Demokratiegeschichten

Die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 1988

Die Entstehung und Bedeutung der Demonstration

Die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration ist eine politische Gedenkveranstaltung zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die am 15. Januar 1919 ermordet wurden. Ihren Ursprung hat sie in der Weimarer Republik, wo sie von 1919 bis 1933 jährlich um den 15. Januar stattfand. Nach dem Tod Lenins im Jahr 1924 wurde auch er in das Gedenken einbezogen, sodass die Veranstaltung zeitweise als Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Demonstration bezeichnet wurde.

Das Revolutionsdenkmal auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde um 1926; Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H29710 / CC-BY-SA 3.0

Während des Nationalsozialismus war das Gedenken an die Identifikationsfiguren der Arbeiterbewegung verboten. Die letzte Demonstration im Jahr 1933 endete mit der Verhaftung aller Teilnehmenden. Zudem zerstörten die Nationalsozialisten das Revolutionsdenkmal für die ermordeten Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, welches als zentraler Ort der Demonstration diente. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte die Tradition wieder auf. Ab Januar 1946 fanden erneut jährliche Demonstrationen statt.

Seit 1947 organisierte die SED die Veranstaltung als staatliche Massendemonstration. Jedes Jahr im Januar marschierten Hunderttausende vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof Friedrichsfelde. Das kämpferische Gedenken wandelte sich dabei zunehmend zu einer propagandistischen Schauveranstaltung der Parteispitze.

Repräsentanten der Partei- und Staatsführung der DDR an der Spitze des Demonstrationszuges am 15. Januar 1978; Foto: Bundesarchiv, Bild 183-T0115-003 / CC-BY-SA 3.0

Geschehnisse im Vorfeld der Demonstration am 17. Januar 1988

Am 10. Dezember 1987 machte die wenige Monate zuvor gegründete „Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht der DDR“, die als erste Selbsthilfegruppe von Ausreisewilligen galt, mit einer Erklärung zum Internationalen Tag der Menschenrechte öffentlich auf sich aufmerksam.

Für die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 planten Mitglieder dieser Arbeitsgruppe gemeinsam mit der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ eine Protestaktion. Ziel war es, die große mediale Aufmerksamkeit der staatlichen Veranstaltung zu nutzen, um mit Transparenten und Plakaten auf Menschenrechtsverletzungen sowie die Verweigerung der Ausreisegenehmigungen aufmerksam zu machen.

Auch bekannte Oppositionelle wie Wolfgang Templin und Bärbel Bohley beteiligten oder solidarisierten sich mit der Protestaktion.

Die Staatssicherheit war jedoch frühzeitig über diese Pläne informiert. Bereits Tage vor der Demonstration versuchte sie, mit Drohungen, Hausarresten, Verhaftungen sowie kurzfristigen Abschiebungen in den Westen einen öffentlichen Protest zu verhindern und die Demonstrationsveranstaltung abzusichern.

Der 17. Januar 1988

Am 17. Januar 1988 fand anlässlich des 69. Todestages von Liebknecht und Luxemburg die offizielle „Kampfdemonstration“ in Ost-Berlin statt. Nach Angaben der DDR-Presse nahmen über 200.000 Menschen teil, darunter die Partei- und Staatsführung.

Trotz der massiven Repressionen im Vorfeld des 17. Januars versuchten mehr als hundert Oppositionelle und Ausreisewillige, an der Veranstaltung teilzunehmen. Während viele von ihnen allerdings noch auf dem Weg zum Treffpunkt abgefangen wurden, gelang es einigen Protestierenden, sich dem offiziellen Demonstrationszug zu nähern und Transparente mit Forderungen nach Menschenrechten zu entrollen. Auf den Bannern waren beispielsweise Zitate aus Rosa Luxemburgs Schriften zu finden, wie „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ und „Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht“.

Die Aktion dauerte nur wenige Minuten, bevor Stasi-Mitarbeiter eingriffen, die Aktivist*innen abdrängten und sie von der Öffentlichkeit sowie den anwesenden Medien abschirmten. Trotz dieser Maßnahmen gelang einem ARD-Kamerateam Aufnahmen der Proteste. Diese Bilder wurden anschließend in der Bundesrepublik verbreitet und machten die Repressionen in der DDR sichtbar.

Noch am selben Tag nahm die Staatssicherheit mehr als 100 Gegendemonstranten sowie Sympathisanten fest. Sie wurden unter anderem bezichtigt, mit dem westdeutschen Geheimdienst in Kontakt zu stehen. Gegen 66 Personen wurden zudem Ermittlungsverfahren wegen „Zusammenrottung“ eingeleitet.

Folgen

Die Verhaftungen lösten derweil DDR-weit eine Welle der Solidarität aus. Besonders die evangelische Kirche spielte eine zentrale Rolle. In zahlreichen Fürbittegottesdiensten sowie Mahnwachen mit teils mehreren tausend Teilnehmenden wurde die Freilassung der Inhaftierten gefordert. Doch auch in der Bundesrepublik fanden die Ereignisse große Aufmerksamkeit.

Unter anderem infolge dieser Proteste wurde ein großer Teil der Festgenommenen wieder freigelassen. Dennoch verurteilten DDR-Gerichte am 25. Januar 1988 fünf Ausreisewillige zu Haftstrafen von bis zu über einem Jahr. Es kam zudem zu einer zweiten Verhaftungswelle sowie zu weiteren Ausweisungen und Ausbürgerungen von Bürgerrechtlern wie Freya Klier und Stephan Krawczyk gegen deren Willen in die BRD.


Vergessen wird die Aktion auf keiner der beiden Mauerseiten. Sie inspirierte weitere Proteste und Gegendemonstrationen, wie beispielsweise im folgenden Jahr 1989 in Leipzig ebenfalls anlässlich der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration.

Auch nach der Wende findet weiterhin Anfang Januar die Demonstration in Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg statt. Dieses Jahr fiel die Veranstaltung in Berlin auf den 11. Januar.

Literatur
Aktion "Störenfried" - Bundesarchiv
Luxemburg-Liebknecht-Demonstration | Jugendopposition in der DDR
Kundgebung vor 30 Jahren - 120 Oppositionelle wurden in Ost-Berlin verhaftet
Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17. Januar 1988 | MDR.DE
https://www.stasi-mediathek.de/medien/beschlagnahmte-transparente-von-der-liebknecht-luxemburg-demonstration-1988/blatt/5/
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Über uns 
Anya H. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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