Demokratiegeschichten

Sturmflut 1962 – Die Geburt eines Krisenmanagers


Liebe Leserinnen und Leser,
auch uns treibt die Corona-Krise um. Darum haben wir uns entschlossen, mit dem heutigen Beitrag eine neue Serie zu starten: „Mensch und Krise“. In dieser Serie werden wir auf verschiedene nationale und internationale Krisen und Katastrophen zurückschauen. Wie gingen Menschen und Staaten mit Krisen um? Wurden Rechtsgrenzen zum Wohle der Menschen überschritten? Wie benutzten Diktaturen Krisen als Propagandamittel und inwiefern wurden Gesetze in Folge von Krisen geändert bzw. neu eingeführt?
Was fällt Ihnen zu dem Thema ein? Schreiben Sie uns, teilen Sie mit uns Ihre Erfahrungen und Erinnerungen.

 

Mit 130 Stundenkilometern fegt in der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962 der Orkan „Vincinette“ über Norddeutschland hinweg. Er entwurzelt Bäume, zerstört Dächer und drängt das Wasser der Nordsee in die Deutsche Bucht und weiter in die Elbe. Die Menschen in Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen und Hamburg trifft die Sturmflut unvorbereitet. An hohe Wasserpegelstände sind sie gewöhnt, doch niemand rechnet mit dem Schlimmsten.

Die Flut im Norden

Schon am Abend des 16. Februar brechen an den Unterläufen von Elbe und Weser die ersten Deiche. Unverzüglich treten Krisenstäbe zusammen. Damit kann an der Nordseeküste sowie im Weser- und Emsgebiet eine Katastrophe durch rechtzeitigen Einsatz militärischer und ziviler Hilfsorganisationen vermieden werden. Hier sind bereits in den Abendstunden des 16. Februars Bundeswehr, US-Streitkräfte und die Britische Rheinarmee in die Katastrophenabwehr mit eingebunden. Mit ihrer Hilfe werden gefährdete Gebiete rasch evakuiert.  Dadurch bleibt es überwiegend bei Sachschäden. Und bereits in den Morgen- und Vormittagsstunden des 17. Februars, als der Rettungseinsatz in Hamburg erst beginnt, laufen die Aufräum- und Reparaturarbeiten bereits auf Hochtouren.

Die Flut in Hamburg

Um 22 Uhr bricht in Cuxhaven der erste Deich. Die Flutwelle bewegt sich elbaufwärts in Richtung Hamburg. Es zeichnet sich ab, dass eine Flutkatastrophe riesigen Ausmaßes die Hansestadt treffen wird. Die Pegel in St. Pauli steigen bis 2 Uhr morgens auf 5,70 Meter – so hoch wie nie zuvor.

Noch in der Nacht überflutet das Wasser fast alle Deiche und Dämme der Hansestadt. Bis zum frühen Morgen brechen sie an 60 Stellen. In zahlreiche Stadtteile ergießt sich das Wasser, reißt Autos, Zäune und selbst feste Häuser mit, zerstört Straßen und Gleise. Auch Hamburgs Innenstadt bleibt nicht verschont: Bis zum Rathaus dringt das Hochwasser vor, fließt in die Keller von Banken und Wirtshäusern und bricht in den Alten Elbtunnel ein. Viele Gebiete sind von der Außenwelt abgeschnitten, Strom und Telefon fallen aus, etwa 100.000 Hamburger sind von den Wassermassen eingeschlossen.

Wilhelmsburg unter Wasser

Schäden in der Fährstraße in Wilhelmsburg nach der Flut. Foto: Gerhard Pietsch / Wikipedia

Am schlimmsten trifft es die Elbinsel Wilhelmsburg mit ihren 80.000 Einwohnern. Dort ist der Deich nicht nur zu niedrig und zu steil, sondern auch aus minderwertigem Material erbaut. Schnell ist er ausgewaschen und bricht, in Flutwellen ergießen sich die Wassermassen in den Stadtteil. Wer nicht rechtzeitig wach ist, hat kaum eine Chance. Einige retten sich auf die Dächer ihrer Wohnhäuser, andere in Bäume und warten völlig durchnässt auf Hilfe. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt.

Krisenmanagement in Hamburg

In Hamburg erweist sich das Krisenmanagement als schwerer. Grund dafür sind unklare Entscheidungswege, konkurrierende Zuständigkeiten zwischen den einzelnen Behörden und das Fehlen praktikabler Katastrophenschutzpläne. In der Nacht leitet zunächst der Polizeidirektor Martin Leddin den Einsatzstab. Denn der damalige Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg befindet sich im Urlaub. Noch in der Nacht fordert das Hamburger Schutzpolizei-Kommando bei der Bundeswehr Hubschrauber für den Einsatz bei Tagesanbruch an.

