Demokratiegeschichten

Die Gleichheit aller besingen – Karl Pfaff und die Sängerbewegung (Teil I)

Beim ersten schwäbischen Liederfest in Plochingen am 4. Juni 1827 hielt der Eßlinger Konrektor Karl Pfaff im Gasthof zum Waldhorn eine Festrede, in der er nicht nur erwartungsgemäß über die positiven Wirkungen des Gesanges auf Geist und Körper sprach. Zur Überraschung der zweihundert Sänger und mehrerer hundert Festteilnehmerinnen und Festteilnehmer proklamierte er auch die soziale Gleichheit aller Sänger. Damit hatte Pfaff den Schritt gewagt, der von obrigkeitlichen Seiten mit Blick auf das sich rasch ausbreitende musikalische Vereinswesen im Vormärz stets befürchtet worden war: die Nutzung der Tribüne eines Musik- und Gesangfestes als Forum zur Demonstration bürgerlicher und politischer Selbstdarstellung.

Als Familie im Gesang vereint

Nachdem die in Plochingen versammelte Sängerschar das Programm mit Liedern an den Genius der Tonkunst sowie mit Freiheits- und Vaterlandsliedern absolviert hatte, griff der Eßlinger Lehrer und Historiker Pfaff gezielt und psychologisch geschickt Schlüsselwörter aus besonders beliebten Liedtexten auf. So erregte er rasch die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer und erinnerte zu Beginn seiner Rede mit der Feststellung, die Sänger wollten sich „am hellen Liederklange“ erfreuen und „in des Gesanges krystallenen Wogen des Lebens Schwüle kühlen“, an den Anfang des gerade erst gehörten Liedes „Der Gesang“ von Gustav Schwab.

Ansicht von Plochingen aus den Forstlagerbüchern von Andreas Kieser, 1685. Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, gemeinfrei

Danach bezog er sich auf Friedrich Haugs Gedicht „An die Tonkunst“, das in einer Komposition von Konrad Kocher die Programmfolge des Plochinger Liederfestes eröffnet hatte. Er verwendete mit der Formulierung, Gott habe „in des Menschen Kehle des Liedes Zauberton gelegt“, eine bekannte Metapher, mit der Haug die Tonkunst beschwor: „Ja, gib du uns, deinen Söhnen, / Zu reden in Zaubertönen / die Sprache jener Welt, / Die siegreich alle Busen / Mit hohem Entzücken schwellt.“

Und noch einmal zitierte Pfaff aus Schwabs „Der Gesang“ die Stichwörter „Glauben“ und „Freiheit“, bevor er die entscheidende Botschaft seiner Rede verkündete. Der Sterbliche werde durch den Gesang „emporgehoben aus dem gemeinen Leben“ und „seinen Mitmenschen näher gerückt“: „Niedersinken vor des Gesanges Macht der Stände lächerliche Schranken, Eine [sic] Familie, vereint in Eintracht, Freude und Begeisterung bildet der ganze Chor.“

Der prägende Einfluss aus der Schweiz

Schon 1855 hatte der Chronist des „volksthümlichen“ deutschen Männergesangs, Otto Elben, die historische Bedeutung von Karl Pfaffs Plochinger Liederfestrede 1827 erkannt und als charakteristisch „für die neue Schöpfung und für das ganze Institut der Liederfeste, wie es sich seither verbreitet und erhalten“ habe, beschrieben. In seinem Nachruf auf Pfaff ergänzte er, wenn dessen Aussagen heute „selbstverständlich“ erschienen, müsse man sich erinnern, dass es zu Pfaffs Zeiten noch galt, „eingewurzelte gesellschaftliche Vorurtheile zu beseitigen“.

