Demokratiegeschichten

Freistaat Flaschenhals

Der „Freistaat Flaschenhals“ – noch nie gehört?

Dann kommt ihr vermutlich nicht aus der Gegend von Lorch im Rheingau. Dort wurde am 10. Januar 1919 aufgrund eines Planungsfehlers quasi aus Versehen ein Staat gegründet. Und das kam so:

Zwei Kreise und keine Überschneidung

Die Geschichte beginnt mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Also am Ende des Ersten Weltkriegs.

Die alliierten Armeen besetzen verschiedene deutsche Gebiete, um eine erneute Aufrüstung zu verhindern. Östlich des Rheins richteten die Siegermächte halbkreisförmige Brückenköpfe bei Köln, Koblenz und Mainz mit einem Radius von 30 km ein. Die USA saßen in Koblenz, die Franzosen in Mainz. Zusätzlich gab es noch Besatzungszonen.

Karte des „Freistaat Flaschenhals“, Bild: Wikimedia.

Die Brückenköpfe berührten sich bei Laufenselden im Taunus. Wie man auf der Karte sehen kann, hinterlassen Kreise, die sich berühren , statt zu überlappen, einen freien Raum zwischen sich. Somit entstand ein unbesetztes Gebiet in Form eines Flaschenhalses. Eben der von den Bewohner:innen ironisch so getaufte „Freistaat Flaschenhals“.

Ein Staat ohne Rechte

Im Gegensatz zu anderen Staaten war der Flaschenhals kein völkerrechtlich anerkannter Staat. Vielmehr hatte dieser Staat „aus Versehen“ während seines Bestehens mit Existenzproblemen zu kämpfen.

Denn das Gebiet war vom Rest Deutschlands, von der neu gegründeten Weimarer Republik, abgeschnitten. Circa 8.000 Einwohner:innen lebten in den Städten Lorch und Kaub sowie in den Gemeinden Lorchhausen, Sauerthal, Ransel, Wollmerschied, Welterod, Zorn, Strüth und Egenroth. Insbesondere ihre Versorgung war schwierig, die Orte waren über das Straßennetz kaum erreichbar. Alle Straßen, die in den Flaschenhals hineinführten, waren an den Grenzen blockiert. Nur mit einem speziellen Pass konnte man sie passieren. Auch Züge fuhren zwar durch das Gebiet hindurch, aber hielten nicht länger an den Bahnhöfen. Selbst zwischen den einzelnen Orten gab es mitunter keine nutzbare Straßenverbindung.

Durch die fehlende Anbindung kam auch der Austausch von Waren, Gütern, Geld und Informationen zum Erliegen. Folglich hielten sich die Flaschenhals-Bewohner:innen mit Schmuggel über Wasser. Insbesondere Lebensmittel wurden illegal über die Grenzen geschleust. Profit machten tatsächlich einige Winzer im Flaschenhals-Gebiet. Denn da die Besatzungstruppen im Rheingau häufig den Bestand der dortigen Weingüter beschlagnahmten, lagerten diese ihre Weine im unbesetzten Flaschenhals ein. Noch heute sind diese Jahrgänge bei Auktionen beliebt.

Selbstverwaltung

Pro forma lag die Verwaltung des Gebietes beim Landrat des Kreises Limburg, der nächstgelegenen nicht besetzen Kreis- und Gerichtsstadt. Da diese jedoch von den Flaschenhals-Orten kaum erreichbar war, ernannte man bald den Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck zum Vertreter des Landrats. Er war damit quasi das politische Oberhaupt des Flaschenhalses.

Pnischeck führte unter anderem ein Notgeld ein, also eine eigene Währung im Flaschenstaat. Darauf ließen sich Sprüche lesen wie:

„Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals“

„In Lorch am Rhein, da klingt der Becher, denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher“

„Hätt Adam Lorcher Wein bessesen, hätt er den Apfel nicht gegessen, es hätte dieser Rebensaft gen Evas List ihn taub gemacht“

Neben der Einführung der Notwährung ließ Pnischeck eine provisorische, teils nur mit Holzknüppeln befestigte Straße nach Limburg bauen und – mit Hilfe des dortigen Telegrafenamtes – eine Telegrafenleitung errichten. Bald schon konnte eine offizielle Postverbindung nach Limburg per Pferdefuhrwerk eingerichtet werden. Zuvor war die Post wie Lebensmittel hauptsächlich durch Schmuggel in das Gebiet gelangt.

Das Ende des Flaschenhalses

Trotz der schwierigen Versorgungslage wehrte sich die Flaschenhals-Bevölkerung gegen eine Besetzung des Gebietes. Man wollte lieber freies Land bleiben und nahm dafür einige Unsicherheiten in Kauf.

Insbesondere der französischen Besatzungsmacht blieb der Freistaat jedoch ein Dorn im Auge. Der Schmuggel zwischen dem Flaschenhals und den besetzten Gebieten ließ sich nicht verhindern. Außerdem diente der Flaschenhals geflüchteten Kriegsgefangenen wiederholt als Fluchtweg ins unbesetzte Gebiet der Weimarer Republik.

Schließlich hörte der Freistaat Flaschenhals am 25. Februar 1923 auf zu existieren. Wenige Tage nach der Ruhrbesetzung besetzen französische Hilfstruppen auch Ortschaften des Flaschenhalses. Bürgermeister Pischneck wurde wegen diverser Vergehen, u.a. der Nichteinhaltung der Reparationszahlungen, zu einer Haftstrafe verurteilt. Ebenso der Limburger Bürgermeister Marcus Krüsmann.

Besetzung des Marktplatzes von Lorch durch marokkanische Hilfstruppen der Franzosen am Sonntag dem 25. 02. 1923. Foto: Wikimedia.

Den Einwohnern des Flaschenhalses blieb nur der passive Widerstand gegen die französische Besetzung. Bis zum November 1924 verweigerten sie die Kooperation. Dann zogen die französischen Truppen wieder ab – nach der Londoner Konferenz wurde die rechtsrheinische Besatzung beendet.

Und heute?

Den Freistaat Flaschenhals hat es völkerrechtlich nie gegeben. Trotzdem ist er in der Erinnerung der Gegend weiter präsent. Auch aus Tourismusgründen verweisen an verschiedenen Orten Schilder auf das Bestehen des ehemaligen Freistaats. Auf Weinen der Umgebung findet sich weiterhin das „Flaschenhals“-Etikett. Reisepässe können ebenfalls erworben werden – geschmuggelt werden muss heute zum Glück nichts mehr.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

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