Helmut Schmidt übernimmt das Kommando

Helmut Schmidt 1976. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048646-0033 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Als am Morgen des 17. Februar der Innensenator Helmut Schmidt sein Büro betritt, erkennt er die Brenzligkeit der Situation. Kurzerhand nimmt er das Ruder in die Hand und stellt sich an die Spitze der Rettungskräfte.  Wie schon der Bremer Innensenator und die Hamburger Schutzpolizei in der Nacht, fordert Schmidt ebenfalls und mit Nachdruck Hilfe durch die Bundeswehr und die NATO an. Seine guten Beziehungen in beide Stäbe spielen ihm dabei in die Hände. Kurzerhand koordiniert Helmut Schmidt die Hilfsaktionen. In Anbetracht des Notstandes versieht er sich mit weitreichenden Vollmachten. Dabei kommt ihm sein autoritäres Auftreten durch seine entschiedene, militärische Art zugute.

Rund 20.000 Hilfskräfte kämpfen in einem Wettlauf gegen die Zeit um das Leben der vom Wasser eingeschlossenen Menschen. Für einige kommt die Hilfe dennoch zu spät. 315 Menschen sterben, davon allein 207 in Wilhelmsburg.

Realität und Geschichtsdarstellung

An dieser Stelle wird die eine oder der andere die Stirn runzeln und sich fragen: War die Beteiligung der Bundeswehr an der Hilfsaktion 1962 nicht etwas Neues? Und verstieß Helmut Schmidt damals nicht sogar tollkühn gegen das Grundgesetz? In der Tat ist das die bekannte Geschichtsdarstellung. Sie wurde über viele Jahrzehnte tradiert. Jedoch stimmt sie nur begrenzt mit der Realität überein. Das belegte 2018 der Hamburger Historiker Helmut Stubbe da Luz. Er weist darauf hin, dass es bereits seit 1958 eine Dienstvorschrift des Verteidigungsministeriums gab, die bestimmte, wie die Bundeswehr bei Waldbränden oder Sturmfluten einzusetzen sei. Dadurch setzte sich Schmidt im Februar 1962 nicht über geltendes Recht hinweg. Schon seit Gründung der Bundeswehr war sie immer wieder im Innern eingesetzt worden – bei Überschwemmungen, bei Erntenotstand. Zudem war Schmidt nicht der Erste, der bei der Sturmflut die Bundeswehr und die Nato um Hilfe bat. Die Küsten und Bremen waren vor Hamburg überschwemmt worden und baten früher um Hilfe. Die bekamen sie auch.

Krisen gebären Helden – Der Held gegen den Sachzwang

Warum konnte sich der Mythos um Helmut Schmidts Verstoß gegen das Grundgesetz so lange halten? Weil auch in Demokratien der Wunsch nach charismatischen Führungsfiguren da ist. Nach einer identitätsstiftenden Figur in Krisen. Und das ist nicht beklagenswert, sondern durchaus sogar sinnvoll. Denn solche Helden-Figuren stehen für eine Gestaltungskraft, die sich auch einmal jenseits des bürokratischen Sachzwangs bewegen. Diese Rolle wird Helmut Schmidt 1962 zugeschrieben. Und über die Jahre wird er eins mit der Rolle, erfüllt sie, schmückt sie aus. Denn 1962 ist auch die Geburtsstunde des Krisenmanagers Schmidt. Im Terrorjahr 1977, Schmidt ist Bundeskanzler, wird die Flutretter-Geschichte wieder hervorgeholt. Als eine Art Generalprobe: Schmidt kann das. Denn nach der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch palästinensische Terroristen  1977, beweist Schmidt erneut Führungskraft. Das Flugzeug wird auf dem Flughafen von Mogadischu erfolgreich befreit.

Und zu guter Letzt …

sagt der Historiker Stubbe da Luz über Schmidts Einsatz 1962 in Hamburg:

„Die Katastrophe war ja nicht nach dem einen Tag vorbei. Helmut Schmidt hat entscheidend dazu beigetragen, das Chaos Stück für Stück in den Griff zu bekommen. Man darf nicht vergessen: Das war für die Stadt die größte Katastrophe seit dem Feuersturm von 1943. Mehr als 300 Tote! Da hat Schmidt einiges geleistet. Daran gilt es zu erinnern […].“

DIE ZEIT „Gehandelt haben andere“ Interview mit dem Historiker Helmut Stubbe da Luz, Ausgabe 30/2018.

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arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. Der Begriff SEITEN:BLICK steht für die Blicke, die wir links, rechts und hinter "die Dinge" werfen wollen.

1 Kommentar

  1. Liane

    25. März 2020 - 17:57
    Antworten

    Danke für den Artikel. Viele Betroffene sind Helmut Schmidt heute vor allem noch dankbar dafür, dass die Hilfe im Anschluss schnell und relativ unbürokratisch ablief und zum Beispiel Ersatzwohnungen zugeteilt wurden. Meine Eltern, Schwester und Großeltern haben Ihre Wohnungen und fast Ihre ganze Habe verloren. Meine mittlerweile verstorbene Tante hat ihre Geschichte dazu hier erzählt, allerdings ohne Schmidt zu erwähnen…:
    https://www.bergedorfer-zeitung.de/archiv/vier-und-marschlande/article112609138/Der-Weg-war-nur-an-den-Hecken-zu-erkennen.html

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