Demokratiegeschichten

Angriff auf die Demokratie: Der Lüttwitz-Kapp-Putsch

Demokratie ist nicht selbstverständlich. Ein Satz, viel beschworen, häufig wiederholt. Ob wir ihn wirklich verinnerlicht haben? Manchmal scheint es so, als würden wir vergessen, dass Demokratie eben doch stark vom Engagement ihrer Bürger*innen abhängt.

Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine Erfahrung, die schon die Bürger*innen der Weimarer Republik machten. Heute vor 100 Jahren, am 13. März 1920, erhob sich mit dem Lüttwitz-Kapp-Putsch eine Bewegung, die die noch junge Republik angriff. Der Putsch, dieser Spoiler sei erlaubt, richtete viel Unheil an, aber hatte keinen unmittelbaren Erfolg. Das lag auch daran, dass ein Großteil der Bürger*innen sich gegen den Angriff auf die Demokratie zu wehren wusste.

Wie kam es zum Putsch und wer war beteiligt?

Im Versailler Vertrag verpflichtete sich die deutsche Regierung, die Heeresgröße zu reduzieren und die Freikorps aufzulösen. Ab Sommer 1919 erfolgte die Entlassung zahlreicher Berufssoldaten aus der Armee und die Auflösung der aus Freiwilligen bestehenden Freikorps. Ende Februar 1920 befahl Reichswehrminister Gustav Noske deshalb die Auflösung der Marinebrigade Ehrhardt und des Freikorps Loewenfeld.

Dem Befehl zur Auflösung widersetzte sich der ranghöchste General der sogenannten Vorläufigen Reichswehr, Walther von Lüttwitz. Er gehörte zu einem Verschwörerkreis, dem neben von Entlassung bedrohter Freikorpsoffiziere auch die „Nationale Vereinigung“ angehörte. Die „Nationale Vereinigung“ war die Nachfolgeorganisation der Deutschen Vaterlandspartei, letztere gegründet vom Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp. In der „Nationalen Vereinigung“ vermischten sich konservative, rechtsradikale und antirepublikanische Ideologien. So trafen im Frühjahr Militärs und ranghohe Beamte zusammen, die sich gegen die Weimarer Demokratie stellten.

Ablauf des Putsches in Berlin

Lüttwitz und Kapp hielten in den Wochen vor dem Putsch intensiven Kontakt. Nachdem Verhandlungen mit der Reichsregierung gescheitert waren, marschieren am frühen Morgen des 13. März 6.000 Mitglieder der Marinebrigade Ehrhardt ins Berliner Regierungsviertel ein und ernannten Kapp zum Reichskanzler.

Die Mitglieder der Nationalversammlung werden rechtzeitig gewarnt und verlassen die Hauptstadt Richtung Dresden, von dort aus Richtung Stuttgart. Außer Flucht bleibt ihnen keine andere Möglichkeit, da die Reichswehr sich weigert, gegen die Putschisten vorzugehen. In diesem Zusammenhang lautet ein bekannter Ausspruch des Chefs des Truppenamts Hans von Seeckt:

Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr.

Soldaten des PUtsches auf einem Lastwagen am Potsdamer Platz in Berlin; Bild:
Bundesarchiv, Bild 146-1970-051-65 / Haeckel, Otto / CC-BY-SA 3.0

Nach der gelungenen Besetzung von Berlin versucht Kapp, die Regierungsgewalt zu erlangen. Dazu verhängt er den Ausnahmezustand: Versammlungen werden verboten, die Nationalversammlung aufgelöst. Auch Zeitungen dürfen aus Angst vor Gegenpropaganda nicht erscheinen. In Flugblättern betont der selbsternannte Reichskanzler, dass es sich nicht um einen Militärputsch handelt.

