Demokratiegeschichten

09.01.1890: Kurt Tucholsky

Was darf Satire?

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel. (…)
Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Ignaz Worbel, Berliner Tageblatt, 27.01.1919, Nr. 36.

Was darf Satire? Diese Frage stellt sich Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym „Ignaz Worbel“ im Januar 1919.

Noch hundert Jahre nach ihrem Erscheinen wirken viele seiner Texte, als wären sie soeben in der Zeitung erschienen. Oder auf diversen Social-Media-Kanälen. Denn hätte es dieses Medium vor 100 Jahren gegeben, Tucholsky hätte es bestimmt genutzt. 3.000 Artikel in 25 Jahren Schaffenszeit, über 1.600 davon in der Weltbühne – es gab wohl kaum ein politisches Thema der Zeit, zu dem sich Tucholsky nicht äußerte.

Junge Jahre

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Kurt Tucholsky (re.) mit seinen Geschwistern Ellen und Fritz; Foto: gemeinfrei.

Am 9. Januar 1890 wurde Kurt Tucholsky als Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Mit 19 Jahren begann er sein Jurastudium, zunächst in Berlin, dann in Genf, schließlich wieder in Berlin. Bereits 1911 schrieb er Beiträge für den Vorwärtsdie Parteizeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Nur drei Jahre später führte er die Pseudonyme „Peter Panter“, „Theobald Tiger“ und „Ignaz Wrobel“ ein. Da schrieb Tucholsky bereits so viele Artikel zu unterschiedlichen Themen, dass diese nötig waren, um mehr Namen in den Zeitschriften zu drucken.

1915 schloss Tucholsky sein Jurastudium ab. Nun hätte es mit seiner journalistischen Karriere richtig losgehen können – wäre nicht der Erste Weltkrieg gewesen. Wie viele andere junge Männer seiner Generation musste Tucholsky in den Krieg ziehen. Zwei Jahre lang publizierte er fast keinen Artikel, bis er im November 1916 begann, die Feldzeitung Der Flieger herauszugeben. Für Tucholsky war dies auch eine Möglichkeit, den Dienst im Schützengraben zu umgehen.

Aus dem Krieg kehrte Tucholsky als überzeugter Antimilitarist und Pazifist zurück. Nach Kriegsende war er Mitbegründer des Friedensbundes der Kriegsteilnehmer, der unter der Parole „Nie wieder Krieg“ alljährlich am Tage des Kriegsausbruchs Massenversammlungen organisierte. Wiederholt erinnerte Tucholsky an die Schrecken des Krieges und machte seine Meinung mehr als deutlich. In der Wochenzeitung Das Andere Deutschland schrieb er im August 1925:

Wer im Kriege getötet wurde, ist nicht zu feiern, sondern aufs tiefste zu bedauern, weil er für einen Dreck gefallen ist. 

Kritiker und Verteidiger der Weimarer Republik

Umschlag der Weltbühne vom 12. März 1929
Die Weltbühne, Ausgabe vom März 1929, Foto: gemeinfrei.

Kurt Tucholsky war ein erklärter Gegners des Krieges, des Militarismus, des Nationalismus und des „Offiziersgeist“. Ebenso wenig hielt er von der Monarchie und von ihrem Geist, der sich an vielen Stellen der Weimarer Republik fand. Als Freund der Arbeiter und des Proletariats bewegte sich Tucholsky politisch zwischen SPD und USPD. Doch das hielt ihn nicht davon ab, Kritik an der neuen Regierung und Politik zu üben. Ganz im Gegenteil: Manche würden sagen – und haben gesagt – Tucholsky sei mit der Weimarer Demokratie zu hart ins Gericht gegangen.

Unter anderem störte ihn, wie wenig sich die Regierung gegen Angriffe wehrte. So verfasste er nach der Ermordung Walter Rathenaus folgendes Gedicht in der Weltbühne:

Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein!
Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein!
Heraus mit deinem Monarchistenrichter,
mit Offizieren – und mit dem Gelichter,
das von dir lebt und das dich sabotiert
an deine Häuser Hakenkreuze schmiert.

(…)

Vier Jahre Mord – das sind, weiß Gott, genug
Du stehst jetzt vor dem letzten Atemzug.
Zeig, was du bist. Halt mit dir selbst Gericht.
Stirb oder kämpfe. Drittes gibt es nicht.

Die Weltbühne. 29. Juni 1922.

Doch gilt wohl für Tucholsky, was er selbst über den Satiriker schrieb: Er war ein gekränkter Idealist, der die Welt gut haben wollte und gegen das Schlechte anrannte. Das ständige Anrennen machte auch Tucholsky irgendwann müde: Ab 1922 litt er an einer starken Depression. Seine schriftstellerische Arbeit musste er zunächst für zwei Jahre aufgeben.

Leben in Frankreich

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Kurt Tucholsky 1928 in Paris; Foto: Sonja Thomassen.

