Demokratiegeschichten

Besuch im Jüdischen Museum Berlin

Was hat ein zu langer roter Faden mit einer Dauerausstellung zu tun? Und wie spielen die Geschichte und Gegenwart der Demokratie mit rein? Ein Besuch im Jüdischen Museum Berlin bietet Antworten.

Wer im Untergeschoss des Libeskind-Baus die Achse der Kontinuität entlangläuft, endet nach 82 Stufen und einem Ausblick auf Lichtprojektionen in der neuen Dauerausstellung „Jüdische Geschichte und Gegenwart“. Für den Kraftakt beim Aufstieg werden die Besucher*innen direkt belohnt: Sie dürfen einen Wunsch aufschreiben und ihn zu Blättern eines prächtigen Wunschbaums machen. Damit nicht genug: Die Ausstellung hält viele dieser kleinen Überraschungen bereit – es darf also nicht nur passiv beobachtet werden. Vielmehr werden viele Sinne angesprochen und Ausschnitte jüdischer Kultur interaktiv erlebbar gemacht.

Beispiele gefällig? Zunächst ist eine über 100 Jahre alte Tora-Rolle zu bestaunen. Wenige Augenblicke später lässt sich dem Rasseln des Purim-Festes lauschen oder inmitten eines Farbenmeeres an dem Duft einer Hawdala-Gewürzbüchse riechen. Ebenso ist Geschmackssinn gefragt: Esse ich koscher oder nicht? Für manche lebt der Talmud von seiner lebendigen Auslegung, wie Gläubige in kurzen, persönlichen Erklärvideos deutlich machen. Auf einer Landkarte Deutschlands kann man selbst auf Spurensuche gehen und beim sogenannten Alijah-Brettspiel ist der Tastsinn gefragt, um zu bestehen.

Roter Faden

Die Geschichte jüdischer Menschen in Deutschland bildet den zweiten thematischen Schwerpunkt der Ausstellung. Ein Besuch vermittelt somit unweigerlich auch schwere Kapitel. Dabei liefert das Museum aufwändig gestaltetes Anschauungsmaterial und Einblicke, die stellvertretend für den breiteren, teils ambivalenten historischen Rahmen stehen. Jüdisches Leben zwischen Duldung, wirtschaftlichem Erfolg, Mitwirkung, Gestaltung sowie Armut, Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung.

Angesichts dessen wird deutlich: Der Kampf um gesellschaftliche und politische Teilhabe wurde kontinuierlich von einer wandelbaren, aber allseits hässlichen Erscheinung begleitet – dem Antisemitismus. Folgerichtig zieht er sich – zwar in unterschiedlicher Gestalt, aber immer erkennbar als eine Art thematischer, roter Faden – durch die Ausstellung. Er prägt somit die Zeitachse jüdisch-deutscher Geschichte.

Vom Mittelalter…

Zwei Figuren machen bildhaft, wie sehr der religiöse Antisemitismus die christliche Ikonographie einnahm. Ecclesia und Synagoga sind auch heute an vielen Kirchen zu finden. Erstere stellt als Repräsentantin des Christentums eine stolze, triumphierende Figur dar. Letztere trägt stellvertretend für das „Wahrheit verweigernde“-Judentum eine Augenbinde und wendet sich schwächlich ab – teilweise durfte an ihrer Seite sogar der Teufel nicht fehlen.

Zudem wird der Einfluss von gesellschaftlich, sozial verwurzeltem Antisemitismus deutlich: Kleine, hebräische Lettern aus Blei verweisen auf die faszinierende Handwerkstradition jüdischer Wanderdrucker. Gleichzeitig ist die unmittelbare Folgerung, dass das Druckprivileg vornehmlich Christen vorbehalten war. Eine eigene Werkstatt oder nicht? Damals eine Frage des Glaubens.

…zur Neuzeit

Der rote Faden bricht auch nach der mittelalterlichen Epoche nicht ab: So wird der Übergang zum Neuzeit-Teil der Ausstellung mit den Worten „Auch Juden werden Deutsche“ eingeleitet.

Jedoch tat sich die heranwachsende Nation mit der Anerkennung nicht leicht. Obwohl jüdische Menschen Öffentlichkeit, Kultur und Wirtschaft prägten, war der Kampf um gleiche Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz jahrhundertelang von herben Rückschlägen gekennzeichnet.

