Demokratiegeschichten

Der RIAS und Ernst Scharnowski – 17. Jun 1953

Heute vor 66 Jahren, am 17. Juni 1953, entwickelte sich aus einem Protest von Bauarbeitern gegen Normerhöhungen ein Volksaufstand in der DDR. Ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, wurde der Westberliner Rundfunksender RIAS – Rundfunk im amerkianischen Sektor – zum „Katalysator des Aufstandes“.

Gebäude des RIAS (heute Deutschlandradio Kultur) in Berlin Schöneberg 2012; Foto Wikipadia gemeinfrei

Erste Berichte laufen über den RIAS

Erste Proteste und Streikaktionen in Ostberlin begannen schon am 15. Juni 1953. Da aber DDR-Rundfunk und Fernsehen zu den Ereignissen schwiegen, gab es zunächst keine gesicherten Informationen über die Ereignisse. Berichte von Aktionen gelangten nur langsam an andere Orte und die Protestierenden hatten kaum Möglichkeiten, sich ortsübergreifend auszutauschen und zu vernetzen. Einen Tag vor dem großen Aufstand, am 16. Juni 1953, berichtete der RIAS als erster Rundfunksender überhaupt in einem längeren Bericht um 16.30 Uhr von den Vorgängen in Ost-Berlin. In der Reportage hieß es u.a.: „In Sprechchören wurde immer wieder die Forderung nach freien Wahlen gestellt, während einzelne zum Generalstreik aufriefen.“

Kein Aufruf zum Generalstreik

Am Nachmittag des 16. Juni erschienen im Sendehaus des RIAS zwei Männer und eine Frau, die sich direkt von der Demonstration in Ost-Berlin auf den Weg gemacht hatten. Sie erzählten von den Geschehnissen und baten, eine Resolution verlesen zu lassen. Der damalige Chefredakteur des RIAS, der spätere Minister und führende Mitgestalter von Willy Brandts Ostpolitik, Egon Bahr, erinnert sich:

„Wir sollten aufrufen zum Generalstreik in der Zone. Und natürlich war das für einen amerikanisch verantworteten Sender völlig unmöglich.“

Egon Bahr im Interview, Deutschlandfunk, 9.1.20016. https://www.deutschlandfunkkultur.de/bahr-rias-war-katalysator-des-aufstandes.945.de.html?dram:article_id=132181

Es kam zu Verhandlungen, in deren Folge RIAS-Mitarbeiter die Resolution mitformulierten und offenbar entschärften. Doch das, was der RIAS ab 19.30 Uhr in jeder Nachrichtensendung einen Tag lang verlas, besaß immer noch genügend Mobilisierungskraft. Im Kern forderten die Arbeiter in dieser Resolution: 1. Auszahlung der Löhne bei der nächsten Lohnzahlung bereits wieder nach den alten Normen; 2. sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten; 3. freie und geheime Wahlen; 4. keine Maßregelungen von Streikenden und Streiksprechern.

Strikt vermied der RIAS das Wort „Generalstreik“. Der zuständige amerikanische Offizier hatte das am Nachmittag verboten. Ab 23.00 Uhr berichtete der RIAS aber in seinen Nachrichten, dass am nächsten Morgen um 7.00 Uhr alle Ostberliner aufgerufen seien, sich am Strausberger Platz zu einer Demonstration zu versammeln. Unterdessen war fieberhaft darüber nachgedacht worden, wie der RIAS doch noch politisch reagieren könnte.

Die Lösung kam in Person von Ernst Scharnowski, dem Landesvorsitzenden des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) in West-Berlin.

Ernst Scharnowskis Ansprache am 17. Juni

Mehrere Stunden formulierte Scharnowski an einem Aufruf, der schließlich am frühen Morgen des 17. Juni, kurz nach 5.30 Uhr , erstmals ausgestrahlt wurde:

„Liebe Ostberliner Kolleginnen und Kollegen, der deutsche Gewerkschaftsbund betrachtet seit Monaten mit Sorge die soziale Rückentwicklung, die sich bei euch vollzieht. Eure demokratischen Selbsthilfemaßnahmen, geboren aus dem Naturrecht jedes bedrückten Menschen, die entstanden sind aus einer spontanen und ureigenen Eingebung eurerseits, hat zu Ereignissen geführt, über deren Auswirkung und Stärke wir in Westberlin außerordentlich erstaunt sind… Lasst sie nicht allein! … Tretet darum der Bewegung der Ostberliner Bauarbeiter, BVGer und Eisenbahner bei und sucht eure Strausberger Plätze überall auf!“

Aufruf von Ernst Scharnowski, Vorsitzender des DGB in West-Berlin, an die demonstrierenden Arbeiter in Ost-Berlin, RIAS, 17.6.1953; O-Ton unter: http://www.17juni53.de/audio/track6.mp3;

Warum redet Scharnowski?