Nachdem er zwei Jahre in der Wirtschaft gearbeitete hatte, ging Tucholsky 1924 nach Frankreich. In Paris nahm er seine schriftstellerische Tätigkeit wieder auf und wurde Auslandskorrespondent für die Weltbühne und die Vossische Zeitung. Von nun an pendelt er zwischen Deutschland und Frankreich hin und her. So versuchte er u.a., zur Versöhnung der beiden Länder beizutragen.

Gleichzeitig blieb er ein wacher Beobachter und scharfer Kritiker der (politischen) Verhältnisse in Deutschland. 1929 veröffentlichte er die Erzählung und Textsammlung „Deutschland, Deutschland über alles“. In den knapp hundert Foto-Textmontagen setzte sich Tucholsky mit
Die Mehrzahl der knapp hundert Foto-Textmontagen setzt sich mit den Auswüchsen einer Klassengesellschaft auseinander, die zu immer stärker werdenden sozialen Gegensätzen geführt hatte. Zudem kritisierte er Militarismus und Nationalismus, die nach wie vor in der Gesellschaft präsent waren. Als weiteren Kritikpunkt sprach er die Mängel der deutschen Demokratie an, die trotz Revolution und demokratischen Institutionen fest in der Monarchie verwurzelt blieb.

Prozess gegen die Weltbühne und Ossietzky

Gegen Kurt Tucholskys Freund Carl von Ossietzky, der seit 1926 die Weltbühne leitete, fanden Anfang der 1930er-Jahre mehrere Gerichtsverfahren statt. Zum einen hatte die Weltbühne einen Artikel über die illegale Aufrüstung der deutschen Reichswehr veröffentlicht. Ossietzky wurde zu 18 Monaten Haft wegen Spionage verurteilt.

Zudem lief ein weiteres Verfahren gegen Ossietzky. Er war zudem wegen des von Tucholsky geäußerten Satzes „Soldaten sind Mörder“ angeklagt. Tucholsky selbst war nicht angeklagt, da er zu dieser Zeit in Schweden lebte. Zwar überlegte er, zu dem Prozess nach Deutschland zurückzukehren, doch entschied sich letztlich dagegen. Er fürchtete, bei seiner Rückkehr von den Nationalsozialisten aufgegriffen zu werden. Trotz dieser – berechtigten – Sorge um seine Sicherheit bereute Tucholsky die Entscheidung im Nachhinein.

Das Ende der Republik und die Bücherverbrennung

Verschiedene Schicksalsschläge und die Einschränkung seiner Publikationsfähigkeit durch die Prozesse führten dazu, dass Tucholsky ab 1931 kaum noch veröffentlichte. Die politische Entwicklung in Deutschland ließ ihn zunehmend resignieren. Auch seine Gesundheit litt zusehends, er unterzog sich mehreren Kuren und Operationen.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, war die Weltbühne eine der ersten Zeitungen, die verboten wurde. Tucholsky selbst wurde ausgebürgert. Im Gegensatz zu anderen Exilant:innen ging Ossietzky nicht von einem raschen Ende des Hitler-Regimes aus.

Bei der Bücherverbrennung im Mai 1933 verbrannten die Nationalsozialisten auch Tucholskys Werke. Gemeinsam mit denen Ossietzkys:

„Gegen Frechheit und Anmaßung, Für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!“

Eine öffentliche Reaktion Tucholskys auf die Verbrennung seiner Werke blieb aus. In einem Brief an seine Ex-Frau erklärte er sich:

Es ist nicht Feigheit – was dazu schon gehört, in diesen Käseblättern zu schreiben! Aber ich bin au-dessus de la mêlée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig.

Letzte Aktivität und Tod

Als letzte politische Aktivität – wenn man sie so bezeichnen kann – setzte sich Tucholsky für seinen weiter und wieder Inhaftierten Freund Ossietzky ein. Dieser saß seit Februar 1933 in sogenannter Schutzhaft, eingesperrt war er im KZ Esterwegen. Tucholsky setzte sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises für Ossietzky ein. Dieser erhielt ihn 1936 tatsächlich rückwirkend für das Jahr 1935.

Die Verleihung erlebte Tucholsky nicht mehr. Am 21. Dezember 1935 starb der Schriftsteller und Publizist an einer Überdosis Schlaftabletten.

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Kurt Tucholskys Grab in Mariefred (Schweden), Foto: Clemensfranz/CC BY 3.0 DEED.

Eine Antwort bin ich nun aber noch schuldig: Was darf Satire?

Tucholskys Antwort darauf: Alles.

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Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

2 Kommentare

  1. ewez

    10. Januar 2024 - 15:49
    Antworten

    Gut geschriebene Zusammenfassung. Chapeau!

    • Annalena B.

      11. Januar 2024 - 9:09
      Antworten

      Vielen Dank!

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