Demokratiegeschichten

„Schauplatz BRD“ – eine Fundgrube

Das Buch „Schauplatz BRD“ von Norbert Bicher ist eine Fundgrube historischer Denkwürdigkeiten. Unsere Gegenwart versteht man besser im Lichte dieser Rückschau auf die letzten 70 Jahre.

Schlaglichter auf den Weg der deutschen Demokratie

Vieles ist seit ihrer Gründung in der Bundesrepublik Deutschland geschehen. Dass die Demokratie nach der Katastrophe der NS-Diktatur gedieh, versteht man nur, wenn man sich die gesamte Geschichte des Landes anschaut. Allerdings müsste eine erschöpfende Abhandlung so umfangreich sein, dass sie einen eher erschlüge. Daher geht Bicher in seinem spannend geschriebenen Buch genau den richtigen Weg. Er wirft Schlaglichter auf zentrale Ereignisse des „Schauplatzes BRD“. Dabei geraten wohlbekannte, aber auch abseitigere Zusammenhänge der Demokratiegeschichte in den Blick.

Wiederbewaffnung im Kloster

Etwa erfahren wir, wie in einem abgeschiedenen Kloster 1950 die Grundlagen für die Wiederbewaffnung gelegt wurden. Durchaus ein brisantes Thema, das die Nachkriegsgesellschaft noch viele Jahre spalten sollte. Immer ging es hier auch um unterschiedliche Demokratieverständnisse.

Abteikirche des Klosters Himmerod, in dem 1950 mit der „Himmeroder Denkschrift“ die Grundlagen für die deutsche Wiederbewaffnung gelegt wurden;
Quelle: Langec,https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Himmerod-kirche.jpg

Anstoß zur Aufarbeitung aus dem Gefängnis

Wie die dunkle Geschichte von vor 1945 noch weit in die BRD hineinragte, zeigt sich an der Verzögerung, mit der es zum Ausschwitz-Prozess kam. Bezeichnenderweise wurde das kollektive Schweigen und Verdrängen durch einen kleinkriminellen Gefängnisinsassen durchbrochen. Dieser belastete 1958 den Ausschwitz-Mörder Wilhelm Boger. Hat eine Demokratie ihren Namen verdient, solange sie sich noch nicht mit diesem dunklen Erbe offen auseinandergesetzt hatte?

Korrupter Korruptionskritiker

Demgegenüber wirken andere Episoden fast komisch, so z. B. die des CSU-Abgeordneten Leo Wagner. Während er im Bundestag mit Blick auf Willy Brandt 1973 wortreich Bestechlichkeit anprangerte, offenbarte er sich in seinem zweiten Leben als hochkorrupter Nachtclubbesucher. Wie kann eine Demokratie mit der Unehrlichkeit ihrer Vertreter umgehen?

Geburt der Ökologiebewegung

Unsere heutige demokratische Protestkultur ist ohne die lange Vorgeschichte der Umweltbewegung nicht denkbar. Dessen Geburtsstunde – so erfahren wir von Bicher – schlug 1974 im Elsass. Dort richtete sich der Bürgerprotest zunächst gegen ein geplantes Blei-, dann gegen ein Atomkraftwerk. Letztlich konnten durch koordinierten Protest und nicht zuletzt durch Besetzungen beide Bauvorhaben gestoppt werden.

Logo der Anti-Atom-Bewegung;
Quelle: Serpens,
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:
Atomkraft_Nein_Danke.svg

Cello beim Mauerfall

Die emotionale Dimension von Demokratiegeschichte verkörpert sich beispielsweise im Bild des russischen Cellomeisters Rostropowitsch. Dieser gab am 11. November 1989 aus spontaner Eingebung, unmittelbar nach dem Fall der Mauer, direkt an dieser ein Konzert.

Rostropowitsch vor der Berliner Mauer;
Quelle: Photograph © Reuters, Caption NY Times.

Das alles und vieles mehr findet man in „Schauplatz BRD“, einer Tour d’Horizon durch die bundesrepublikanische Geschichte.

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