Demokratiegeschichten

1956 – Das Jahr der Aufstände: Polnischer Oktober

Vor 70 Jahren begann in Polen und Ungarn eine Welle von Protesten, in denen viele Menschen politische Mitsprache, bessere Lebensbedingungen und ein Ende staatlicher Bevormundung forderten. Der Blog Demokratiegeschichten widmet sich diesen Ereignissen in der Reihe„1956 : Das Jahr der Aufstände“.

Die Proteste in Poznań, Warschau und Budapest waren keine isolierten Aufstände. Vielmehr standen sie für ein gemeinsames Ringen um politische Teilhabe und gesellschaftliche Selbstbestimmung.


Vier Monate nach dem Aufstand von Poznań wechselte das polnische Zentralkomitee seine Führung. Die Sowjetunion reagierte mit der Androhung von Gewalt, und in Budapest kam es zu Demonstrationen von Studierenden. Der Polnische Oktober zeigt, welche Kraft Protest entfalten kann und wie sehr Regierungen ihn fürchten.

Poznań hatte dafür den Boden bereitet. Doch erst im Oktober 1956 wurde sichtbar, wie weit die Wirkung reichte.

Nach dem Aufstand

Die Parteiführung in Warschau hatte versucht, den Aufstand von Poznań als Werk ausländischer Provokateure abzutun. Diese Erzählung überzeugte kaum. In den folgenden Monaten wurde der Ruf nach Reformen lauter. Das Regime musste Antworten liefern und geriet darüber in einen offenen Machtkampf.

Władisław Gomułka

Am 21. Oktober 1956 wählte das Zentralkomitee Władysław Gomułka zum Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP).

Das Amt kannte er bereits. Bereits in der Vergangenheit hatte er die Partei geführt, bis er 1948 unter Stalin aufgrund von „nationalkommunistischer Abweichungen“ gestürzt wurde. Im Jahr 1951 erfolgte die Verhaftung. Erst nach Stalins Tod wurde er aus der Haft entlassen und rehabilitiert. Die Tatsache das er selbst ein Opfer des Systems gewesen war, machte ihn für viele Pol:innen glaubwürdig.

Gomułka brach mit der bisherigen Linie, ohne das System infrage zu stellen. Das alte Regime habe Fehler begangen, räumte er ein. Den Arbeiter:innen von Poznań hätte man Gehör schenken und die Wahrheit sagen müssen. Gleichzeitig stellte er klar: Polen bleibt kommunistisch.

Spannungen in Warschau

Moskau reagierte alarmiert. Während das Zentralkomitee noch tagte, flog eine sowjetische Delegation um Nikita Chruschtschow unangekündigt nach Warschau. Sowjetische Kriegsschiffe liefen in polnische Gewässer ein. Zugleich verlor Verteidigungsminister Konstanty Rokossowski seinen Sitz im Politbüro. Der sowjetische Marschall war 1949 von Moskau nach Warschau entsandt worden und galt als Garant sowjetischer Kontrolle über die polnische Armee.

Gomułka konnte der Sowjetunion Zugeständnisse abringen und wendete so eine Intervention der Roten Armee ab. Sein stärkstes Argument stand auf der Straße. Die Bevölkerung stand hinter ihm. Im Gegenzug bekannte sich Polen weiter zum Warschauer Pakt.

Die Drohungen seitens der Sovietunion zeigen die Sorge darüber, dass die Entwicklungen in Polen auf andere Staaten des Ostblocks übergreifen könnten.

Politisches Tauwetter

Nach innen löste Gomułka seine Versprechen zunächst ein. Er beendete die Zwangskollektivierung der Bauern und ließ politische Häftlinge frei. Auch die Kirche gewann Spielräume.

Für kurze Zeit wurde er zum Hoffnungsträger der polnischen Bevölkerung. Für diese Liberalisierung des politischen Klimas hat sich der Begriff „Polnischer Oktober“ etabliert.

Nach außen wollte Polen sich ebenfalls öffnen, auch Richtung Westen. Außenminister Adam Rapacki machte eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa zum Kernstück dieser Politik. Der Plan, den er 1957 vorlegte, umfasste auch beide deutsche Staaten. Die BRD blieb misstrauisch. Die Bundesregierung unter Konrad Adenauer lehnte eine Zusammenarbeit mit den Satellitenstaaten der Sowjetunion ab

Reaktion der SED

Besonders nervös reagierte auch die SED-Führung. Sie verfolgte die Entwicklungen in Polen mit Sorge und wollte verhindern, dass sie die eigene Bevölkerung erreichten. Im Oktober wurde eine Ausgabe der „Berliner Zeitung“, welche an die Kioske ausgeliefert wurde, wieder eingesammelt. Grund dafür war die Veröffentlichung von Auszügen aus einer Rede Gomułkas.

Gomulkas Abstieg

Gomułkas Reformbereitschaft hielt nicht lange an. Schon 1957 verbot seine Regierung die Zeitschrift „Po Prostu“, ein Sprachrohr der Reformkräfte, und ließ Proteste in Warschau auflösen. 1968 schlug er Studierendenproteste hart nieder.

Im Dezember 1970 lösten drastische Preiserhöhungen Streiks und Demonstrationen von Arbeiter:innen an der Ostseeküste aus, vor allem in Gdańsk, Gdynia und Szczecin. Sicherheitskräfte schossen auf die Demonstrierenden, dutzende Menschen starben. Wenige Tage später musste Gomułka zurücktreten. Sein Nachfolger wurde Edward Gierek.

Der Mann, der durch Proteste an die Spitze gelangt war, wurde schließlich ebenfalls durch Proteste gestürzt.

Der zweite Akt des Protestjahres

Der Polnische Oktober zeigt, was auf Poznań folgte. Der Aufstand erschütterte die Führung, brachte einen Wechsel an der Spitze. Zugleich machte die Reaktion in Moskau und Ost-Berlin deutlich, wie sehr die Machthaber den Protest fürchteten. Mit dem Aufstand in Ungarn setzte sich diese Kette fort.


Die Blogreihe „1956 – Das Jahr der Aufstände“ untersucht die Proteste in Polen und Ungarn sowie die Reaktionen in der DDR. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich in diesen Ereignissen der Verlust gesellschaftlicher Legitimität der kommunistischen Diktatur zeigte.

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Über uns 
Lilian B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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