Demokratiegeschichten

23.01.1832: Das Schülerfest – Bankett für die Pressefreiheit

Stellt euch vor, es ist das Jahr 1832. Ihr lebt in Bayern und wollt eine politische Versammlung halten. Themen könnten sein: Pressefreiheit, Zollunion und politische Reformen. Doch leider dürfen zu politischen Versammlungen nur maximal 20 Leute erscheinen. Ihr aber plant eine Veranstaltung mit mehreren hundert Gästen. Nun müsst ihr einen Weg finden, um das Verbot zu umgehen.

Vor diesem Problem sahen sich während der Zeit des Vormärz viele Liberale und Demokrat*innen. Neben dem Verbot von politischen Versammlungen mit mehr als 20 Leuten gab es weitere Maßnahmen zur Unterdrückung der Opposition, wie etwa die Zensur. Austausch und Verbreitung von Ideen wurden so deutlich erschwert. Doch die Oppositionellen wussten das Verbot zu umgehen. Dafür bedienten sie sich einem Veranstaltungsformat, das 1830 auf Frankreich herübergekommen war: Dem politischen Festessen.

Vorgeschichte des Festessens

Portrait von Friedrich Schüler, circa 1840

Eines der bekanntesten politischen Festessen trug nach Friedrich Schüler den Namen „Schülerfest“. Schüler war für den Rheinkreis Abgeordneter der bayrischen Zweiten Kammer und führte dort die Radikalliberalen. Unter anderem setzte er sich für eine Zollunion von Baden und Bayern und wendete sich gegen den absolutistischen Regierungsstil. Mithilfe der liberalen Fraktion setzte er u.a. den bayrischen Innenminister ab, der eine Verschärfung der Pressezensur durchsetzen wollte.

Die Pressefreiheit in der Rheinpfalz, damals Teil von Bayern, ging zurück auf die Französische Revolution und Napoleon. Daneben hatten trotz der Fremdherrschaft und Zeit der Reaktion das Appellationsgericht und der Code Civil Bestand. Diesem liberaleren französischen Recht war zu verdanken, dass die Rheinpfalz neben Baden das einzige Gebiet war, in dem Pressefreiheit herrschte. Und dass daher viele liberale Journalist*innen und Oppositionelle anzog.

Während seiner Zeit in München stellte Schüler Kontakt zur liberalen Presse her, unter ihnen der Journalist Johann Georg August Wirth. Wirth, damals Herausgeber der Zeitschrift „Deutsche Tribüne“ im Homburg, umging in dieser geschickt die Zensur und forderte wiederholt die Pressefreiheit ein.

„Die freie Presse ist die Schutzwehr der Völker gegen die Tyrannei der Machthaber.“

Johann Georg August Wirth in der Deutschen Tribüne
Denkmal „Deutsche Tribüne II“ für Johann Georg August Wirth geschaffen von Bildhauer Andreas Theurer vor der Freiheitshalle in Hof an der Saale; Foto: Hans-Peter Schwarzenbach

Ende 1831 brachte Wirth erstmals die Idee eines Pressevereins ins Spiel und verfasste ein Programm für den „Preß-Verein“. Hier schließt sich der Bogen zum Schülerfest.

Das Schülerfest

Zu dem Festessen am 29. Januar 1832 in Zweibrücken kamen ungefähr 350 Gäste. Viele von ihnen waren Anhänger des Abgeordneten Friedrich Schüler und seiner Politik. Ihm zu Ehren wurde das Festessen gehalten. Begrüßt wurde Schüler mit 102 Mörserschüssen. Üblich waren damals zur Begrüßung von Monarchen 101 Schüsse – ein Schuss mehr symbolisierte die Überlegenheit des Volksvertreters.

Datei:ADL Hambacher Tuch Philipp Jakob Siebenpfeiffer.jpg
Abbildung Siebenpfeiffers auf dem Hambachertuch; Quelle: Archiv des Liberalismus, Olaf Kosinsky.

