Am 2. November 1981 – heute vor 45 Jahren – wurde das sogenannte Hüttendorf im Flörsheimer Forst, das die Protestbewegung gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens errichtet hatte, geräumt. Ein Artikel von Magdalena Zeller, Projektleiterin bei der KulturRegion FrankfurtRheinMain gGmbH, erklärt , was es damit auf sich hat und wie die Hüttenkirche, das wichtigste Gebäude des damaligen Hüttendorfes, erhalten werden konnte:
Plan Startbahn West
1965 beantragte die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens (FAG) den Bau einer neuen Startbahn im Westen. Für die Anlage der vier Kilometer langen Piste sollte ein rund sieben Hektar großes Waldgebiet abgeholzt werden. In den folgenden Jahren fanden Auseinandersetzungen vor allem auf gerichtlicher Ebene statt. Verwaltungsgerichte befassten sich mit zahlreichen Klagen aus der Bevölkerung.
Eine Bürgerinitiative
Ebenfalls 1965 gründete Kurt Oeser, später als „Startbahnpfarrer“ bekannt, im hessischen Mörfelden die Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms (IGF) als Reaktion auf die damaligen Ausbaupläne des Frankfurter Flughafens. Die Bürgerinitiative war lange Jahre ein wichtiger Akteur der Protestbewegung gegen die Startbahn West und involviert in einen der zentralen gesellschaftlichen Konflikte der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre.
Das Hüttendorf
Im Herbst 1980 begannen die Rodungen im Flörsheimer Wald. Als Reaktion darauf errichteten Startbahngegner:innen auf dem Gelände ein Hüttendorf bestehend aus 60 stabilen Holzbauten, in denen bis zu 100 Personen lebten. Tausende Menschen kamen zu Demonstrationen an den Wochenenden in den Wald, prominente Unterstützer wie die Schriftsteller Peter Härtling und Horst Karasek fanden sich ein. Zentrum des Dorfes war die Hüttenkirche, in der Gottesdienste, Versammlungen, Hochzeiten und Taufen stattfanden.
Dorfleben
Das Leben im Hüttendorf, einer „Mischung aus Woodstock, Campingplatz und Trutzburg gegen den Staat“, beschrieben Aktivisten als „gelebten Alltagswiderstand“. Frauen aus Mörfelden-Walldorf, die sogenannte „Küchenbrigade“, versorgten die Bewohner:innen mit Kaffee und Kuchen. 1981/82 wurde trotz heftiger Kritik die “Freie Volksuniversität Startbahn West/Walduniversität Mörfelden-Walldorf“ ins Leben gerufen, die sich mit den ökologischen Folgen der geplanten Startbahn uns ökonomischen Alternativen befassen sowie Methoden des gewaltfreien Widerstands vermitteln sollte.
Die Räumung
Im Herbst 1981 beteiligten sich bis zu 120.000 Menschen an den Protesten. Im November spitzte sich der Konflikt zu, als das Hüttendorf am 2. November 1981 von der Polizei geräumt und abgerissen wurde.
Die Rettung der Hüttenkirche
Engagierte Bürger:innen verhinderten allerdings die Zerstörung der Hüttenkirche. Sie konnte nach Verhandlungen mit der FAG demontiert werden. 1983 fungierte sie auf dem evangelischen Kirchentag als Ort der Begegnung. 1986 wurde sie an ihrem heutigen Standort wiederaufgebaut. Die Holzkirche wird dort sowohl als Symbol permanenten Widerstands als auch als Zeichen der Versöhnung gesehen. Sie soll den Mitgliedern der Protestbewegung auch „ein Stück Trauerarbeit“ ermöglichen, ihre Wut und Enttäuschung nach dem gescheiterten Protest zu artikulieren.
Der neue Standort
An der Verbindungsstraße zwischen den beiden Stadtteilen Walldorf und Mörfelden findet man kurz vor dem Ortseingang Walldorf leicht zurückgesetzt zwischen Bäumen die Hüttenkirche und ein etwa sechs Meter langes Stück der ehemaligen Startbahnmauer. Eine schottrige, nicht gekennzeichnete Ausfahrt führt vom Vitrolles-Ring darauf zu. Die kleine hölzerne, braun angestrichene Kapelle ist nur zu Veranstaltungen und Gottesdiensten geöffnet. Sie besteht aus einem Raum, an den Wänden und auf einer Infotafel neben der Kirche wird ihre Geschichte erzählt. Innen geht es um christlichen Widerstand und die Bewahrung der Schöpfung. Zu Veranstaltungen werden die Türflügel weit geöffnet und Bänke auf der Wiese davor aufgestellt. Verantwortung für die Hüttenkirche tragen die Kirchengemeinden Mörfelden und Walldorf gemeinsam mit dem Verein Förderkreis Hüttenkirche.
Gescheiterter Protest
Ende 1981 lehnte die Hessische Landesregierung ein Volksbegehren gegen die Startbahn West ab, für das die Initiator:innen 220.000 Unterschriften vorgelegt hatten, auch der Rechtsweg scheiterte. Anlässlich eines „Sonntagsspaziergangs“ an der Startbahnmauer 1987, zum 6. Jahrestag des Abrisses des Hüttendorfes, erschoss ein militanter Startbahngegner zwei Polizisten. Die Protestbewegung hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend aufgelöst, brach aber danach endgültig auseinander. Nach dem Tod der Polizisten fand in der Hüttenkirche ein Gedenkgottesdienst statt, an dem auch Vertreter der Polizei teilnahmen.