Schlechtes Timing und Verwirrung

Für die Berliner Bevölkerung beginnt der 13. März zunächst wie gehabt. Zwar waren die meisten Angestellten der Regierung abgereist. Doch viele Behörden bleiben weiterhin besetzt, die Mitarbeiter*innen warten den Verlauf der Dinge ab. Auch viele Arbeiter*innen gehen wie gewohnt zur Arbeit, vom Putsch haben sie noch nichts erfahren. Erst im Laufe des Vormittags verbreitet sich die Nachricht vom Putsch und die Propaganda-Flugblätter in der Stadt.

File:Bundesarchiv Bild 183-R16976, Kapp-Putsch, Berlin.jpg
Angehörige der Marinebrigade verteilen am 13. März Flugblätter; Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R16976 / CC-BY-SA 3.0

Aufmerksamen Leser*innen der Flugblätter fällt auf, dass der offizielle Regierungsstempel darauf fehlt. Einer der letzten verbliebenen Mitglieder der Reichskanzlei, Staatssekretär Arnold Brecht, hat am Morgen alle Metallstempel im Gebäude eingesammelt. Als in die Putschisten fragen, ob er bereit sei, für Kapp zu arbeiten, lehnt er dies ab und verlässt mit den Stempeln in der Manteltasche das Gebäude. Aus Zeiten der Novemberrevolution erinnert er sich, welch schlechten Eindruck Regierungsschreiben ohne ordentlichen Stempel machen.

Weitere Ministerien weigern sich, den Anordnungen Kapps Folge zu leisten. So stehen die Putschisten beispielsweise bald ohne Geld da, weil der Staatssekretär des Innenministeriums sich weigert, ihnen Sold auszuzahlen.

Der Generalstreik und die Folgen des Putsch

Historisches Flugblatt der SPD vom 13. März 1920 mit dem Aufruf zum Generalstreik gegen den Kapp-Putsch; Wikipedia gemeinfrei

Wesentlich zum Scheitern des Putsches trägt der Generalstreik bei. Zu diesem hatten noch vor ihrem Verlassen der Hauptstadt die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder und der Parteivorsitzende der SPD, Otto Wels, aufgerufen. Schon am Mittag des 13. März schließen in Berlin die ersten Betriebe, am nächsten Tag steht die Stadt komplett still. Immer mehr Städte schließen sich dem Streik an, die öffentliche Dienstleistung bricht zusammen. Auch die Reichswehr entzieht den Putschisten bald ihre Unterstützung, die Stimmung in der Bevölkerung richtet sich zunehmend gegen die vorübergehenden Machthaber. In mehreren Städten kommt es zu Ausschreitungen mit Toten auf beiden Seiten.

Zu viel Gegenwehr auf der einen, zu wenig Unterstützung und Planung auf der anderen Seite führen zum Scheitern des Putsches. Nach nur vier Tagen ist er beendet, am 17. März flieht Kapp nach Schweden. Lüttwitz übernimmt zwar die Macht, doch nach nur einem Tag tritt auch er zurück und verlässt die Reichskanzlei. Kurz darauf kehrt die legitime Regierung nach Berlin zurück. Zumindest diesmal gelingt die Abwehr des Angriffs von rechts.

Bedeutung für heute?

Eine Lehre aus der Geschichte zu ziehen, ist gar nicht so einfach. Zwar war die unmittelbare Gefahr für die Demokratie, die vom Putsch ausging, abgewehrt. Dies gelang vor allem, weil sich Arbeiter*innen, Beamte, Angestellte und viele mehr flächendeckend zusammentaten. Aber der Kapp-Lüttwitz-Putsch war nur eine von vielen Krisen, die die Weimarer Demokratie erschütterten. Dass nicht alle erfolgreich abgewendet werden konnten, wissen wir heute.

Vielleicht ist der gescheiterte Putschversuch für uns so weniger eine Warnung, als eine Erinnerung: Dass Demokratie verteidigt werden muss, in Friedens- wie in Krisenzeiten. Sonst werden wir sie eines Tages vermissen und ihren Wert erst erkennen, wenn es zu spät ist.

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Über uns 
Annalena B. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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