Vor 70 Jahren begann in Polen und Ungarn eine Welle von Protesten, in denen viele Menschen politische Mitsprache, bessere Lebensbedingungen und ein Ende staatlicher Bevormundung forderten. Der Blog Demokratiegeschichten widmet sich diesen Ereignissen in der Reihe„1956 : Das Jahr der Aufstände“.
Die Proteste in Poznań, Warschau und Budapest waren keine isolierten Aufstände. Vielmehr standen sie für ein gemeinsames Ringen um politische Teilhabe und gesellschaftliche Selbstbestimmung.
Am Morgen des 28. Juni 1956 zogen Tausende Arbeiter:innen aus den Industriebetrieben von Poznań ins Stadtzentrum. Zunächst richtete sich ihr Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Produktionsnormen und wirtschaftliche Belastungen. Doch innerhalb weniger Stunden weitete sich die Demonstration zu einem politischen Aufstand aus.
Am darauffolgenden Morgen gewann die Armee mit Gewalt die Kontrolle über die Stadt zurück. Dennoch markierte Poznań nicht das Ende des Protests. Vielmehr wurde der Aufstand zum Ausgangspunkt einer breiteren politischen Protestwelle.
Der Hintergrund: Entstalinisierung und wachsende Unzufriedenheit
Der Aufstand von Poznań fiel in eine Phase tiefgreifender Veränderungen. Nach dem Tod Josef Stalins im Jahr 1953 geriet das Herrschaftsmodell der Sowjetunion unter Druck. Einen wichtigen Einschnitt markierte der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956. Dort kritisierte Nikita Chruschtschow in seiner Geheimrede die Verbrechen der Stalin-Zeit und distanzierte sich vom massenhaften Terror der vorherigen Jahre.
Diese Entwicklung weckte auch in Polen Hoffnungen auf Reformen. Gleichzeitig verschärfte sich jedoch die wirtschaftliche Krise. Viele Arbeiter:innen litten unter steigenden Produktionsvorgaben, niedrigen Löhnen und Versorgungsengpässen. Die Erwartungen an Veränderungen wuchsen, konkrete Verbesserungen blieben jedoch aus.
Zwar setzte die neue sowjetische Führung nun stärker auf politische Überzeugung und ideologische Mobilisierung als auf offenen Terror. Dennoch blieb das politische System autoritär und Kritik an Partei und Herrschaft wurden weiterhin verfolgt. Bereits im Juni 1953 hatte der Volksaufstand in der DDR gezeigt, wie begrenzt die Reformbereitschaft war und wie rasch politische Konflikte eskalieren konnten.
Durch die Entstalinisierung ermutigt, entwickelten sich 1956 in Polen und Ungarn neue Wellen des Protests.
Vom Arbeiter:innenprotest zum politischen Aufstand
Im Zentrum der Ereignisse standen zunächst die Arbeiter:innen der Poznańer Lokomotivfabrik „J. W. Stalin“, eines der größten Industriewerke des Landes. Bereits in den Wochen zuvor hatten sie versucht, ihre Beschwerden vorzubringen. Als die Verhandlungen scheiterten, traten am 28. Juni Tausende Beschäftigte in den Protest.
Innerhalb weniger Stunden weiteten sich die Proteste auf die gesamte Stadt aus. Schätzungsweise 100.000 Menschen beteiligten sich an Demonstrationen. Auf Transparenten standen Forderungen wie „Wir wollen Brot“, „Wir wollen Freiheit“ und „Wir wollen die Wahrheit“. Zugleich wurden Parolen wie „Nieder mit dem Bolschewismus“ oder „Weg mit den Russen“ gerufen. Damit richtete sich der Protest zunehmend nicht mehr nur gegen soziale Missstände, sondern offen gegen die kommunistische Diktatur
Im Verlauf des Tages besetzten Demonstrierende öffentliche Gebäude. Sie stürmten ein Gefängnis, befreiten Inhaftierte und griffen den Sitz der Staatssicherheit an. Aus einem Arbeiter:innenprotest war ein politischer Aufstand geworden.
Die gewaltsame Niederschlagung
Die polnische Führung reagierte mit militärischer Gewalt. Mehr als 10.000 Soldaten, sowie mehrere hundert Panzer wurden nach Poznań entsandt. In der Stadt kam es zu schweren Kämpfen zwischen Demonstrierenden und staatlichen Truppen.
Gleichzeitig versuchte die Parteiführung, die Ursachen des Aufstands zu verschleiern. Nach außen inszenierte sie die Aufständischen als Provokateure und behauptete, die Unruhen seien von feindlichen Kräften aus dem Ausland gesteuert worden.
Bei der Niederschlagung des Aufstands kamen mindestens 58 Menschen ums Leben und über 500 Menschen wurden verletzt.
Fazit: Der erste Akt des Protestjahres 1956
Der Aufstand von Poznań machte die Grenzen der Entstalinisierung sichtbar. Er zeigte die tiefe Unzufriedenheit großer Teile der Bevölkerung und setzte die polnische Parteiführung unter erheblichen Druck. Vor allem aber eröffnete er eine Kette von Ereignissen, die über den Polnischen Oktober bis zum Ungarischen Aufstand führte.
Die Blogreihe „1956 – Das Jahr der Aufstände“ untersucht die Proteste in Polen und Ungarn sowie die Reaktionen in der DDR. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich in diesen Ereignissen der Verlust gesellschaftlicher Legitimität der kommunistischen Diktatur zeigte.
Literatur:
https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521528/reaktion-auf-den-aufstand-in-poznan-den-polnischen-oktober-und-den-volksaufstand-in-ungarn/
https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/stiftung/aktuelles/der-posener-aufstand-und-sein-denkmal
https://www.kommunismusgeschichte.de/lesen/article/detail/der-posener-aufstand-im-juni-1956-und-seine-folgen
https://web.archive.org/web/20111215141347/http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_ungarn1956/documents/machcewicz_posen.pdf
"Tauwetter" unter Nikita Chruschtschow | Sowjetunion II: 1953-1991 | bpb.de


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