Porträtdruck von Hans Georg Nägeli, ca. 1830. Quelle: Georg Balder, gemeinfrei

Tatsächlich hatte Pfaff am Ende seiner Rede im Juni 1827 mit dem Stichwort „Eintracht“ jenen populären gesellschaftspolitischen Begriff zitiert, den bereits der Zürcher Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater seit 1767 in seinen „Schweizerliedern“ lobend und mahnend beschworen hatte. „Eintracht“ spielte auch bei der Textauswahl für die Lieder der „Gesangbildungslehre für den Männerchor“ von Michael Traugott Pfeiffer und Hans Georg Nägeli 1817 eine wichtige Rolle. Überhaupt kann der Einfluss Nägelis auf die Sängerbewegung in der Schweiz und im gesamten süddeutschen Raum nicht hoch genug eingeschätzt werden.

So ist etwa die Gründung des Stuttgarter Liederkranz 1824 und weiterer schwäbischer Liederkränze in den folgenden Jahren sowie der Impuls zur Ausrichtung eines Liederfestes in Plochingen 1827 ohne die Anregungen des Zürcher Musikpädagogen, Komponisten und Verlegers Nägeli nicht denkbar.

Der Chor als demokratische Instanz

Dieser hatte sich im Frühjahr 1824 im Rahmen einer Vortragsreise durch süddeutsche Städte auch in Stuttgart aufgehalten. Damals schlug der musikalisch gebildete württembergische Hofrat Christian Carl André, Philanthrop und Unterstützer der Ideen von Nägeli, in dessen Anwesenheit als Namen für den neuen Stuttgarter Männerchor „Liederkranz“ vor.

Diese Bezeichnung sollte die Ausbreitung von Männergesangvereinen in Süddeutschland gegenüber der „Liedertafel“-Bewegung in Norddeutschland prägen. Das Liederfest in Plochingen ließ zudem unschwer das Vorbild von Veranstaltungen des ebenfalls 1824 gegründeten „Appenzellischen Sängervereins“ erkennen, zu dessen Liederrepertoire Nägeli wesentliche Beiträge lieferte.

Die Stuttgarter Liederhalle, 1864. Quelle: Gustav Wais, gemeinfrei

Karl Pfaff waren die Motive der Gründer des Ur-„Liederkranz“ in seiner Geburtsstadt Stuttgart bekannt. So gründete er selbst 1826 den Eßlinger Liederkranz. Wesentlich für die Hervorhebung des egalisierenden Moments der Sängerbewegung in seiner Plochinger Rede dürfte über die eigene frühe Neigung zur Turnbewegung hinaus vor allem Nägelis Wertschätzung des Chorgesanges gewesen sein.

Dieser hatte bereits 1809 die These vertreten, dass erst dann das Zeitalter der Musik beginne, wenn „nicht blos Repräsentanten die höhere Kunst“ ausübten, sondern sie „zum Gemeingut des Volkes, der Nation, ja der ganzen europäischen Zeitgenossenschaft“ geworden sei, was nur durch „die Beförderung des Chorgesanges“ möglich werde. Nach Nägelis Auffassung war das „Kunstwesen der Musik“ „in der Ausübung seiner Natur nach demokratisch“. Hier offenbare sich „die Majestät des Volkes“, im Chorgesang von Amateuren finde man „die Volksmajestät versinnlicht“.

Teil II dieses Beitrags erscheint am 6. Januar und ist dann hier zu finden.

Zum Autor


Friedhelm Brusniak studierte in Frankfurt am Main Schulmusik, Geschichte und Musikwissenschaft. Nach Referendariat und 2. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien sowie Promotion war er als Musikwissenschaftler und Musikpädagoge an den Universitäten Augsburg und Erlangen-Nürnberg tätig, bevor er nach der Habilitation bis zur Pensionierung 2019 als Professor für Musikpädagogik an der Universität Würzburg lehrte. 1989 baute er in Feuchtwangen nach dem Vorbild des ehemaligen Deutschen Sängermuseums in Nürnberg (1925-1945) das „Sängermuseum“ in Feuchtwangen auf und ist seit 2018 wissenschaftlicher Leiter des An-Instituts „Forschungszentrum des Deutschen Chorwesens an der Universität Würzburg“. Darüber hinaus ist er Präsident des Fränkischen Sängerbundes und kooptiertes Mitglied im Präsidium des Deutschen Chorverbandes.

Artikel Drucken
Über uns 

0 Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.