Demokratiegeschichten

Eine kurze Episode deutscher Demokratie – Kurt Eisner und die Münchener Räterepublik

Vor 100 Jahren, am 7. November 1918, rief Kurt Eisner in München den Freistaat Bayern aus. Über ein vergessenes Kapitel unserer Demokratiegeschichte

 

Gerade noch hatte er an seiner Rücktrittserklärung geschrieben, er, der 51-jährige Mann mit dem dichten, dunklen Bart und dem nachdenklichen Blick, der Mann, der in den letzten 100 Tagen zum Anführer und Symbol der Revolution geworden war. Nun lag er da, rücklings niedergeschossen, ermordet von einem völkisch-nationalistischen Studenten, auf dem Boden der Münchener Promenadestraße. Es war der kühle Wintermorgen des 21. Februars 1919, und wer da lag, war der Ministerpräsident des Freistaats Bayern Kurt Eisner.

Chaos breitete sich in der Stadt aus, überall wurde geschossen: Erst von den Leibwächtern auf den Attentäter, dann wenig später im Landtag von einem rachesuchenden Revolutionsanhänger auf den von ihm verantwortlich gemachten Innenminister. Tumult brach aus im Plenarsaal, im Gedränge wurde auf einen weiteren Abgeordneten geschossen; die parlamentarische Demokratie, wie sie gerade erst aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs und der autoritären Monarchie gehoben wurde, nahm ihr vorläufiges Ende in Chaos und Panik. Die Macht lag wieder auf der Straße.

Knapp 100 Tage zuvor hatte der nunmehr tote Kurt Eisner sich an die Spitze dieses großen revolutionären Experiments gestellt: am 07. November 1918, heute vor genau 100 Jahren. Wer war dieser Mann, was war da geschehen?

 

Kurt Eisner an der Spitze des revolutionären Experimentes

Mehr als angespannt war die Stimmung im November 1918. Die Strapazen und Entbehrungen des Krieges hatten die Bevölkerung schon über Jahre geplagt. Soldaten waren massenhaft dem Schlachtfeld zum Opfer gefallen, Lebensmittelknappheit hatte die Menschen wieder und wieder an die Grenze des Ertragbaren getrieben. Kurzum: die Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit des Krieges hatte sich den Menschen ins Mark geschrieben, als sich am Abend des 7. November 1918 ein Demonstrationszug von der Münchener Theresienwiese in Richtung Kasernen in Gang setzte. Zuvor hatten sich rund 60.000 Menschen zu einer parteiübergreifenden Friedenskundgebung zusammengefunden – die Kriegsmüdigkeit hatte die Massen auf die Straßen gedrängt.

Obwohl der Krieg schon sicher verloren war, standen die deutschen Soldaten noch immer im Feld. In dieser Situation kam es zur Revolution gegen das alte Regime und den Bayrischen König Ludwig III. Zentraler Protagonist der Erhebung in München war eben jener Kurt Eisner.

 

Eisner begeistert die Massen – und ruft den Freistaat Bayern aus

Eisner konnte die Menschen in dieser schweren Stunde begeistern. Er bewegte sie dazu, an den Umständen etwas zu ändern und die Lage ich die Hand zu nehmen. Er zog mit dem Protestzug quer durch die Stadt, über Stunden war die Stadt von einer ungeheuren Anspannung ergriffen. Als ihnen auf ihrem Marsch in den Schaltstellen der Macht, in den Kasernen und Regierungsbehörden, kaum Widerstand entgegengesetzt wurde, hatten Eisner und seine Leute das Blatt in der Hand. Sogar der bayrische König Ludwig III. sah sich veranlasst zu fliehen, der bis zuletzt noch an seiner Herrschaft festklammerte. Das war die Stunde der Revolution, und das war die Stunde Kurt Eisners. Er rief noch in derselben Nacht im Festsaal des Mathäserbräu den Freistaat Bayern aus. Im Gedächtnis blieben die feierlichen Worte Eisners:

„Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!“

 

Was bedeutete das – Freistaat?

Das Volk, oder zumindest ein beachtlicher Teil, hatte gezeigt, dass es sich nicht länger der willkürlichen Staatsmacht des Monarchen beugen wollte, während die Bevölkerung im Krieg dahinsiechte. Die Aussage war klar: Ein Freistaat – so das deutsche Pendant zu „Republik“ – sollte Bayern fortan sein, unabhängig und souverän, eine Regierung vom Volk für das Volk. Das war in der Tat revolutionär auf dem Boden des Deutschen Kaiserreiches und wäre nicht möglich gewesen ohne das gewagte Engagement von Menschen wie Kurt Eisner.

 

Wer war dieser Eisner? Und wie konnte er das erreichen, was er erreichte?

1867 nicht etwa in Bayern, sondern in Berlin geboren, als Sohn eines jüdischen Fabrikanten, ging Eisner zuerst nach Marburg, dann nach Nürnberg, bevor es ihn nach München verschlug. 1898 in die SPD eingetreten, wurde er kurz darauf Redakteur bei der Parteizeitschrift Vorwärts. Später war er bei anderen Zeitschriften und als freier Autor tätig.

Als sich im vorletzten Kriegsjahr 1917 der Antikriegsflügel von der SPD abspaltete, war Eisner maßgeblich am Aufbau der Ortsgruppe in München beteiligt. Es war dieses politisch hochengagierte Leben, das Eisner schließlich zum Anführer der Revolution werden ließ, zusammen mit sehr vielen günstigen Umständen. Als die Revolution gemacht und das alte System abgelöst war, hätte man denken können, Eisner sei an seinem Ziel angelangt. Doch die Revolution war für ihn kein Selbstzweck, sein Herz schlug für mehr als das:

 

„Die Revolution ist nicht die Demokratie. Sie schafft erst die Demokratie.“

Diese Demokratie weiter aufzubauen, gelang Eisner nicht mehr. Sein Leben endete im Februar 1919 auf den Pflastern der Promenadestraße. Seine Übergangsregierung vermochte zwar Maßgebliches umzusetzen, wie den Achtstundentag für Arbeiter oder das Frauenwahlrecht. Doch was Kurt Eisner für mich zu einer bewunderungswürdige Person macht, ist der Geist, mit dem er in unbeschreiblich harten Zeiten gegen den Krieg und für die Demokratie stritt. Dieser unverbrüchliche und visionäre Wille zur Demokratie, zu einer gerechteren und freieren Ordnung, ist es, den wir heute – in vermeintlich demokratiegesättigten Zeiten – am nötigsten haben. Allein Institutionen und Gesetze lassen mich keinen Glauben an den langfristigen Fortbestand der Demokratie schöpfen. Es sind Menschen wie Kurt Eisner als Vorbild rückhaltloser politischer Partizipation, mit denen das demokratische Wagnis steht und fällt.

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3 Kommentare

  1. Daniela

    7. November 2018 - 21:37
    Antworten

    Lieber Leonard, schöner Artikel. Jetzt weiß ich endlich, warum es „Freistaat“ Bayern heißt 🙂 Ganz unten ein Tippfehler „Sein Leben endete im Februar 1918 auf den Pflastern der Promenadestraße.“ 1919!! LG Daniela

    • SEITEN:BLICK

      8. November 2018 - 11:19
      Antworten

      Danke für Dein aufmerksames Lesen, liebe Daniela. Der Fehler wurde korrigiert.

    • Leonard J.

      9. November 2018 - 13:02
      Antworten

      Freut mich, dass Dir der Artikel gefallen hat. Danke für den Hinweis!

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