Demokratiegeschichten

Olympia – Sport ist politisch

Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda ist an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen untersagt.

Regel 50 der Olympischen Charta.

Neutralität, Universalität, Einheit und den Fokus auf die Leistung der Athlet*innen. All dies soll die Regel 50 der Olympischen Charta sicherstellen.

Doch in den letzten Jahren mehrt sich zunehmend Kritik. Denn viele Athlet*innen nutzen ihr jeweiliges Spielfeld, um für Menschenrechte und Gleichheit sowie gegen Diskriminierung und Rassismus zu protestieren. (Zuletzt gesehen – oder versucht – bei der Fußball-EM.) Dies nicht tun zu dürfen, so meinen einige, sei eine Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Zuletzt beauftragte das International Olympic Comittee (IOC) eine Kommission damit, Empfehlungen zum Umgang mit Regel 50 zusammenfassen. Diese beruhten auch auf der Rückmeldung von Sportler*innen – von denen sich eine Mehrheit für Neutralität auf dem Spielfeld aussprach.

Inwiefern diese Empfehlungen bei den Spielen in Tokyo umgesetzt werden, können wir ab morgen live verfolgen. Bevor die Spiele beginnen, will ich jedoch die Gelegenheit nutzen, um an einen – vielleicht den wichtigsten Sportmoment des letzten Jahrhunderts zu erinnern. Er ereignete sich bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko.

Die Faust gegen Rassendiskriminierung

Die amerikanischen Sprinter Tommie Smith (Mitte) und John Carlos recken bei der Siegerzeremonie für den 200m-Lauf in Mexiko 1968 die Fäuste nach oben. Auf Rang 2 steht der Australier Peter Norman. Foto:
Angelo Cozzi (Mondadori Publishers); Wikimedia.

Fäuste nach oben gestreckt, Kopf gesenkt. Ohne Schuhe, nur mit schwarzen Socken, jeweils eine Hand im schwarzen Handschuh. Es ist das vermutlich bekannteste Foto eines politischen Protests von Sportler*innen.

Bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs der Männer bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko sorgten der Erst- und der Drittplatzierte, Tomie Smith und John Carlos, so für Aufsehen. Die beiden US-Amerikaner protestieren mit dieser Geste gegen die Rassendiskriminierung in den USA. Nur in schwarzen Socken liefen sie, um auf die Armut der schwarzen US-Amerikaner*innen aufmerksam zu machen. Die erhobene Faust war ein Gruß, der in der Black Power Bewegung populär war.

Alle drei Athleten auf dem Siegerpodest, also auch der Australier Peter Norman, trugen Abzeichen der Olympic Project for Human Rights (OPHR). Das Olympische Projekt für Menschenrechte war eine 1967 gegründete US-amerikanische Organisation, die sich gegen Rassentrennung einsetzte. Die drei Läufer hatten sich vor der Siegerehrung gemeinsam zum Tragen des Zeichens entschlossen. Denn auch Normann, der die White Australia Policy ablehnte, sympathisierte mit der Organisation.

Von Norman stammte zudem der Vorschlag, Carlos solle Smiths linken Handschuh tragen. Eigentlich hatten beide US-Athleten vorgehabt, schwarze Handschuhe mitzubringen. Doch die olympische Atmosphäre sorgte wohl dafür, dass Carlos sein Paar vergaß. So kam es dann zu dem unüblichen Gruß mit der linken Faust.

Ausgebuht und ausgeschlossen

Als die Sportler das Siegerpodest verließen, wurden sie ausgebuht. Doch weder die Reaktion der Zuschauer*innen noch das IOC konnten verhindern, dass das Foto der Siegerehrung am nächsten Tag weltweit auf Seite 1 der Zeitungen zu sehen war.

Folgen hatte die Geste für die Sportler aber dennoch. Smith und Carlos wurden supendiert und mussten Mexiko verlassen. Nach ihrem Protest wurden sie auch von zukünftigen Spielen ausgeschlossen. Dennoch blieben beide im Sport tätig, Smith in der NFL, Carlos in der Canadian Football League. Erst Jahre später erhielten sie Auszeichnungen für ihren Mut, so etwa 2008 den Arthur Ashe Courage Award. Dieser Preis wird an Menschen verliehen, die ihre Überzeugungen gegen Widerstand und trotz zu erwartender Sanktionen vertreten.

Denkmal auf dem Campus der San Jose State University. Normans Platz wurde seinem Wunsch gemäß freigelassen, um Besucher*innen zu ermutigen, es ihm nachzutuen und Protest zu teilen. Foto: Cedar777/Wikimedia, CC BY-SA 4.0.

Norman konnte in Mexiko bleiben, wurde jedoch von Sportverbänden und konservativen Medien seiner Heimat stark kritisiert. 1972 schickte ihn Australien nicht zu den Olympischen Spielen, obwohl er die Qualifikationzeit mehrfach unterboten hatte. Ob das mit seinem Protest von 1968 zusammenhing, ist weiterhin ungeklärt. Als die Olympischen Spiele 2000 in Sydney stattfanden, erhielt Norman keine Einladung für die Feierlichkeiten, obwohl er das australische olympische Team zuvor in Melbourne vorstellte. Letztlich lud ihn das Team der Vereinigten Staaten zu den Eröffnungsfeierlichkeiten ein, nachdem die Einladung von australischer Seite bis zum Schluss ausgeblieben war.

Als Norman 2006 starb, waren Smith und Carlos unter den Beerdigungs-Gästen und gehörten sogar zu Normans Sargträgern. Große Gesten, so scheint es, gehen eben über den Sport hinaus – ins Politische wie ins Private.

Artikel Drucken
Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

1 Kommentar

  1. Jörn

    25. Juli 2021 - 23:46
    Antworten

    “Ein Gesetz oder eine Regelung bleiben so lange aktuell, so lange sich die Rahmenbedingungen, unter denen sie entstanden sind, immer noch existieren.”
    Wenn sich jedoch die gesellschaftlichen Verhältnisse so verändern, verschlechtern, wie wir es feststellen mussten, dann haben meines Erachtens die sich hieraus ergebenden Bedürfnisse einen wesentlich höheren, weil aktuelleren, Stellenwert.
    Die Aufgabe des Künstlers ist es, gerade auch den Verfall und die Dekadenz in der Gesellschaft zu verdeutlichen. Einem Sportler steht dieses Recht auch uneingeschränkt zu, es ist am Ende sogar unser aller Pflicht, ansonsten ist die Weiterentwicklung der Gesellschaft gebremst und in Gefahr.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.