„Sucht eure Strausberger Plätze überall auf!“ Was Scharnowski am 17. Juni sagte, war ein Appell, sich mit den Ost-Berliner Arbeiter*innen zu solidarisieren. Zwar war ihm bewusst, dass in diesen Tagen auch Nicht-Arbeiter*innen auf den Straßen waren und die Proteste über die Senkung der Normerhöhungen hinaus gingen. Als SPD-Politiker, der 1948 aus der SBZ geflohen war, war ihm die politische Situation dort mehr als vertraut. Doch in seiner Ansprache im RIAS rief Scharnowski als West-Berliner Gewerkschafter bewußt nicht zum Streik auf. Er erteilte den Arbeiter*innen in der Ost Berlin jedoch Ratschläge.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg, 1922 bis 1933, war er im ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) bis zu dessen Auflösung durch die Nationalsozialisten tätig gewesen. Und noch im Jahr seiner Flucht nach Westberlin gehörte er zu den Mitbegründern der UGO (Unabhängige Gewerkschaftsopposition). Diese war eine SPD-nahe Abspaltung des SED-dominierten FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund). Sowohl im sogenannten Dritten Reich als auch in der sowjetischen Besatzungszone wurde Scharnowski mehrmals verhaftet.

Wenn Scharnowski in seiner Ansprache von einer „sogenannten Regierung“ sprach, steckte dahinter also nicht nur politisches Kalkül. Hier redete einer, der Verfolgung in zwei Diktaturen erlebt hatte und sich voller Überzeugung gegen die Unterdrückung in der DDR wandte. Dass die Proteste sich aus einer „ureigenen Eingebung“ entwickelten, bestätigte Scharnowskis Meinung und die vieler westlicher Politiker*innen, die die Autorität der DDR-Regierung nicht anerkannten.

Sowjetische Panzer in Berlin in der Schützenstraße; Bild: Bundesarchiv, B 285 Bild-14676 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

Die Rolle des RIAS in Westberlin

Der RIAS war zu dieser Zeit der wichtigste und beliebteste Radiosenser Berlins, der auch in weiten Teilen der DDR empfangen werden konnte. Das Rundfunkgebäude des RIAS stand im amerikanischen Sektor Berlins.

Gerade das ureigene, also die entstehung der Proteste aus der DDR-Bevölkerung heraus, bestritt die DDR-Führung. Sie sah die Initiative bei westlichen Provokateuren, sprach gar von einem faschistischen Aufstand. Insbesondere dem RIAS warf sie vor, die Menschen weiter angestachelt zu haben.

Tatsache ist, dass der RIAS bereits 1946 von der amerikanischen Militäradministration als Gegenstimme zum sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunk etabliert wurde. Er unterstand der Programmhoheit der USIA (United States Information Agency).

Die Aufgabe des RIAS, auch wenn diese nie so formuliert wurde, bestand darin, die Bürger*innen der DDR mit Informationen zu versorgen, die im DDR-Funk nicht gesendet wurden. Für viele war dies eine der wenigen Möglichkeiten, Nachrichten aus dem Westen zu empfangen. Schon 1949 erklärte die DDR-Regierung den RIAS zum Propagandainstrument der Westmächte. Das Hören des RIAS war von nun an eine Straftat.

Die Auswirkung des RIAS auf den Aufstand in der DDR

Über 50 Jahre später resümmierte der damaligem Chefredakteur des RIAS, Egon Bahr, über die Bedeutung des Senders für die Zeit rund um den 17. Juni 1953 und den Aufstand in der DDR:

„Und wir stellten fest: Überall waren die fünf Punkte in der Reihenfolge, in dem Wortlaut verkündet worden und plakatiert worden und benutzt worden. Das heißt, der RIAS war – ohne es zu wissen und ohne es zu wollen – zum Katalysator des Aufstandes geworden. „

Egon Bahr im Interview, Deutschlandfunk, 9.1.20016.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/bahr-rias-war-katalysator-des-aufstandes.945.de.html?dram:article_id=132181

Für uns heute, …

… die Nachrichten und Bilder quasi in Echtzeit erhalten, ist die Bedeutung des RIAS schwer nachzuvollziehen. Dafür müssten wir wahrscheinlich Internet und Mobilfunknetze abschalten. Was auch heute noch in Ländern geschieht, die weniger demokratische Regierungssysteme haben.

So bleibt die Frage: Hätte der Aufstand des 17. Juni auch ohne Ernst Scharnowskis Ansprache und den RIAS stattgefunden? Stattgefunden ja – schließlich fanden schon in den Tagen zuvor Proteste statt. In dem Ausmaß – schwer zu sagen. Ohne Zweifel ergriff der RIAS für die Demonstrierenden Partei und zeigte ihnen, dass sie mit ihren Forderungen nicht allein waren.

Gut möglich, dass ohne Scharnowski und den RIAS weniger Leute auf der Straße gewesen wären. Wenn ihre Stimmen nicht gewesen wären, wer weiß, worüber wir dann heute reden würden?

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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