Denkmal Startbahnmauer
Ein paar Meter vom heutigen Standort der Hüttenkirche entfernt hat man 2019 zwei Elemente der ehemaligen Startbahnmauer, Überreste, die ursprünglich das Baugrundstück am Flughafen schützen sollten, wie ein Denkmal aufgestellt. Der Flughafenbetreiber selbst hatte den Transport mit einem Spezialkran organisiert. Die Eröffnung fand gemeinsam mit FAG und Flughafenausbaugegner:innen statt. Dabei wurden alte Protestlieder gespielt und mitgesungen. Seitdem sind die Mauerreste weiterhin auch eine Anlaufstelle für Proteste von Fluglärmgegner:innen in der Rhein-Main-Region. Das etwa 2,50 Meter hohe Mauerstück aus Beton ist von Längsschlitzen durchbrochen. Besucher:innen können sich vorstellen, wie sich einst Polizei und Ausbaugegner:innen quasi Aug in Aug an dieser Mauer gegenüberstanden. Auf der Mauer markiert der Original Nato-Stacheldraht eine unüberwindliche Grenze. Über die Länge des Mauerteils ist in schwarzen Großbuchstaben zu lesen „Weiterarbeiten am Modell Deutschland“ − der Slogan der Protestierenden von damals scheint wie geschaffen für einen Ort, der Demokratiegeschichte vermitteln will. Hüttenkirche und Mauerreste sind hier nicht an ihrem ursprünglichen Standort zu besichtigen, sie wurden mehrfach transloziert. Letztlich kann auch die teils konfliktreiche Geschichte ihrer Umsiedlung als Teil des Erinnerungsortes gelesen werden.

Nachhaltiger Protest
Der Protest Hunderttausender konnte den Bau der Startbahn letztlich nicht verhindern, dem Widerstand gelang es nicht, den Ausbau des Flughafens als nicht erforderlich darzustellen. Dennoch weisen gerade ehemalige Akteur:innen auf einen nachhaltigen Erfolg der Bewegung hin. Man habe nicht nur für den Erhalt des Waldes gekämpft und so das Umweltbewusstsein in der Gesellschaft gestärkt, sondern sich auch für eine funktionierende Demokratie eingesetzt.
Bundesweite Debatten
Die Ereignisse um die Startbahn West und die Erinnerung daran prägen das politische Selbstverständnis der Rhein-Main-Region bis heute und lösten bundesweit Debatten um Konfliktbewältigung, Widerstand und legitime Formen des Protests aus. Der Konflikt kann als Indiz des gesellschaftlichen Wandels in den 1970er und 1980er Jahren gewertet werden. Große Teile des Widerstands gegen den Flughafenausbau fanden nicht außerhalb der Gesellschaft statt, sondern verorteten sich selbst inmitten der Bürger:innengesellschaft. Die IGF plädierte, trotz der vielen gewaltsamen Zusammenstöße an der Startbahn, für gewaltfreien Widerstand. Bürgerinitiativen setzten dabei auch illegale Mittel wie das Besetzen von Bauplatz ein, gemäß dem Motto „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht“
Die Startbahnbewegung
Die Startbahnbewegung selbst war basisdemokratisch organisiert. Regelmäßig kamen Delegierte aus den beteiligten Orten und Städten zusammen.15 Die bürgerlich-regionalistisch orientierten Ausbaugegner:innen formulierten ihren Anspruch auf mehr Partizipation. Die IGF versuchte, sich in die Ausbauplanung des Flughafens einzubringen („Die Interessengemeinschaft war nie ein Gegner des Flughafens.“16) und forderte demokratische Mitsprache etwa durch den Volksentscheid.
Warum ein Ort der Demokratiegeschichte?
Hüttenkirche und Reste der Starbahnmauer stehen so auch für sich verändernde Erwartungen an die rechtsstaatliche Demokratie: Es geht nicht mehr vorrangig um staatliche Durchsetzungsfähigkeit. Entscheidungen über Großprojekte und wichtige Standortfragen mit all ihren Folgen für Bevölkerung und Umwelt werden nicht einfach hingenommen, Bürger:innen wollen über den parlamentarischen Weg hinaus, jenseits von Parteien und Verbänden beteiligt werden. Etliche Umweltnutzungskonflikte bis Anfang des 21. Jahrhunderts sollten folgen und genau dies zeigen.
Zukunftsoffene Geschichte
Demokratiegeschichte ist selbst eine Geschichte von Ambivalenzen, sie verläuft nicht linear, es geht in ihr auch immer wieder um gesellschaftliche Konflikte und schwierige Aushandlungsprozesse in der Mehrheitsdemokratie. Orte der Demokratiegeschichte halten keinen erreichten Endzustand fest, sondern erzählen eine zukunftsoffene Geschichte. In dieser Hinsicht sind Hüttenkirche und die Reste der Startbahnmauer ein auch didaktisch-methodisch spannender Ort, an dem Widersprüche aufgezeigt und verschiedene Narrative zusammengebracht werden können. Gerade in seiner Form als Versammlungsort birgt er die Chance, Menschen zusammenzubringen und aus dem historischen Konflikt für aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu lernen. So versteht auch die Stadt Mörfelden-Walldorf die Hüttenkirche „immer noch als Zeichen der Mahnung“ und als einen „lebendigen Ort der Auseinandersetzung und des Dialogs.“
Literatur
- Hartmut Johnsen, Der Startbahn-West-Konflikt. Ein politisches Lehrstück? 1996, 383 S.
- Die Startbahn 18 West. Ein Lehrprojekt des Historischen Seminars der Universität Mainz: https://startbahn.geschichte.uni-mainz.de
- Die Wucht des Widerstandes, Artikel in: Der Spiegel, 12.04.2008, online


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