen, z.B. sein Revolutionsstück „Dantons Tod“, sein Lustspiel „Leonce und Lena“ und sein Drama „Woyzeck“, obwohl es ein Fragment blieb. Denn Georg Büchner starb schon mit 23 Jahren an Typhus.

Der Text

Schon als Schüler hat mich die außergewöhnlich treffende Sprache fasziniert, mit der Büchner und Weidig im „Hessischen Landboten“ radikal die Unterdrückung und Ausbeutung der Landbevölkerung anprangern. Sie schreiben z.B.:

„Das Leben der Bauern ist ein langer Werktag: Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.“

Der Text ist nicht mehr und nicht weniger als der Aufruf zum Aufstand, zusammengefasst und überschrieben mit einem Spruch aus der Französischen Revolution: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“

Die direkten Folgen

Der erhoffte Bauernaufstand blieb aus. Die hessischen Behörden aber fassten den Landboten als „die bei weitem gefährlichste und strafbarste“ Flugschrift des Jahres 1834 auf und verfolgten ihre Verfasser unerbittlich. Büchner wurde steckbrieflich gesucht und floh ins französische Straßburg, Weidig wurde verhaftet, gefoltert und kam 1837 in der Haft unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben.

Die Vorgeschichte: Büchner

Was veranlasste Weidig und Büchner dazu, einen derart radikalen Text zu verfassen und zur Revolution aufzurufen? Zunächst zu Büchner: Der Arztsohn wuchs in Darmstadt auf und studierte zwei Jahre Medizin in Straßburg. Dort lernte er die freiheitlichen Ideen des französischen Bürgertums nach der Julirevolution von 1830 kennen. Dann musste er aber wieder zurück ins Großherzogtum Hessen nach Gießen, um sein Studium abschließen zu können. Von Freiheit war hier nichts zu spüren. Stattdessen Bespitzelung und Zensur.

Büchner und Weidig

Büchner gründete in Gießen 1833 die Gesellschaft für Menschenrechte, die er in Straßburg kennengelernt hatte, als eine oppositionelle Geheimorgansiation. Und er lernte Friedrich Ludwig Weidig kennen, einer der führenden Köpfe der bürgerlichen Opposition in Hessen. Weidig hatte schon das Hambacher Fest mit vorbereitet, konnte aber selbst aufgrund der starken Überwachung in Hessen nicht selbst am Fest teilnehmen. Er war gut vernetzt und hatte die Möglichkeit, Flugschriften in einer Druckerei zu drucken.

Die Flugschrift

Genau das schlägt Weidig Büchner vor, den Druck einer Flugschrift. Büchner schreibt eine erste Version, die nicht erhalten geblieben ist und wahrscheinlich noch deutlich radikaler war als die, die wir kennen. Weidig überarbeitet den Text, gibt dem ganzen einen christlichen Anstrich mit Bibelzitaten. Er wählt auch den Titel „Der Hessische Landbote“, um die Schrift auf den ersten Blick wie eine harmlose Bauernzeitung wirken zu lassen. Dann organisiert Weidig den Druck. Am 31. Juli 1834 kommen die etwa 1.200 Exemplare des „Hessischen Landboten“ aus der Druckerei in Offenbach und werden an mehrere Helfer weitergegeben, die geheime Verteilung der Schrift beginnt. Und die hessischen Staatsorgane greifen, informiert über einen Spitzel, sofort ein. Schon am 1. August wird ein Helfer Weidigs am Gießener Stadttor durchsucht und 134 Exemplare der Flugschrift sichergestellt. Immer enger zieht sich das Netz der Verfolgung um die beiden Autoren und ihre Verbündeten.

Ein Dokument des Vormärz

Was also hat der „Hessische Landbote“ mit Demokratiegeschichte zu tun? Ziemlich viel, denn er ist ein Dokument des Vormärz, jener Zeit vor der Revolution von 1848, in der in verschiedenen deutschen Staaten das liberale Bürgertum, angeregt von der Französischen Revolution, sich gegen den Obrigkeitsstaat wendete und Mitsprache einforderte. „Demokratie erkämpfen“ – unter diesem Titel lässt sich der „Hessische Landbote“ auch heute noch lesen.

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Dennis R. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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