Im Laufe der Zeit zeigte sich eine modernere, aber nicht weniger hässliche Gestalt: der politische Antisemitismus. Derselbe trieft wiederum nur so aus einer Fülle von zeitgenössischen Zitaten des 19. Jahrhunderts, die über den Besucher*innen angebracht sind.

Lässt sich das Werk vom Künstler trennen?

Ebenso spielt er ein paar Räume weiter eine Rolle, wenn es um einen echten Superstar seiner Zeit geht, den Komponisten Richard Wagner. Hier stellte sich schon damals die Frage: Lässt sich das Werk vom Künstler trennen? Dass Wagner überzeugter Antisemit war, ist eindeutig. Aber finden sich die antisemitischen Überzeugungen auch in seinen Opern wieder? Sind sie sogar bewusst eingeflossen? Schwierige Fragen, die Diskussionsstoff lieferten – und sich heute noch aufdrängen.

Als Antworthilfe schimmert der Regisseur Barrie Kosky aus der Wand hervor und scherzt:

„Ein C-Dur kann nicht antisemitisch sein, er hat aber Wörter geschrieben.“

Was also tun? Nicht aufführen?

„Das beste Gegenmittel zu Wagners Antisemitismus ist, dass Juden seine Musik spielen. Eine bessere Rache gibt es nicht. Er würde sich im Grab umdrehen“,

gibt Kosky zu bedenken.

Zu Bedenken gibt allerdings auch die Kürze, mit der die Ausstellung die Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik abhandelt. Es bleiben zahlreiche offene Fragen über eine Zeitspanne, die mit besonderen Gegensätzen verbunden wird. Auf der einen Seite ermöglichte die Republik Aussicht auf gesellschaftliche Gleichstellung und erstmalig Schutz gesellschaftlicher Minderheiten. Gleichzeitig wurde diese Hoffnung durch den immer stärker hervortretenden Antisemitismus getrübt, der das demokratische Fundament stetig aushöhlte. Außerdem bleibt die Frage offen, wie es mit den Verdiensten und dem Engagement jüdischer Menschen für die demokratischen Bewegungen und Republik als solche aussah?

…in die Katastrophe

Blick in den Epochenraum „Katastrophe © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Der Antisemitismus wandelte seine Gestalt bekanntlich erneut in seine wohl aggressivste, durch und durch rassistische Form. Folglich endet der thematische rote Faden der Ausstellung vorerst im Zusammenbruch der deutschen Demokratie und der Katastrophe. Die Ausstellungsräume zur NS-Zeit erzählen eine Chronik der Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung. Diese wird durch Schriften der deutschen Justiz sichtbar, die von den Seiten des Raumes baumeln. Die existenzielle Frage: „Auswandern oder Ausharren?“ spiegelt sich dabei in persönlichen, alltäglichen Zeugnissen jüdischer Menschen wider. Wer denkt, dass der rote Faden in der Shoah ein Ende findet, irrt jedoch.

… und ins Jetzt

Debattenraum Antisemitismus im Epochenraum „Nach 1945“ © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

Die Ausstellung schließt mit der Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland. Hier werden die Besucher*innen nochmal direkt eingebunden. Dafür werden per Knopfdruck-Wahl gesellschaftliche und politische Fragen des Jetzts diskutiert: Was denken Sie? Sind Beschneidungsgegner*innen antisemitisch?  Soll die sogenannte „Judensau“ entfernt werden? Rassismus und Antisemitismus – irgendwie das gleiche? Wie mit besorgniserregenden, aktuellen Entwicklungen umgehen?

Expert*innen melden sich per Video zu Wort und erklären ihre Ansichten. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, beklagt, dass rote Linien und die Grenzen des Sagbaren aktuell verschoben werden. Was tun?

Zur Anfangsfrage: Die Ausstellung und die jüdische Geschichte in Deutschland als solche machen deutlich: Die rote Linie schiebt sich nicht von selbst zurück. Ebenso wenig, wie sich der rote Faden von selbst zerschneidet. Alle müssen hinschauen und aktiv mitmachen, um sowohl Minderheiten als auch die Demokratie als beste Garantin von Gleichheit und Sicherheit für die selbigen zu schützen. Mit einem Knopfdruck oder einem Kreuz bei der Wahl ist es nicht getan.

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