Nicht nur Anhänger Schülers, sondern bedeutende Liberale und Oppositionelle der damaligen Zeit waren zu Gast. Unter ihnen der bereits vorgestellte Johann Wirt, daneben der Journalist Philipp Jakob Siebenpfeiffer, sowie die Anwälte Joseph Savoye und Ferdinand Geib.

Sie hörten zu, wie Schüler auf dem Bankett zu seinen Ehren eine Rede hielt. In dieser drückte er seine Überzeugung aus, dass die freie Presse das wichtigste Instrument sei, um eine durchgreifende politische Reform zu erreichen. Ob dies mit oder ohne die Fürsten geschehe, sei nicht von Belang.

Damit wurde ein gewisser Automatismus unterstellt: Freie Presse führe zu demokratisch gesinnter öffentlicher Meinung, danach erzwinge die demokratische Gesinnung des Volkes Reformen. Eine gewisse Resignation gegenüber den geringen Kompetenzen des Landtags hat wahrscheinlich in Schülers Rede mitgeschwungen. Noch am selben Tag wurde der Deutsche Vaterlandsverein zur Unterstützung der Freien Presse, kurz Deutscher Preß- und Vaterlandsverein, gegründet. Im Vorstand des Vereins saßen Schüler, Geib und Savoye, die „Deutsche Tribüne“ wurde das wichtigste Sprachrohr des Vereins.

Der Preß-Verein und weitere Folgen des Schülerfests

In der Flugschrift „Deutschlands Pflichten“ , die zur Werbung für den „Preß-Verein“ angeblich in 50.000 Exemplaren verbreitet wurde, formulierte Wirth außen- und innenpolitische Ziele. Ziel des Vereins war die Unterstützung der freien Presse durch die Erlangung der Pressefreiheit sowie die Vereinigung aller Staaten des deutschen Sprachraums. Die Mitglieder strebten „die Wiedergeburt Deutschlands in einem freiheitlichen Europa“ an. Von  zeitgeschichtlichen Historikern wird der Deutsche Preß- und Vaterlandsverein daher als eine Vorform einer politischen Partei gesehen.

Der Verein breitete sich mit lokalen Filialen rasch über das Gebiet der Pfalz bis nach Mitteldeutschland hin aus. In Bayern fiel er zwar unter ein am 1. März 1832 ergangenes allgemeines Vereinsverbot, seine Arbeit wurde aber dadurch nicht behindert. Am 2. März verbot der Bundestag in Frankfurt die „Deutsche Tribüne“ Wirths und die Tageszeitung „Der Bote aus dem Westen“, die Siebenpfeiffer gleichfalls in der Rheinpfalz herausgab. Beide Redakteure erhielten ein fünfjähriges Berufsverbot.

File:Hambacher Fest 1832.jpg
Zug zum Hambacher Fest. – Teilkolorierte Federzeichnung von 1832; Zeichnung: Erhard Joseph Brenzinger.

Als im April in verschiedenen Zeitungen der Rheinpfalz für den 26. Mai 1832 zu einem staatsfreundlichen Konstitutionsfest auf dem Hambacher Schloß eingeladen wurde, erließ Siebenpfeiffer eine Gegeneinladung zu einem „großen Bürgerverein“ am selben Ort am folgenden Tag. Es sollte ein Fest zur Abschüttelung „innerer und äußerer Gewalt, für Erstrebung gesetzlicher Freiheit und deutscher Nationalwürde“ werden. Die Einladung richtete sich zudem an alle Deutschen, ausdrücklich auch an die Frauen. Als Hambacher Fest ging diese Massendemonstration mit über 20.000 Teilnehmenden in die deutsche Demokratiegeschichte ein. Auch die Idee hierzu war auf einem politischen Festessen entwickelt worden – dem zweiten Schülerfest am 6. Mai 1832.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin im Bereich Demokratiegeschichte.

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