Demokratiegeschichten

Das Gorleben Archiv – Protestgeschichte lebendig vermitteln

Was in den 1970er Jahren in Gorleben als Plan für ein Nukleares Entsorgungszentrum begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer der bekanntesten Protestgeschichten der Bundesrepublik. Bis heute gilt sie als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eine engagierte Zivilgesellschaft mit Beharrlichkeit und unterschiedlichen Formen der Beteiligung Einfluss nehmen kann.

Bezug zur Gegenwart

Damit diese Protestgeschichte auch für ein breiteres Publikum greifbar wird, setzte das Gorleben Archiv im vergangenen Jahr ein Projekt um, das von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte gefördert wurde. Der Bezug zur Gegenwart ist sehr stark. Viele Menschen erinnern sich noch an die Proteste, und zahlreiche Zeitzeug:innen können ihre Erfahrungen teilen.

Drei Bausteine für die Bildungsarbeit

Das Projekt bestand aus drei Bausteinen. Zunächst entwickelte das Archiv ein neues didaktisches Konzept für jüngere Besuchergruppen. Dabei wurde untersucht, wer das Archiv besucht, welches Vorwissen die Gruppen mitbringen und welche Angebote sich daraus ableiten lassen.

Im zweiten Schritt entstanden in Arbeitsgruppen Informationstafeln zu zehn Orten. Dafür wurden Standorte festgelegt, Materialien recherchiert, Bilder ausgewählt und Texte formuliert. Jede Tafel wurde mit einem QR-Code versehen, der zu weiterführenden Informationen, Themen und Materialien führt. Im Folgeprojekt sollen zehn weitere Tafeln entstehen, die gemeinsam mit dem Naturpark Wendland.Elbe als Radwanderroute und Ausflugsziel vermarktet werden.

Kooperation

Der dritte Baustein entstand in Zusammenarbeit mit einer Geschichtsdidaktikerin an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen. Im Wintersemester 2024/25 wurden didaktische Dos and Don’ts für die Behandlung des Themas im Unterricht erarbeitet und erste Entwürfe für Unterrichtsmaterial entwickelt. Im Sommersemester 2025 arbeiteten Studierende in Gruppen an weiteren Materialien.

Projekttag

Den praktischen Abschluss bildete ein Projekttag an der JLU Gießen in Kooperation mit der Gesamtschule Gießen-Ost. Eine achte Klasse verbrachte einen ganzen Schultag auf dem Campus. Schon der Einstieg sorgte für Irritation: Im Flur ertönte eine Radiodurchsage mit der Nachricht, Gießen werde Standort für Deutschlands Atommüll-Endlager. Genau dieser überraschende Moment bot Anlass, Vorwissen und erste Reaktionen im Gespräch sichtbar zu machen.

In Kleingruppen

Im Seminarraum griffen die Studierenden diesen Einstieg auf und stellten einen Bezug zum einst geplanten Endlager im Gorlebener Salzstock her. Ein Zeitstrahl machte die jahrzehntelangen Proteste anschaulich und ordnete sie historisch ein. Danach arbeiteten die Schüler:innen in Kleingruppen weiter – die einen zu Protestplakaten, die anderen zur Atomkraftgegnerin Marianne Fritzen, die dritte Gruppe untersuchte die Beweggründe der Protestierenden anhand von Zeitzeug:innen-Interviews.

Präsentation

Am Ende des Tages präsentierten die Gruppen ihre Ergebnisse vor der gesamten Klasse mit selbst gestalteten Plakaten. Danach blieb noch Raum für Fragen an die Projektleitung des Archivs. Bevor der Projekttag endete, konnten die Schüler:innen außerdem Rückmeldung zu Materialien, Aufgabenstellungen und Ablauf geben. Dieses Feedback floss im Anschluss direkt in die Überarbeitung des Materials ein.

Herausforderung

Eine der größten Herausforderungen bestand darin, aus dem umfangreichen Material eine klare und didaktisch sinnvolle Auswahl zu treffen, denn die inhaltlichen Zugänge sind vielfältig. Umso wichtiger ist eine Aufbereitung, die das Thema für jüngere Zielgruppen verständlich, und lebendig macht.

Dieser Artikel von Anna Gäde, der Leiterin des Gorleben Archivs, erschien auch im Themenheft Protest in der Demokratie.

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